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3. Dezember

2. DezemberAber im Haus war noch ein Kind, die kleine Krabbe von schräg gegenüber … wider Willen musste Karl fast lächeln. Na gut, Sarah war nun wirklich ein Sonnenschein. So ein Bündel Lebensfreude auf zwei Beinen hatte er selten erlebt, dabei war sie clever, ohne altklug zu sein, aufmerksam, aber nicht neugierig und sie ließ die Haustür nie von selbst ins Schloss fallen, sondern machte sie immer geduldig leise zu. Und das, obwohl der Vater keine weibliche Unterstützung in der Erziehung hatte – eine Tatsache, die Karl immer wieder erstaunte. Lautes Geklapper im Flur riss ihn aus seinen Gedanken. Was war denn da schon wieder los? Die alte Kruke von gegenüber würde doch wohl nicht schon wieder … er sprang fast vom Tisch auf und ging zum Türspion: Richtig, sie wischte tatsächlich schon wieder den Flur, obwohl sie überhaupt keine Treppenwoche hatte. Herr im Himmel, und die Studentenbande lachte sich wahrscheinlich ins Fäustchen. Kopfschüttelnd ging Karl zurück in seine Küche. Er hatte anfangs einmal versucht, diese Rosie zur Vernunft zu bringen und sie über Pflichtversäumnis und Konsequenzen zu belehren versucht, aber sie hatte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, den Mopp ausgewrungen und beim Feudeln fast fröhlich gesagt: „Ach, lass man, Karl, wir haben doch früher auch samstags lieber ausgeschlafen, oder? Ist doch schnell gemacht!“.Karl hatte sich sprachlos umgedreht und war in seine Wohnung zurückgegangen. Was genau ihn so sprachlos gemacht hatte, konnte er gar nicht sagen: Die vertrauliche Anrede, die Unterstellung, dass er früher ebenso faul wie diese jungen Leute gewesen sein könnte, oder vielleicht die verwirrende Tatsache, dass er ohne es zu wollen ihre äußerst gut geformte Kehrseite registriert hatte, als sie sich bückte, um den Mopp aufzuziehen. Jedenfalls war er schnell in die Sicherheit seiner kleinen Wohnung geflohen. Innen hatte er sich an die Tür gelehnt und gemurmelt: „Unmöglich. Und das mit über 70!“. Ob er damit Rosie meinte oder seine eigene Person, war Karl in diesem Moment selbst nicht klar.3. Dezember„Papa, darf ich die erste Kerze anzünden? Ich passe auch auf, dass ich mich nicht verbrenne. Und weißt du, was heute in meinem Adventskalender war? Eine Schokokerze, das passt doch genau, oder?“ Michael knurrte, streckte sich und schielte mit einem Auge auf den Wecker am Bett. 7:03 Uhr, stockdunkel draußen, das konnte er trotz der selbstgebastelten, krummen Transparentpapiersterne, mit denen Sarah sämtliche Fenster der Wohnung zugepflastert hatte, erkennen. „Sarah, Süße, warum bist du schon wach? Wir hatten doch gesagt, dass du ...“ „Jaaaa, ich weiß Papa, ich soll bis acht in meinem Zimmer leise spielen, wenn ich so früh wach werde, das mache ich ja sonst auch immer, aber heute kann ich das nicht aushalten. Es ist doch erster Advent und bald ist Nikolaus und dann ist WEIHNACHTEN!“ Sie war schon längst zu ihm ins Bett gekrabbelt, hatte ihre süße Stupsnase – Ellens Stupsnase, dachte Michael mit diesem jähen Schmerz, der ihm auch nach sieben Jahren noch aus heiterem Himmel ins Herz fahren konnte – leicht gerümpft, als sie seine Decke anhob, aber nun lag sie direkt vor ihm und zog ihm ein Augenlid hoch. „Papa! Ich will jetzt … ich möchte jetzt bittebittebitte die erste Kerze anzünden, komm, steh auf. Und dann frühstücken wir und nachher gehen wir in die Stadt und auf den Weihnachtsmarkt, das hast du mir versprochen, weil ich meine Hausaufgaben die ganze Woche ohne Meckern gemacht habe.“Michael stöhnte – das hatte er ja total vergessen. In die Stadt am verkaufsoffenen Adventssonntag, und dann noch auf den Weihnachtsmarkt. Was hatte er sich dabei nur gedacht? Es war am Dienstag gewesen, Sarah saß maulend über den blöden Mathe-Hausaufgaben, als das Telefon klingelte und er mit einem komplizierten Kunden sprechen musste. „Papaaaaaa, ich kapier das nicht. Tom und Tina haben zusammen 19 Muscheln, und ...“ jammerte Sarah. Michael winkte ab und ging in die Küche, während sein Kunde ihm erklärte, warum er mit dem Farbschema der Website nicht mehr so zufrieden war. Sarah kam hinterhergetapert, ihr Heft in der Hand, mit deutlich vorgeschobener Unterlippe. Sie flüsterte – wie Siebenjährige eben so flüstern - „PAPA! Ich will Mathe nicht machen, ich werde Kindergärtnerin, da BRAUCHE ich gar kein Mathe!“ Michael schloss die Augen, ging in die Hocke, hielt die Sprechmuschel zu und flüsterte: „Pass auf, Sarah, wenn du jetzt Mathe machst und dann deine anderen Hausaufgaben und überhaupt alle Hausaufgaben für den Rest der Woche, dann darfst du Sonntag die erste Kerze anzünden und wir gehen in die Stadt UND auf den Weihnachtsmarkt, aber bitte, bitte lass mich jetzt in Ruhe telefonieren, ja?“Sarah nickte begeistert und hüpfte mit breitem Grinsen zurück ins Wohnzimmer. Nachdem Michael seinen Kunden davon überzeugt hatte, einfach mal auf ihn zu vertrauen und auf das fertige Layout zu warten, hatte er den Deal mit seiner Tochter schon wieder vergessen. Oder vielleicht auch verdrängt … jedenfalls knuffte sie ihn jetzt ungeduldig und fing an, ihm die Decke wegzuziehen. Na gut, es nützte ja nichts. Michael schmiss sich sein Kapuzensweatshirt über, stieg in die Tigertatzenhausschuhe, die Sarah ihm – sponsored by Oma – zum Geburtstag geschenkt hatte und ging sich wenigstens schnell die Zähne putzen. Sarah machte ihm in der Zwischenzeit einen Cappuccino, die Anschaffung der Maschine mit der kinderleichten Bedienung hatte sich schon mehr als rentiert. Und als er wenig später im fast dunklen Wohnzimmer saß und seiner Tochter zusah, wie sie mit vor Aufregung fest zusammengepressten Lippen ein Streichholz anriss, kurz wartete und dann den Docht der ersten Kerze leicht zitternd anbrannte, als er beobachtete, wie der heller werdende Kerzenschein ihr zuckersüßes Kinderprofil erhellte und sie gewissenhaft das Streichholz auspustete, da hätte er sich nichts vorstellen können, was er an diesem trüben Dezembermorgen um 7:15 Uhr lieber hätte machen wollen. 

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