wortparade-logo_01.pngwortparade-logo_04.pngwortparade-logo_07.png
wp-logo.jpg

Fritz-Blank-Str.73 · 33334 Gütersloh  -   Telefon 05241-2334424  -  bluhm@wortparade.de  -  https://wortparade.de

7. Dezember

5. DezemberMaik zog sich an, fuhr alle Jalousien hoch und trat auf seine Dachterrasse. Das war wirklich genial an seiner Wohnung, die gut 20 Quadratmeter Dachterrasse. Eigentlich wollte er sie mit Kübelpflanzen richtig schön machen, aber er saß sowieso nie hier draußen, mit wem denn auch. Als er vor zweieinhalb Jahren die Pläne für das Haus gesehen hatte, hatte er Berit total begeistert davon erzählt. Auch für sie war sofort klar, dass sie hier nun ein gemeinsames Nest gefunden hatten, dass sie zusammenziehen würden und das genau das Richtige wäre, um gemeinsam alt zu werden. Sogar ein Fahrstuhl war im Haus, und sie scherzten schon, dass sie dann später im Rollstuhl aus dem Fahrstuhl bis in die Wohnung fahren könnten. Maik war so glücklich gewesen, nie hätte er gedacht, dass er als eingefleischter Junggeselle mit Mitte 40 so eine Traumfrau kennenlernen würde, mit der es auch nach über fünf Jahren immer noch wunderbar war. Jeder hatte seine kleine Wohnung und seinen Freundeskreis, sie fuhr weiterhin alleine oder mit Freundinnen in Urlaub, er verbrachte seine Freizeit gerne in der Natur oder über seinen Zeichnungen. Es war genau die richtige Beziehung für sie beide. Berit war geschieden, kinderlos, zu ihrem Exmann hatte sie noch losen Kontakt, denn es war eine Scheidung in beidseitigem Einverständnis gewesen. Die erste große Liebe, doch irgendwann hatte der Alltag sie eingeholt und aus dem Feuer war nur noch kalte Asche geworden – so jedenfalls hatte sie es Maik mal erzählt.Und dann saßen Berit und er über den Plänen für den Neubau, überlegten sich anhand der Grundrisse schon, wohin sie welche Möbel stellen würden, wer welche Dinge mitbringen würde und kebbelten sich gutmütig darüber, wessen Bett nun im gemeinsamen Schlafzimmer stehen sollte. Gemeinsam gingen sie durch die fertige Wohnung, freuten sich über das geschmackvolle Laminat, die offene Küche mit dem hohen Tresen und schmiedeten auf der Dachterrasse Pläne für laue Sommerabende und Grillfeste mit Freunden.Und dann – Maik hatte den Mietvertrag schon unterschrieben – kam sie eines abends zu ihm in seine alte Wohnung, fing an zu weinen, sobald er die Tür öffnete und erzählte ihm, dass sie nicht mit ihm zusammenziehen könnte. Es würde ihr das Herz brechen, blabla, aber ihr Exmann und sie, blabla, neue Gefühle, blabla, ab dem Moment hatte Maik nicht mehr zugehört und nur noch wie erstarrt dagesessen. Nein, sie würden keine Freunde bleiben, er wollte Berit nie mehr wiedersehen. Wie praktisch getrennte Wohnungen doch waren, dachte er lakonisch, als die Haustür ins Schloss fiel und sie nur ihre Zahnbürste und ihren kleinen Kosmetikbeutel aus dem Badezimmer mitnehmen musste. Sie war immer mit Reisetasche zu ihm gekommen, ganz unverbindlich. Und nun war sie weg. Maik war trotzdem eingezogen, er hatte seine alte Wohnung ja gekündigt und wusste nicht, wohin sonst. Leisten konnte er sich die Wohnung so gerade, aber er hatte auch keine großen Ansprüche. Anfangs hatte er noch gehofft, die Hausgemeinschaft würde ihn auffangen, es waren einige etwas jüngere Männer hier, eine alleinerziehende Frau, irgendjemand würde sich schon mit ihm anfreunden. Doch nach dem ersten Kennenlernen waren ihm alle egal, ihm war sowieso alles egal, seine Wohnung hatte er mit seinen alten Möbeln spärlich eingerichtet, zwei Lampen fehlten noch, dort hingen nackte Glühbirnen, die Dachterrasse bestand aus 20 Quadratmetern hübscher Platten mit Geländer. Anfangs hatte Maik sich voll in die Arbeit gestürzt, er war ein guter Landschaftsarchitekt, das wusste er und sein Chef bestätigte es ihm öfter. Sie hatten schon einige Ausschreibungen gewonnen und viele zufriedene Kunden. Doch im letzten halben Jahr hatte sich bei Maik etwas verändert. Er war nun 50, auch wenn er seinen Geburtstag im Sommer nicht gefeiert hatte. Die Zahl machte ihm Angst, mehr als die Hälfte seines Lebens war vorbei und er stand mit leeren Händen da. Arbeiten musste er trotzdem noch, von der Welt gesehen hatte er nicht viel, und abends wartete ein kaltes, leeres Bett auf ihn. Da hatte er angefangen, statt einer Flasche Bier 2-3 zu trinken, statt zwei Abenden die Woche an jedem Abend. Dazu dann die kleinen Schnäpse, es gab ihm einfach eine angenehme Bettschwere und das Gedankenkarussell drehte sich nicht mehr so unablässig. Aber gestern war es vielleicht doch ein Schnaps zu viel, denn trotz Dusche und Aspirin war ihm immer noch furchtbar flau. Maik holte sich einen Zwieback aus der Küche, beschloss, das Wohnzimmer später aufzuräumen und legte sich wieder ins Bett. Er war ja krank gemeldet, da konnte er auch die Decke wieder über den Kopf ziehen und schlafen.6. DezemberRosie war heute noch früher wach als sonst, sie hatte sich extra den Wecker gestellt. Einkaufen war sie gestern schon gewesen, und der Schokoladen-Nikolaus auf ihrem Küchentisch schien ihr zuzuzwinkern. Sie  musste sich beeilen, denn sie wollte ihr heimliches Tun beendet haben, bevor das Haus erwachte. Leise schlich sie auf ihren Puschen in den Hausflur, in ihre Tür hatte sie die Zeitung geklemmt, um ja kein Geräusch zu machen. Sie huschte die paar Meter zur Nachbartür, und richtig, wie sie es sich gedacht hatte: Ein blauer Gummistiefel mit weißen Punkten stand vor der Haustür, frisch geputzt und blitzeblank. Leise steckte Rosie den Schokonikolaus in Sarahs Stiefel und dazu noch das kleine Päckchen mit der niedlichen Plastik-Tierfigur. Sie hoffte nur, dass Sarah diesen kleinen Waschbären noch nicht hatte. Leise und mit breitem Lächeln huschte sie wieder zurück in ihre Wohnung, aus der sie kurz darauf zu ihrer morgendlichen Walkingrunde aufbrach. Sarah würde Augen machen.

*

**