wortparade-logo-c_01.pngwortparade-logo_04.pngwortparade-logo_07.png
wp-logo.jpg

Fritz-Blank-Str.73 · 33334 Gütersloh  -   Telefon 05241-2334424  -  bluhm@wortparade.de  -  https://wortparade.de

Facebook-Geschichte: Ein Koi in der Nacht

Amanda Byrnes war eine Dame von Welt. Sie kleidete sich klassisch-elegant, achtete sehr auf ihr Äußeres und genoss mehrmals in der Woche ein entspannendes Bad mit Milch, Honig, Sahne und einem Spritzer Schaumduft.Niemand konnte ahnen, dass Amanda in ihrer Vergangenheit eine echte Lebedame gewesen war. Durch ihr gutes Aussehen und ihre charmante Art gewann sie im Handumdrehen Verehrer, die an mehr als nur Freundschaft interessiert waren.Fast alle dieser Geschäftspartner, wie Amanda sie nannte, waren verheiratet oder liiert, und somit die Gelegenheiten zu einem privaten Treffen im kleinen Dorf begrenzt.Amanda wollte keinen ihrer Liebhaber mit zu sich nach Hause nehmen, denn sie schätzte die Einsamkeit ihres kleinen Refugiums in den Bergen. So hatte sie einen Trick ersonnen, mit denen ihr jeweiliger Liebhaber anzeigen konnte, wann es Zeit für ein Treffen war: er stellte einfach ein Sturmlicht ins Fenster. Von ihrem kleinen Bergnest aus hatte Amanda einen genauen Blick aufs Dorf und konnte das vereinbarte Zeichen sehen.So lebte sie sehr bequem und ließ sich für ihre Dienste ausgiebig bezahlen. Nicht nur in Geld, auch mit schöner Kleidung, Schmuck oder erlesenen Weinen. Einmal hatte sie sogar ein reicher Geschäftsmann für 5 Tage mit ans Mittelmeer genommen, als seine Frau zur Kur war. Offiziell begleitete sie ihn als seine Assistentin, und beide spielten ihre Rollen so gut, dass niemand Verdacht schöpfte. In dem kleinen italienischen Küstenort dann konnten sie jegliche Maskerade fallen lassen und sich einem richtigen Liebesurlaub hingeben.Doch sollte genau dieser traumhafte Urlaub zu einer Wendung in ihrem Leben führen. Am letzten Abend vor ihrer Rückreise saß sie mit einem Glas Amontillado auf der Terrasse der kleinen Pension. Der Gedanke, am nächsten Tag wieder zurückzukehren in ihr Haus, ließ auf einmal keine Vorfreude mehr aufkommen. Anstatt sich auf die Ruhe und Abgeschiedenheit zu freuen, empfand sie auf einmal Beklemmung und ein drohendes Gefühl der Einsamkeit.Sollte das ihre Zukunft sein? Ausgehalten von Männern, die mit ihr Spaß hatten, sie entlohnten und dann zurückkehrten in das bequeme Leben mit ihren Ehefrauen? Während sie, Amanda, ebenfalls zurückkehrte – in ein leeres Haus? Auf sie wartete niemand, außer der schrecklich tickenden Standuhr, die das unerbittliche Verrinnen der Zeit mit jeder vollen Stunde aufs Neue deutlich machte.Nein, ihr war schlagartig klar: Sie wollte Schluss machen mit ihrem Lebenswandel, ihre Escort-Dienste beenden und sich auf sich selbst besinnen.Merkwürdigerweise bereitete ihr dieser Gedanke keine Angst, sondern ein Gefühl von Frieden. Und eine nie gekannte Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, in dem sie etwas Eigenes aufbauen konnte, auf das sie stolz sein würde. So hatte sie im letzten Frühling von heute auf morgen ihre Dienstleistungen eingestellt und etwas ganz Anderes begonnen. Unter einem Pseudonym verarbeitete sie ihre erlebten Geschichten zu einem sehr erfolgreichen Roman, der den Buchhändlern aus den Händen gerissen wurde. Sie beschrieb gerade genug Details, um die Fantasie der Leser anzuregen, aber hielt die Beschreibungen von Orten und Personen vage genug, dass niemand die Geschichten mit dem kleinen Dorf oder gar mit ihr in Verbindung brachte.Nun war wieder Frühling und sie genoss die laue Luft und das Versprechen von Blüten und Wärme, das der Wind mit sich brachte. Gerade arbeitete Amanda an ihrem zweiten Roman, in dem sie noch mehr pikante Details aus ihrem alten Leben verarbeiten wollte. Je mehr sie schrieb, desto mehr Vertrauen hatte sie, dass auch dieser Roman wieder ein Erfolg werden würde.Doch für heute machte sie Feierabend mit dem Schreiben. Heute war ihr 34. Geburtstag und sie wollte ihn ganz für sich alleine genießen. Sie streckte sich genüsslich, holte sich eine Weinschorle aus der Küche und setzte sich mit ihrem Notebook gemütlich aufs Sofa. Sie wollte endlich ein paar Runden ihres Lieblingsspiels auf Facebook spielen – das war, wie sie sich selber eingestand, fast schon eine Sucht geworden.Als sie sich eingeloggt hatte und auf ihre Chronik ging, erstarrte sie: Jemand mit dem Namen 'John Doe', der natürlich überhaupt nichts aussagte, hatte auf ihre Wand gepostet. Und zwar etwas, das ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. In Großbuchstaben stand dort: „ICH WEISS, WER DU BIST. UND ICH BEOBACHTE DICH. JETZT.“Unwillkürlich drehte sie sich um, doch hinter ihr war nur die Wohnzimmerwand. Der Post war vor 7 Minuten geschrieben worden. Sie klickte den Namen an, doch dieser 'John Doe' hatte keine weiteren Freunde und sein Profil war natürlich nicht für die Öffentlichkeit freigegeben. Das Hintergrundbild bestand aus ein paar Augen, die im Dunkeln leuchteten, und sein Profilfoto zeigte – wie geschmacklos – das Fadenkreuz einer Pistole. Amanda schüttelte sich leicht und hüllte sich fester in ihre Decke ein.Na, vielleicht erlaubte sich auch jemand nur einen Scherz mit ihr. Sie löschte den Post und wendete sich den bezaubernden kleinen Tierchen zu, die sie befreien musste, indem sie bunte Blöcke zerschlug. Doch so richtig bei der Sache war sie nicht, dauernd dachte sie an diesen merkwürdigen Post auf ihrer Pinnwand. Sehr schnell waren ihre 5 Leben verbraucht und sie klickte sich wieder auf die Startseite zurück. Schaudernd sah sie, dass sie eine neue Nachricht hatte. Leicht zitternd klickte sie auf das Symbol – wie sie befürchtet hatte war die Nachricht von 'John Doe'. Er schrieb: „NA, HAST DU KEINE LEBEN MEHR? PASS AUF, DASS ES DIR MIT DEINEM EIGENEN LEBEN NICHT AUCH BALD SO GEHT ...“Stocksteif blieb sie auf dem Sofa sitzen. Wer war das? Was wollte er? Und woher wusste er, dass sie genau in dieser Minute alle Leben ihres Spiels verbraucht hatte?War es nur jemand, der ihren Computer gehackt hatte? Amanda kannte sich nicht gut genug mit den technischen Möglichkeiten aus um zu wissen, ob jemand quasi parallel mit ihr auf ihr Laptop zugreifen könnte, aber vielleicht gab es so etwas ja?Denn die andere Möglichkeit war viel zu schrecklich, um sie wahrhaben zu wollen: Jemand beobachtete sie. Hier, direkt am Haus, das so einsam und verborgen in den Bergen stand, wie seit eh und je.Noch nie hatte sie so viel Angst gehabt, wie an diesem Abend. Sie war wie gelähmt. Doch dann stand sie langsam auf und ging die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. Auf dem Weg zog sie alle Gardinen vor; ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Dann nahm sie die kleine Pistole aus ihrem Nachttisch, die sie seit Jahren immer griffbereit hatte. Sie wusste, dass sie damit gegen verschiedene Waffengesetze verstieß, aber allein das Gewicht der Waffe in der Hand gab ihr Vertrauen und Selbstbewusstsein zurück. Amanda atmete tief durch und ging die Treppe wieder hinunter ins Wohnzimmer. Sie würde sich doch von so einem Psycho nicht den Abend verderben lassen.Fast schon neugierig trat sie an ihr Laptop und las, was nun dort stand: „KNOCK, KNOCK!“In diesem Moment klopfte es auch schon an der Tür. Amanda entsicherte den Revolver und bewegte sich im Zeitlupentempo auf die Tür zu. Sie lauschte, aber es war nichts zu hören. Auch beim Blick aus dem kleinen Fenster in ihrer Haustür war nichts zu sehen. Nur ein merkwürdiges leises Klatschen, das immer wieder aufhörte, drang an ihr Ohr. Mit vorgehaltener Pistole öffnete sie die Tür und sah ins Nichts. Dort stand niemand, keiner sprang sie an oder bedrohte sie. Das leise Klatschen ertönte wieder und kam von den Stufen. Amanda schrie leise auf, als ihr Blick zu Boden fiel: Dort lag einer ihrer prächtigen Koi-Karpfen, schnappte mit offenem Mund nach Luft, während seine Augen schon ihren Glanz verloren. Seine Schwanzflosse klatschte zunehmend schwächer auf den Boden, aber ansonsten schien er unverletzt. Amanda liebte ihre Kois über alles. Ohne lange nachzudenken, nahm sie den großen Fisch und lief so schnell sie konnte in den Garten, wo sie den Koi wieder zurück in den Teich warf. Ein paar Minuten blieb sie mit klopfendem Herzen stehen und beobachtete zunehmend erleichtert, wie der Fisch zuerst ein paar zaghafte Flossenschläge probierte, um dann schnell in eine dunklere Ecke des Teichs abzutauchen.Als sich Amanda wieder zum Haus herumdrehte, erstarrte sie: In ihrer Panik um den Koi hatte sie die Tür aufgelassen – und ihre Pistole lag auf der Veranda. Und nun? Was, wenn derjenige, der den Fisch aus dem Teich geholt hatte, noch da war? Was, wenn es mehr war, als ein übler Scherz?Doch hinter den Gardinen regte sich nichts im erleuchteten Wohnzimmer, und so ging sie langsam auf die Haustür zu. Sie stand immer noch offen, ihre Pistole lag neben der Fußmatte, alles sah unberührt aus. Amanda schnappte sich die Pistole, sprang ins Haus und schloss die Tür von innen. Sie griff den Hausschlüssel, der neben der Tür hing, und schloss zwei Mal ab.In dem Moment gingen alle Lichter aus. Amanda warf sich auf den Boden und hielt die Arme schützend über ihren Kopf. Mit einem Mal hörte sie überall in ihrem Zimmer leise Geräusche, jemand flüsterte verhalten – es waren eindeutig Menschen in ihrem Haus. Auf einmal gab es eine Art Blitz und Amanda kniff die Augen zu, in der festen Überzeugung, gleich einen Knall zu hören und zu sterben. Doch nichts geschah. Als sie die Augen wenige Sekunden später wieder aufmachte, sah sie ungläubig auf brennende Kerzen in einer großen Torte.Überraschung!“ tönten unzählige Stimmen, und dann ging auch endlich wieder das Licht an. Gleichzeitig bliesen ihre Freunde in Partytröten, warfen Konfetti und stimmten „Happy Birthday“ an.Langsam stand Amanda auf, versuchte, mit den Fingern ihre zerrauften Haare zu glätten und ging verwirrt auf ihre beste Freundin Emily zu, die sie lachend in den Arm nahm.„Was … wie … wieso?“ stotterte Amanda.Emily drückte sie fest. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Liebes. Wenn ich mir dein Gesicht so anschaue, scheint unsere Überraschung ja geklappt zu haben. Wir dachten uns, vielleicht inspirieren wir dich zu einem neuen Roman – wie wäre es denn mal mit einem Krimi?“"Auf deinen Koi haben wir gut aufgepasst und haben ihn in einem Eimer voll Wasser direkt vor die Tür getragen, ihm ist nichts passiert. Aber nur so konnten wir dich vom Haus weglocken." erklärte Marie, ihre andere gute Freundin.Lachend hakte sich Amanda bei Emily ein und ließ sich in die Küche ziehen, wo weitere Freunde emsig ein Buffet aufbauten und Flaschen entkorkten.Ein wenig später, als alle vor gut gefüllten Tellern saßen, fragte Amanda gespannt in die Runde: „Aber nun sagt mal, wer von euch ist denn eigentlich 'John Doe'? Das war ja eine tolle Idee und ich habe mich echt gegruselt!“Emily und die anderen sahen sich verwirrt an, einige schüttelten die Köpfe. '“'John Doe'?“ sagte Emily, „was meinst du damit? Wovon redest du?“„Ach, nichts, schon gut.“ sagte Amanda, während ihr eine Gänsehaut die Wirbelsäule hochkroch und ein Gefühl von Verhängnis sich ihrer bemächtigte. Die Pistole würde sie jedenfalls weiterhin im Nachttisch aufbewahren, so viel stand fest ...
WortParade Dorothee Bluhm
 Sofort für Sie da ...

*

**