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1. Dezember

Prolog
Heiligabend, 16:00 Uhr
Niklas wartete genervt auf den Fahrstuhl. Klar, er könnte aus dem ersten Stock auch zu Fuß bis in den Keller gehen, um den gefüllten Jutesack zu holen, aber heute war er nun mal faul. Außerdem hatte er keine Lust, in seinem Weihnachtsmannkostüm im Treppenhaus jemandem über den Weg zu rennen und blöde Fragen zu beantworten; den Aufzug nahm erfahrungsgemäß niemand. Aber zu einem Mehrgenerationen-Wohnprojekt gehörte natürlich auch ein Aufzug, wobei die beiden älteren Leute hier im Haus besser zu Fuß waren als so mancher Andere. Mehrgenerationen-Wohnprojekt … Niklas schnaubte abschätzig und drückte noch mal aggressiv auf den Aufzugsknopf. Mann, mittlerweile wäre er schon längst im Keller und hätte sich den albernen Sack mit den vielen Geschenken – überwiegend Postkartenkalender, Duschgel-Bodylotion-Sets, Powerbanks, eben so Kram, den jeder irgendwie gebrauchen kann – geschnappt. Warum hatte er überhaupt zugesagt, diesen Job zu übernehmen? Sein Kumpel Boris hatte ihn überredet, in seiner hippen Werbeagentur den Weihnachtsmann zu geben. Boris hatte um die 20 Mitarbeiter, alle – wie es dem Klischee entsprach – nerdige Singles, für die Heiligabend eigentlich ein Tag wie jeder andere war. Also war er als Chef auf die Idee gekommen, gegen 17:00 Uhr Niklas als Weihnachtsmann auftauchen zu lassen, der mit dem Verteilen der netten Nichtigkeiten eine Überraschungs-Weihnachtsparty einleiten sollte. Und irgendwann nach dem 3. Bier hatte Niklas dann zugesagt. Schließlich war er selbst Heiligabend allein mit seiner Katze, und der war es egal, ob sie Ihr Festtags-Katzenfutter um 18:00 Uhr oder um 19:00 Uhr bekam.So, da war der Aufzug endlich; modern und mit Glasfront, aber lahm wie die letzte Schnecke. Niklas unterdrückte den Wunsch, die sich langsam öffnenden Glastüren mit der Hand auseinander zu drücken und betrat schließlich die Kabine. Heftig drückte er auf den Knopf, der ihn in den Keller bringen sollte, und langsam setzte sich der Aufzug in Bewegung. Als der Aufzug genau zwischen Erdgeschoss und Keller war und Niklas' Kopf gerade auf Höhe des Holzrentiers vor Rosies Tür war, ging das Flurlicht aus, es gab einen Ruck und der Aufzug blieb stehen. Kurze Dunkelheit, dann ging das Notlicht im Aufzug an. Was sollte das denn jetzt? Niklas drückte auf ein paar Knöpfe, bis er registrierte, dass auch der Lichtschein unter Rosies Tür verschwunden war. Echt jetzt, Stromausfall? Seufzend zog Niklas das Handy aus der Tasche seiner roten Plüschjacke … natürlich, kein Netz. Der Eingangsbereich war immer schon ein einziges Funkloch gewesen. Und jetzt? Das Haus war still wie meistens, fast gespenstisch. Sieben Parteien wohnten hier, aber man bekam kaum jemanden zu Gesicht. Normalerweise war Niklas das ganz recht, aber genau jetzt hätte er gerne jemand anderen gesehen als das dumme Rentier, das er so gerade noch schemenhaft erkennen konnte. Bevor er richtig nachdachte, rief Niklas laut: „Hallo? Halloo? Äh, Hilfe? Ich stecke im Aufzug ...“, ach, bringt ja eh nichts. Vielleicht ist es ja auch gleich wieder vorbei mit dem Stromausfall und dann säße er hier wie ein kleiner Junge, der nach seiner Mama heult. Seufzend schaute er noch mal aufs Display. Es war 16:10 Uhr am 24. Dezember 2017.

1. Dezember
Rosie kam von ihrer morgendlichen Walkingrunde zurück. Jeden Morgen 5 km, egal, bei welchem Wetter, das machte sie nun seit gut zwei Jahren und war seitdem keinen Tag mehr krank. Angefangen hatte sie mit einem Nordic-Walking-Kurs im Turnverein, auch damals ein bisschen in der Hoffnung, vielleicht jemanden kennenzulernen, aber es waren überwiegend ältere Damen wie sie selbst, die schon nach der 2. Kursstunde in schnatternden Kleingrüppchen hinter ihr zurückblieben. Nein, zu so einer Gänseschar wollte Rosie nicht werden, sie wollte etwas für sich, ihre Gesundheit und auch für ihren Körper tun. Und, so stellte sie immer wieder leicht stolz fest, ihre 72 Jahre sah man ihr auch wirklich nicht an. Auch, wenn die kurzen Haare grau waren; ihre Haut profitierte von der frischen Luft und sie war wirklich gut trainiert. Auch an diesem ersten Dezembermorgen, der eher nieselig-mild war, hatte sie ihre Morgenrunde genossen. Es war noch dunkel, als sie losgegangen war, mit Stirnlampe und Reflektoren ausgestattet. An der Haustür hatte Niklas aus dem ersten Stock ihr noch die Tür aufgehalten, er selbst war schon wieder spät dran und würde wohl mal wieder erst kurz vor dem ersten Läuten im Lehrerzimmer eintreffen. Ein kurzes Nicken, ein kurzes 'Guten Morgen' und schon hetzte er zu seinem Auto.
Michael und Sarah, die neben ihr wohnten, hatte Rosie schon eine Viertelstunde früher an ihrer Tür vorbeigehen hören, Sarah wie immer fröhlich schwatzend, wie es sich für eine Siebenjährige gehörte. Michael brachte sie auf dem Weg in die Agentur morgens zur Schule, nachmittags holte er sie aus dem offenen Ganztag ab und arbeitete dann oft bis spät in die Nacht von zuhause aus weiter. Vor zwei Jahren, als alle Parteien in das Haus eingezogen waren, versuchten einige der Bewohner noch, miteinander in genau den Kontakt zu treten, der hinter der Idee des Mehrgenerationen-Wohnprojekts stand. Der Gedanke, Rosie als eine Art Ersatz-Oma für Sarah zu gewinnen, war der Auslöser für ein längeres Gespräch an Rosies gemütlichem Küchentisch. Da hatte Michael ihr dann seine mehr als traurige Geschichte erzählt, denn die Mutter von Sarah war direkt nach der Geburt gestorben, an einem unentdeckten Aneurysma im Kopf. Wie bei diesem Film, Jersey Girl oder wie der hieß, dachte Rosie sich, während Michael krampfhaft versuchte, nicht vor der noch fremden Frau loszuheulen. Ein bisschen hatte er noch erzählt, wie unglaublich schwierig alles war mit diesem Säugling; seine eigenen Eltern waren zwar die erste Zeit in seiner Nähe, aber sie kurvten als rüstige Ruheständler in ganz Europa herum und verbrachten die Winter auf irgendeiner kanarischen Insel. Trotzdem hatte Michael ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern und war mit ihnen sämtliche Optionen – von Adoption über Nanny bis hin zur konkreten Planung, wie er Sarah allein großziehen konnte – durchgegangen. Da seine Frau ihre Eltern schon früh verloren hatte (manche Familien traf es aber auch knüppeldicke, dachte sich Rosie), gab es keine Verwandten mütterlicherseits und Michael hatte sich schließlich dazu durchgerungen, seine Tochter alleine großzuziehen. Und das machte er fantastisch, merkte Rosie, denn Sarah saß während des Gesprächs zufrieden im Wohnzimmer, hörte eine Märchen-CD und malte. 
Trotzdem war Michael nach diesem Gespräch Rosie gegenüber eher distanziert. Es schien ihm irgendwie doch peinlich zu sein, sein Herz so ausgeschüttet zu haben, jedenfalls war es nie dazu gekommen, dass Rosie mehr für Sarah wurde, als die nette alte Dame, die ihr nach der Schule immer durchs Küchenfenster zuwinkte. Rosie fand das sehr schade, aber sie würde sich auch nicht aufdrängen.

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