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4. Dezember

3. DezemberEr zog Sarah auf seinen Schoß und gemeinsam schauten sie in die flackernde Flamme. Es war wie immer sehr still im Haus, nur aus Rosies Wohnung nebenan hörte er die vertrauten Geräusche, als sie ihre Wohnungstür aufschloss und in den Keller huschte, um ihre Walkingschuhe anzuziehen. Michael hatte echten Respekt vor ihrer Konsequenz, bei Regen und Schnee, Hitze und Wind ihre Runde zu drehen. Sich vorzustellen, dass sie die 'Seniorin' war, die von diesem Mehrgenerationendings profitieren sollte – Michael musste fast laut lachen. Er kannte kaum jemanden, der weniger Unterstützung benötigte als Rosie. Von dem Gespräch vor zwei Jahren, als alle hier eingezogen waren, wusste er, dass Rosies Mann nach fast 50 Jahren Ehe gestorben war und ihr Sohn sich Sorgen machte, wie es nun mit ihr weitergehen sollte. Da er nicht nur in Süddeutschland lebte, sondern auch beruflich sehr viel und weltweit unterwegs war, konnte er seine Mutter kaum besuchen und hatte ein sehr schlechtes Gewissen. Irgendwann stieß er auf das Wohnprojekt und regelte mit ihrem Einverständnis den Verkauf des Hauses und den Umzug in die großzügige Mietwohnung im Erdgeschoss. Ein weiterer älterer Herr, Alleinerziehende mit Kindern unterschiedlichen Alters, Studenten, die stundenweise durch Besorgungen, Hilfe im Garten oder Haus allen Bewohnern zur Seite stehen würden, dazu eine Bushaltestelle vor der Tür und Supermarkt, Apotheken und Ärzte in der Nähe – ja, das war perfekt. Rosie schien sich, soweit Michael das abschätzen konnte, sehr wohl zu fühlen, und ihr Sohn schickte regelmäßig kurze Postkarten von seinen ganzen Reisen. Denn so fit Rosie auch war, sie weigerte sich standhaft, einen Computer zu benutzen. Soweit Michael wusste, hatte sie nicht einmal einen Fernseher. Aber nach dem einen Gespräch, das Michael im Nachhinein einfach nur peinlich war, so emotional war er geworden, hatten sie sich nur noch freundlich gegrüßt oder kurz Hallo gesagt, wenn sie sich mal über den Weg liefen. Er hätte es schon toll gefunden, wenn Sarah eine Art Ersatz-Oma hätte, denn seine Eltern kamen nur ganz selten mal hier vorbei, aber er hatte auch das Gefühl, dass Rosie genug zu tun hatte und sich selbst gar nicht als Oma sah, also wollte er sich auch nicht aufdrängen. Sarah drehte sich auf seinem Schoß um, strahlte ihn an und sagte: „Wollen wir Brötchen holen gehen und dann frühstücken und dann, bis die Geschäfte aufmachen, noch Uno spielen?“ „Nichts lieber als das!“ sagte Michael und gab ihr einen dicken Schmatzer mitten auf die Nase.4. DezemberNiklas saß im Lehrerzimmer, vor sich einen Stapel Klausuren. Er hatte jetzt schon keinen Bock mehr, so sehr hatte er sich bei den ersten fünf Korrekturen aufgeregen müssen. Manchmal fragte er sich, wozu er das überhaupt alles machte, denn anscheinend hörte ihm eh keiner zu, wenn er vorne an der Tafel stand. Und sobald er sich umdrehte, flogen die Köpfe hoch, total unauffällig, er konnte jedem Schüler auf den Kopf zusagen, ob er unter dem Tisch am Handy war oder nicht. Natürlich galt an der Schule ein Handyverbot während des Unterrichts, aber um das durchzusetzen, hätte er täglich 50 Handys einsammeln müssen. Also machte er das wie alle seine Kollegen: Strafende Blicke, ein drohendes „Tu das weg!“ und eine gelegentliche persönliche Ansprache einzelner Schüler mit Einkassieren des Geräts bis zum Unterrichtsende. Bei den Klausuren wurden die Handys auf das Lehrerpult gelegt, wenigstens das klappte, aber hier kamen auch die guten alten Spickzettel zum Einsatz, das konnte er ebenfalls ganz klar erkennen. So wie hier in Linas Matheklausur … meine Güte, sie hatte stumpf die komplette Übungsaufgabe abgeschrieben, ohne darauf zu achten, dass in der Klausuraufgabe völlig andere Werte standen. Seufzend griff Niklas zum Rotstift. Lehrer war eigentlich immer sein Traum gewesen und mit Mathe und Sport hatte er eine gute Fächerkombination und nicht ganz so viele schriftliche Arbeiten zu korrigieren wie andere Kollegen. Aber an Tagen wie heute, an denen er in den ersten beiden Stunden lustlose Neuntklässler zum Basketballspielen animieren musste, während 5 der insgesamt 8 Mädchen kichernd auf der Bank saßen („Herr Peters, ich kann heute nicht mitturnen … Sie wissen schon, warum ...“) und in denen seine zwei Freistunden mit Korrekturen ausgefüllt waren, bevor es mit Mathe bei den Fünftklässlern weiterging, hätte er liebend gern alles hingeschmissen und was ganz Anderes gemacht. Natürlich hätte er die Klausuren auch zuhause korrigieren können, aber am Wochenende war er wieder mit dem Haus beschäftigt gewesen. Sein Vater hatte vor drei Jahren zugeschlagen, als der Plan für das Mehrgenerationenhaus vorgestellt wurde, und das Haus gekauft. Allerdings hatte das jetzt Niklas irgendwie an der Backe, was wirklich niemals sein Traum gewesen war.

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