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5. Dezember

4. DezemberDie Stadt hatte viel versprochen, es wurden insgesamt zehn dieser Häuser in verschiedenen Stadtbezirken errichtet, alles schick und gehoben, für jeweils 7-14 Mietparteien. Bei der Auswahl der Mieter wurde darauf geachtet, dass es eine gute Mischung aus Jung und Alt war, aus alleinstehenden und alleinerziehenden Personen, von denen aber alle finanziell gut dastanden. Einzig die WG für die Studenten unterlag wegen der gemeinnützige Arbeiten einer geringeren Miete, aber das war genau so in die Hose gegangen wie eigentlich das gesamte Projekt. Seinem Vater war das total egal, er sah das Haus als reine Investition, eine von vielen, die er in ganz Deutschland und teilweise im Ausland hatte. Er selbst wohnte auch gar nicht vor Ort, daher hatte er seinem Sohn eine Wohnung zugeteilt, damit er als eine Art Verwalter auftreten konnte. Und somit hatte Niklas eine sehr bescheuerte Stellung innerhalb der Hausgemeinschaft. Ungefähr so, wie der Direktorssohn in Niklas' Klasse – keiner wollte so richtig mit ihm befreundet sein, aber alle hatten auch irgendwie Schiss vor ihm, weil er ja seinem Vater was erzählen könnte. Anfangs hatte Niklas noch versucht, aus den einzelnen Mietern wirklich eine Gemeinschaft zu machen. Er initiierte Kennenlerngespräche, es fanden 1-2 Treffen im großen Aufenthaltsraum statt, er versuchte, den Studenten ihre Arbeiten zuzuteilen … doch alles war im Sande verlaufen. Die beiden Senioren, Karl und Rosie, zeigten sich als mürrischer, besserwisserischer Einsiedler und sehr rüstige, aktive ältere Dame, von denen keiner Pflege brauchte oder Besorgungen zu erledigen hatte. Der lieblos angelegte Garten war quasi pflegeleicht, dort fuhr Niklas selbst ab und zu mal mit dem Rasenmäher ums Haus, und der Sandkasten mit den zwei Bänken, der die alleinerziehenden Elternteile versammeln sollte, war ein überdimensionales Katzenklo geworden. Vielleicht funktionierte das in anderen Projekten, aber Sarah war hier die Jüngste und spielte wirklich nicht mehr im Sandkasten, wenn sie auch ab und zu mal im Sommer mit einer oder zwei Freundinnen auf dem Rasen eine Picknickdecke ausbreitete und alle mit irgendwelchen kleinen Figürchen spielten. Wenigstens etwas.Auch der Aufenthaltsraum wurde nicht genutzt. Die Studenten hatten anfangs mal Party gemacht, aber das hatte ihnen der grumpelige Karl vermiest, der Punkt 22 Uhr im korrekten Pyjama hereingekommen und Ruhe gefordert hatte. Seitdem feierten die Studenten bei ihren Kommilitonen im Wohnheim, da war es egal, wie lange die Party ging. Allerdings, wunderte sich Niklas, so viel gefeiert wurde gar nicht, so manches Wochenende waren Matze und Sven zuhause und lernten, bis die Köpfe rauchten. Irgendwann klingelte der Pizzabote, dann war wieder Ruhe. Und Isa fuhr eh zu ihrem Freund.So blieb für Niklas gar nicht viel zu tun in seiner ominösen Rolle als Hausverwalter, denn das Haus war ja erst vor zwei Jahren bezogen worden, alles war noch mistneu und von guter Qualität. Niklas blickte auf die Uhr. Mist, er musste sich ranhalten, die dritte Stunde war schon fast vorbei. Seufzend nahm er sich die nächste Klausur vor. Wenigstens freute er sich auf heute Abend, da traf er sich mit Boris, seinem alten Kumpel, der mittlerweile eine hippe Werbeagentur hatte. Tauschen wollte Niklas nicht mit ihm, für Boris und sein Team schien es keine geregelten Arbeitszeiten oder auch nur Tageszeiten zu geben, irgendjemand arbeitete immer. Aber Boris hatte ihn angerufen und wollte irgendwas planen, bei dem Niklas eine wichtige Rolle spielen sollte – Niklas war gespannt. Aber jetzt hieß es erstmal, den Schultag hinter sich zu bringen. „Ach, Felix, was hast du denn hier bloß wieder gerechnet?“ murmelte er, während er sich von neuem in die Klausuren vertiefte und schüttelte resigniert den Kopf.

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