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2. Dezember

1. DezemberMittlerweile war Rosie durch den Hausflur in ihren Keller gegangen, wo sie ihre dreckigen Walkingschuhe ausbürstete, die nasse Jacke auf die Leine hängte und ihre Stöcke in die Ecke stellte, bevor sie in ihre Hausschuhe schlüpfte und sich wieder auf den Weg nach oben machte. Für den Fahrstuhl mit den schicken Glastüren hatte sie nur einen mitleidigen Blick übrig, den benutzte fast nie jemand. Uff, der Flur und das Treppenhaus sahen durch das Nieselwetter draußen ganz schön schäbbig aus. Wer hatte denn diese Woche Treppenwoche? Rosie ging zum schwarzen Brett: Ach, 1. OG links, das waren die Studenten. Rosie seufzte. Na, bis morgen Abend hatten die ja noch Zeit, aber Rosie wusste, dass doch am Ende wieder sie eben schnell durchfegen und -wischen würde. Im Mehrgenerationen-Wohnprojekthaus war auch vorgesehen, dass die Studenten zu ermäßigter Miete wohnten, dafür aber insgesamt zwei Stunden pro Woche an 'Arbeiten für das Gemeinwohl' verrichteten. Zu pflegen gab es hier aber niemanden, um den Garten kümmerte sich sowieso keiner, und die drei Studenten nutzten es einfach aus, dass niemand die Stunden einforderte. Hätte Rosie damals auch so gemacht. Treppenwoche und Schneeräumdienst waren natürlich vertraglich vereinbart, und hier hatte Rosie schon öfter mal freundlich auf die Pflichten aufmerksam gemacht – meistens ohne Ergebnis. Anstatt nun einen großen Streit vom Zaun zu brechen, griff sie dann halt selbst zum Feudel. So viel hatte sie ja nicht zu tun. So, jetzt aber schnell unter die heiße Dusche und dann gemütlich frühstücken.2. DezemberKarl saß mit der FAZ am Frühstückstisch, das Radio lief nebenbei, bis er das Gesabbele nicht mehr ertragen konnte und ausschaltete. Es war wie immer ziemlich still im Haus. Klar, die Studenten schliefen noch, die hatten ja gestern Abend bis in die Puppen Besuch. Um 22 Uhr hatte Karl heftig mit dem Besen gegen die Decke geklopft und die Musik wurde auch leiser gedreht. Aber um 2 Uhr verabschiedeten die Besucher sich, stampften durchs Treppenhaus und ließen die Haustür ins Schloss knallen, was für eine Unverschämtheit! Er hatte sich schon mal beim Mieterschutzbund erkundigt, aber außer gegen laute Musik konnte er nicht viel tun. Dass Menschen durch ein Treppenhaus gingen, sei ja eine normale Sache, dafür sei ein Treppenhaus ja auch gedacht, sagte ihm der junge Mann mit widerwärtigem Sarkasmus. Diese Grünschnäbel heute, kein Respekt mehr, das hatten seine Schüler damals auch versucht in den Siebzigern, aber denen hatte er schnell gezeigt, dass mit Oberstudienrat Karl Lammers keine Sperenzchen drin waren. Streng, aber gerecht, das war sein Credo am humanistischen Gymnasium gewesen, und nach diesem Motto hatte er seine gesamte Berufszeit hindurch Deutschkurs für Deutschkurs, Geschichtskurs für Geschichtskurs zum erfolgreichen Abitur geführt. Er war immer pünktlich, bis auf den Bandscheibenvorfall vor 20 Jahren nie krank und trug stets Anzughose, Hemd und Jackett. In den letzten Jahren seiner Lehrtätigkeit hatte er dann die ehemaligen Schülerinnen und Schüler als Eltern der neuen Schülergeneration wiedergetroffen und sie hatten ihm überwiegend dafür gedankt, dass er die Zügel nicht hatte schleifen lassen. Aber wenn er sich die heutige Generation von jungen Leuten so ansah … kein Pflichtbewusstsein, keine Manieren, kein Respekt mehr vor Älteren. Und dann diese furchtbare Sprache, durch die sozialen Medien völlig verkommen. Im Spiegel hatte neulich diese Liste mit Begriffen aus der Jugendsprache gestanden, für ihn waren das Böhmische Dörfer. Es hieß nicht 'vong', es hieß von, und künstliche Wortschöpfungen wie 'napflixen' waren ja wohl völlig indiskutabel. Manchmal war er sehr froh, dass er weder eigene Kinder noch – logisch – Enkelkinder hatte und somit diesen Verfall in der Gesellschaft nicht in der eigenen Familie mit ansehen musste. Ihm reichten schon die paar Kinder und Jugendlichen hier im Haus; allen voran diese sogenannten Studenten im ersten Stock, Sven und Matze (was war das auch für ein Name, der junge Herr hieß doch sicherlich Matthias!) und dann noch Isa (Isabel? Isabella?), die alle drei Maschinenbau studierten. Na, wie weit die Isa in dem Beruf als Frau kommen würde, konnte man sich ja schon ausmalen. Und diese Wohngemeinschaft mit zwei Männern und einer Frau fand er ja auch sehr befremdlich. Aber Isa hatte anscheinend einen Freund in einer anderen Stadt, zu dem sie jedes Wochenende fuhr. Kein Wunder, so wie es in der WG höchstwahrscheinlich aussah, würde Karl dort auch niemanden hin einladen. Dann gab es noch die beiden Kinder von Frau Mischer, ein großer, schlaksiger Kerl, Johannes hieß er, wenn er sich recht erinnerte. Na, wenigstens ein vernünftiger Name; der Junge war diesen Sommer zu einem Auslandsjahr in die USA aufgebrochen. Nun war noch seine Schwester hier, Carina, die sah er nur hinter einem Haarvorhang mit Kabeln, die aus den Ohren zu kommen schienen, den Blick auf ihr Handy gerichtet, wie sie mit missmutigem Gesichtsausdruck hinter ihrer Mutter her trabte. Einmal waren sie in den zwei Jahren, in denen er hier wohnte, zufällig an der Haustür zusammengetroffen, Frau Mischer, die Brut und er, und während die Kinder grußlos an ihm vorbei schlurften, guckte Frau Mischer ihn entschuldigend an und sagte: „Pubertät halt!“. Er hatte säuerlich zurück gelächelt. Pubertät als Entschuldigung für schlechte Erziehung, ja, den Trick hatten Hunderte von Eltern schon bei ihm versucht. Natürlich ohne Erfolg, ihm machte niemand etwas vor. 

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