wortparade-logo_01.pngwortparade-logo_04.pngwortparade-logo_07.png
wp-logo.jpg

Fritz-Blank-Str.73 · 33334 Gütersloh  -   Telefon 05241-2334424  -  bluhm@wortparade.de  -  https://wortparade.de

6. Dezember

5. DezemberMaik Bühring wachte vom schrillen Klingeln des Telefons auf, es hallte in seinem Kopf wie eine Schiffssirene. Er tastete nach seiner Brille auf dem Nachttisch und sah auf den Wecker. 9:30 Uhr, verdammt, er hatte voll verschlafen. Fahrig tastete er nach dem Handy, wollte sich melden, aber es kam nur ein merkwürdiges Geräusch. Seine Stimme war noch gar nicht da und seine Zunge fühlte sich doppelt so groß und total pelzig an. Er versuchte es noch mal: „Bühring?“ krächzte er ins Handy und rieb sich mit der anderen Hand die schmerzende Stirn. „Maik? Alles okay mit dir? Bist du krank oder was, du klingst grauenhaft. Ich rufe an, weil wir uns vor dem Termin noch mal zusammensetzen wollten, aber … scheiße, was machen wir denn jetzt?“ sein Kollege war hörbar frustriert, klang aber auch besorgt. Um 10:30 Uhr war der Termin zur Präsentation ihres Entwurfs, davon hing eine Menge ab. Maik versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen … krank, ja, krank, das war die Lösung, Dirk hatte ihm eine perfekte Vorlage gegeben. „Dirk, grüß dich, ja, mich hat es total erwischt … ich habe den … äh, Wecker gar nicht gehört, sonst hätte ich mich doch gemeldet. Schaffst du die Präsentation alleine? Sonst komme ich schnell ins Büro und ...“ Maik brach ab, weil eine Welle von Übelkeit ihn traf, die er nur mühsam in Schach halten konnte. Schweiß brach aus allen Poren und er holte tief Luft. „Nein, kein Problem, lass nur, ich mach das,“ sagte Dirk – vielleicht eine Spur zu schnell. Er klang fast erleichtert. „Werd du erstmal gesund, ich gebe es dem Chef weiter, melde dich, wenn es dir wieder besser geht. Und ich maile dir später, wie alles gelaufen ist, okay? Leg dich wieder hin“, und schon hatte Dirk aufgelegt.Maik ließ sich wieder in die Kissen fallen. Alles drehte sich, er musste auf Toilette, wollte aber noch nicht aufstehen. Als der Schwindel nachließ, tapste er unsicher aus dem Schlafzimmer durch den kleinen Flur und durchs Wohnzimmer in Richtung Bad. Das Wohnzimmer war noch dunkel, die Jalousien waren heruntergefahren, und so trat er gegen zwei leere Flaschen, die laut über das Laminat rollten – in seinem Kopf klang das wie eine Bowlingbahn. Im Bad nahm er zwei Aspirin, ging auf die Toilette und dann stieg er erst einmal unter die Dusche und ließ sich das Wasser auf den Kopf prasseln, bis er langsam etwas klarer wurde, das Licht nicht mehr so grell schien und die Kopfschmerzen nachließen. Als er sich abgetrocknet hatte, starrte er sich im Spiegel an. Blasse Haut, rote Augen, teigiges und aufgequollenes Gesicht. Vielleicht hatte er es gestern Abend doch übertrieben; dass er die angebrochene Flasche Obstler im Laufe des Abends alle gemacht hatte, war ihm gar nicht aufgefallen. Der Film war aber auch spannend gewesen, es ging um … hm. Naja, war jedenfalls ein echt guter Film. Und die 3-4 Flaschen Bier pro Abend, das war ja nun überhaupt kein Problem, da gab es andere, die richtig viel tranken. Er blieb bei Bier, dazwischen ab und an mal ein kleiner Mirabellengeist, ganz genüsslich ...Okay, in letzter Zeit war es dann mal die ein oder andere Flasche Bier mehr geworden, das lag daran, dass die Abende jetzt auch länger wurden, es war ja um 17:00 Uhr schon stockdunkel. Und der Stress bei der Arbeit mit dem aktuellen Projekt, davon hing in der kleinen Landschaftsgärtnerei viel ab. Es war ein Wahnsinnsauftrag, ein großer Bauunternehmer hatte ausgeschrieben, und wenn sie das an Land ziehen konnten … Maik hatte jeden Tag mit Dirk zusammen geplant und diskutiert und gezeichnet, manchmal hatten sie sich gestritten, weil Maik irgendetwas vergessen hatte oder am nächsten Tag nicht mehr genau wusste, was sie am Tag zuvor abgesprochen hatten. Bei einem Streit hatte Dirk ihm total sauer eine Packung Minzdragees auf den Tisch geschmissen und beim Rausstürmen gesagt: „Nimm mal welche, du hast eine unglaubliche Fahne!“ Später war er wieder reingekommen, hatte ihm kurz auf die Schulter geklopft und sie hatten normal und produktiv weitergearbeitet.Fahne. Maik schnaubte. Er war doch kein Alki, er hatte das alles total im Griff. Das war vielleicht Knoblauch, er hatte vom Griechen Gyros und Zaziki liefern lassen, aber von Bier und den paar Schnaps hatte er doch keine Fahne. Dirk war echt ein Besserwisser, einfach zum Kotzen. 

*

**