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Facebook-Wettbewerb: Für immer - Liebe

Der Blick aus dem Fenster war atemberaubend: blaues Meer, so weit ihr Auge reichte, passend dazu natürlich blauer Himmel und herrlichster Sonnenschein. Genau so hatte sie sich Griechenland vorgestellt. Letzte Nacht war ihr Flieger erst spät gelandet, und so hatte sie auf dem Bustransfer vom Flughafen zur Hotelanlage nicht viel erkennen können. Umso herrlicher war nun dieser erste Urlaubsmorgen. Marita beschloss, ihre vierzehn Tage Urlaub voll zu nutzen und begnügte sich mit einer kurzen Katzenwäsche im herzallerliebst gekachelten winzigen Badezimmer ihres kleinen Appartements. Minuten später lief sie leichtfüßig die vier weiß getünchten Stufen hinab. Als erstes zog es Marita natürlich an den Strand, wo sie ihre Sandalen auszog und durch die Gischt spazierte. Die Wellen und der weiße Sand reflektierten das helle Licht auf fast unerträgliche Weise, so dass Marita auf ihrem langen Spaziergang in Richtung Dorf kaum aufschaute. Daher bemerkte sie den Mann erst, als sie fast in ihn hineinrannte. „Eine Fata Morgana!“ schoss es ihr durch den Kopf, als sie von den Füßen bis zum Kopf seine Gestalt musterte. So perfekt konnte einfach kein realer Mann sein: braungebrannte, sehnige Füße,  zerschlissene kurze Jeans über muskulösen Oberschenkeln. Ein nackter Oberkörper, wie von einem Bildhauer gemacht ... ihr Mund war auf einmal total ausgedörrt. Langsam hob Marita ihren Kopf. Sie war sich sicher, dass das Gesicht niemals halten könnte, was der Körper bisher versprach. Doch als sie in seine Augen blinzelte, war alles Andere vergessen. Samtige braune Augen in einem makellosen Gesicht, von Lachfältchen umgeben, dazu sanft geschwungene Lippen, die sich nun über strahlend weißen Zähnen zu einem spöttischen Lächeln verzogen. Holladiewaldfee - wirklich ein sexy Komplettpaket! Marita wurde knallrot und murmelte eine Entschuldigung, ganz automatisch auf deutsch. Als sie um den Adonis herumgehen wollte, griff er sie sanft am Arm und sagte: „Wo willst du denn so schnell hin?“ Oh Gott, seine Stimme! Marita fühlte sich wie mit 13, als sie ihren  Biolehrer dermaßen angeschwärmt hatte, dass sie jedes Wort seines Unterrichts aufsaugte. Noch heute konnte sie genau erklären, welche Rolle die semipermeable Membran in der Osmose spielt und dass der Rotmilan sein Nest mit Plastikresten und Papierfetzen auspolstert. Verrückt. Sie starrte den Fremden immer noch an. Langsam wurde sie sich selbst peinlich, sie war schließlich schon lange keine 13 mehr, seit 20 Jahren, um genau zu sein, und außerdem hatte sie zuhause ihren … nun ja, das mit Bruno war kompliziert, irgendwie waren sie mehr als nur Freunde, aber …„Hey, ist alles in Ordnung mit dir?“ fragte der Fremde ein wenig besorgt. „Du antwortest gar nicht und starrst nur abwesend vor dich hin. Vielleicht warst du zu lange in der Sonne unterwegs? Komm, wir setzen uns, du musst etwas trinken.“ Leicht benebelt ließ Marita es zu, dass der Fremde sie am Arm führte. Sie sah erst jetzt die urige Taverne an der nahen Straße, deren Tür schon geöffnet war, obwohl aus dem Inneren deutlich das Brummen eines Staubsaugers ertönte. Davon ungerührt schob der Fremde sie hinein. Er wechselte auf griechisch einige Worte mit der älteren Frau, die den Staubsauger bediente, und führte Marita zu einem Tisch. „Ich bin übrigens Alex,“ sagte er, während die Inhaberin der Taverne eine große Flasche Wasser und zwei Gläser auf den Tisch stellte. Erst jetzt merkte Marita, wie groß ihr Durst war, und sie stürzte das Glas, das Alex ihr eingeschüttet hatte, in einem Zug hinunter. Ihr Magen begann, vernehmlich zu knurren, was ihr ziemlich peinlich war. „Lass mich raten,“ sagte Alex, „du bist gestern erst angekommen und heute Morgen noch vor dem Frühstück losspaziert.“ Ertappt nickte Marita und fragte mit rauer Stimme: „Wie spät ist es überhaupt?“ „Gleich halb zwölf,“ sagte Alex. „Was? Ich bin zwei Stunden einfach nur am Strand entlang gegangen? Oh Gott, ich muss ja kilometerweit vom Hotel weg sein, ich Schlumpfbacke!Na toll, jetzt war ihr auch noch dieser peinliche Ausdruck herausgerutscht, den sie bestimmt ebenfalls seit 20 Jahren nicht mehr benutzt hatte. Alex grinste und schüttelte amüsiert den Kopf. Diese Frau war der Hammer, das hatte er auf den ersten Blick gemerkt. Nicht die typische Touristin, die sonst seinem Beuteschema entsprach, sie hatte deutlich mehr Klasse und war vor allem absolut nicht auf einen Urlaubsflirt aus. Das hatte er innerhalb von Sekunden gesehen, als er genau beobachten konnte, wie sein Körper auf sie gewirkt hatte. Wie sie errötete und sich sofort wieder verschloss, in Gedanken – da würde er seine Großmutter verwetten – bei ihrem Mann oder Lebensgefährten zuhause. Wieso war sie wohl ganz alleine hier? Na, das würde er schon herausfinden, sein Jagdinstinkt war auf jeden Fall geweckt. Endlich mal wieder eine echte Herausforderung. Die letzten Frauen hatten es ihm schon fast zu leicht gemacht. Als ihr Magen erneut knurrte, rief er der Besitzerin der Taverne ein paar Worte zu und sie verschwand in der Küche. Während dort Töpfe klapperten und Pfannen zischten, ein Radio griechische Musik dudelte und schon bald die herrlichsten Düfte durch die kleine Taverne zogen, verwickelte Alex Marita in ein lockeres Gespräch, in welchem sie zunehmend auftaute. Daran war wahrscheinlich auch der Ouzo schuld, der mittlerweile auf dem Tisch aufgetaucht war. Marita erkannte sich selbst nicht wieder. Bereits die Aktion, eine Last-Minute-Reise nach Griechenland zu buchen, ohne Bruno, war völlig untypisch gewesen. Vielleicht wollte sie einfach mal eine Reaktion aus Bruno herauskitzeln, wissen, wo sie standen, wie er ihre merkwürdige Beziehung sah. Bruno war ein hervorragender Mediziner, Professor der Viszeralchirurgie, und als solcher natürlich den furchtbaren Arbeitszeiten im Krankenhaus unterworfen. Kennengelernt hatte Marita ihn im Repair-Café in ihrem Stadtteil, als sie in ihrer Mittagspause dort mit ihrer kaputten Nähmaschine auftauchte. Er sah überhaupt nicht wie ein hochrangiger Mediziner aus in seiner etwas bollerigen Jeans und dem Kapuzenpulli, und so hielt Marita ihn für einen der Männer, die sich im Repair-Café ehrenamtlich ein paar Euros dazuverdienten, zumal er in einer Kiste mit Unterputzsteckdosenhaltern kramte. Also drückte sie ihm ganz selbstverständlich die Nähmaschine in die Hand und bat um Hilfe bei der Reparatur. Bruno ließ sich auf die Verwechslung ein und reparierte tatsächlich die alte Maschine. Schon da fielen Marita seine langen schlanken Finger auf – Chirurgenhände, wie sie etwas später bei einem Kaffee erfuhr. Zuerst war ihr das furchtbar peinlich, doch sein gutmütiger Humor und seine Herzenswärme nahmen ihr schnell jede Befangenheit. Während sie einträchtig die gerösteten Sonnenblumensamen knabberten, die im Café als Snack bereit standen, entdeckten sie immer mehr Gemeinsamkeiten. Sein Interesse für Nachhaltigkeit und Umweltschutz passte genau zu ihrem privaten Feldzug gegen Kaffeekapseln; durch ihr Engagement in der Kommunalpolitik konnte sie ihm viele Fragen zur Förderung von Anlagen der Wärmerückgewinnung beantworten. Dass auch sein Lieblingsfilm Highlander war, überraschte sie schon nicht mehr. Und als er ihr einige Abende später bei ihrem Lieblingsitaliener beiläufig erzählte, dass er in seiner spärlichen Freizeit Menschen mit Migrationshintergrund kostenlosen Deutschunterricht gab, war sie restlos in ihn verliebt. Ihre Beziehung, wenn man sie so nennen wollte, war zuerst rein platonisch und zutiefst intellektuell, später dann kam auch eine gelegentliche Körperlichkeit hinzu, doch ein Extremschmuser war Bruno nicht gerade. Das war der Status Quo, und Marita hatte keine Ahnung, wie ihre Zukunft mit Bruno aussah – und ob es überhaupt eine gemeinsame Zukunft geben würde.Diese Geschichte hatte sie Alex in Ansätzen erzählt, dabei aber den komplizierten Aspekt ihrer Partnerschaft ausgelassen. Vielmehr hatte sie den Eindruck erweckt, als hätte sie die glücklichste Partnerschaft der Welt und wäre nur deshalb alleine hier, weil Bruno aufgrund eines medizinischen Notfalls erst in einigen Tagen eintreffen würde. Während Alex nach und nach immer weitere Details aus Maritas Leben erfuhr, im Gegenzug aber ihren Fragen geschickt auswich, trug die Kellnerin diverse Speisen auf, bis der Tisch fast zu klein wurde. Souvlaki und Bifteki, gefüllte Weinblätter und Zaziki, knuspriges Bauernbrot mit Avocado-Fetacrème und Olivenöl zum Dippen ließen Marita das Wasser im Mund zusammenlaufen. Als es Zeit für das Galaktoburiko war, hatte Marita das Gefühl, Alex schon lange zu kennen. Darum willigte sie auch sofort ein, als er anbot, sie mit seinem alten Golf zu Ihrer Appartementanlage zurückzubringen, wo sie eine ausgedehnte und späte Mittagspause am Pool verbrachte. Alex hatte sich freundlich von ihr verabschiedet. „Es gibt also doch noch Männer, die nicht gleich das Eine wollen,“ dachte Marita noch, bevor sie im Schatten unter dem Sonnenschirm zu einer Siesta einnickte.Abends klopfte Alex an die Tür ihres Appartements und fuhr mit ihr in eine kleine Stadt in der Nähe. Schließlich führte er sie durch eine unscheinbar aussehende Tür, hinter der laute Musik ertönte. Überrascht fand Marita sich in einer Bar wieder, die ganz im Stil der Sechzigerjahre gehalten war. Die Bedienung trug einen wippenden Pferdeschwanz zu einem ebenso wippenden Petticoat, ihr roter Lippenstift sah aus wie lackiert. An der Wand hingen Filmplakate mit James Dean, und aus der original-Jukebox tönte „Pinball Wizard“. Marita war so begeistert und abgelenkt, dass sie nicht sah, wie Alex unauffällig ein paar Tropfen aus einer kleinen Flasche in Maritas bestellte Cola fallen ließ. Marita gefiel es immer besser in dem Club, sie war aufgedreht und gut gelaunt und tanzte ausgelassen mit Alex. Zwischendurch bestellte sie eine weitere Cola und verschwand kurz auf der Toilette, so dass sie nicht mitbekam, wie Alex eine weitere Dosis der K.O.-Tropfen hinzufügte.Gegen Mitternacht wurde Marita schwindelig und etwas übel. Besorgt legte Alex den Arm um sie: „Es war wohl alles ein bisschen viel für deinen ersten Tag in Griechenland. Ich hätte dich nicht hierherbringen sollen,“ sagte er bekümmert. Marita winkte ab: „Nein, das war ein schöner Abend, ich habe nur zu viel gegessen und zu viel Sonne abbekommen. Bringst du mich nach Hause?“Als sie im Appartement ankamen, war Marita schon fast komplett weggetreten und bekam gerade noch mit, wie Alex ihr fürsorglich die Schuhe auszog, sie mitsamt ihrem luftigen Kleid ins Bett steckte und sich mit „Schlaf gut,“ von ihr verabschiedete. Jedenfalls war das das letzte, an das sie sich erinnern konnte …Gegen Mittag erwachte Marita mit flauem Magen. Sie duschte ausgiebig und fühlte sich nach einem leichten Salat wieder richtig gut. So freute sie sich über Alex' Besuch ebenso wie über seine deutliche Besorgnis wegen Ihrer Übelkeit am Abend zuvor.Die nächsten Tage verbrachte sie fast durchgehend mit Alex, und er zeigte ihr die gesamte Gegend. Verschlafene Dörfer, menschenleere Strände und romantische Spaziergänge im Abendrot bekam sie von ihm geboten, sie fühlte sich jung, unbeschwert und in das Leben verliebt. Vielleicht auch ein bisschen in Alex, so genau wollte sie das gar nicht analysieren. Doch obwohl Alex die atemberaubenden Farbenspiele des Sonnenuntergangs mit ihr bewunderte oder spätabends neben ihr am Strand saß und dem Spiel vom Mondschein auf den Wellenkämmen zusah, blieb es beim abendlichen keuschen Abschiedskuss auf Stirn oder Wange. Schließlich entschied Marita, dass es Alex einfach nur um Freundschaft ging. Und als Alex ihr mitteilte, dass er die folgenden beiden Tage etwas zu erledigen hätte, war sie gar nicht so böse darüber. Schließlich hatte sie bisher jeden Tag ein volles Programm gehabt. Wie groß war Maritas Überraschung, als am Tag darauf ein Taxi vorfuhr und eine sehr bekannte Gestalt die Stufen zu Ihrem Appartement heraufstieg. „Bruno,“ sagte Marita fassungslos, „was machst du denn hier?“ „Na, das ist ja eine Begrüßung,“ schmunzelte Bruno und nahm Marita in den Arm. „Gut siehst du aus, total erholt und braungebrannt. Ich hatte Sehnsucht nach dir und habe mich mal aus meinem Alltagstrott gelöst. Freust du dich?“ fragte er, und Marita merkte, dass sie sich tatsächlich sehr über Brunos Anwesenheit freute. Schnell war seine Tasche ausgepackt und sie zeigte ihm die Hotelanlage. Bruno hatte einiges zu erzählen, und auch sie berichtete über ihre erste Urlaubswoche, erwähnte ganz selbstverständlich auch Alex, denn unbegründete Eifersucht war nie ein Thema zwischen Bruno und ihr gewesen. Als sie von ihrer Übelkeit am ersten Abend erzählte, registrierte sie, wie Brunos Wangenmuskeln kurz arbeiteten, schob das aber auf seine Abneigung gegen Nachtclubs. „Sag mal,“ begann Bruno, „den Alex würde ich ja auch mal gern kennen lernen. Wie wäre es denn, wenn wir ihn morgen Abend hierher zum Essen einladen würden? Die Küche in deinem Appartement hast du doch bestimmt noch nicht benutzt, wie ich dich kenne,“ fuhr er neckend fort und traf damit den Nagel auf den Kopf. Kochen gehörte nicht zu Maritas Hobbys, dafür war Bruno aber ein Zauberer am Herd. Marita schickte Alex eine WhatsApp und lud ihn für den folgenden Abend ins Appartement ein. Am nächsten Tag zeigte sie Bruno die Umgebung des Hotels, und während sie Siesta hielt, machte er sich auf eigene Faust auf den Weg, um Zutaten für das Abendessen zu besorgen. Bepackt mit einer Knoblauchzehe, großen und kleinen Zwiebeln, Spitzpaprika, Lammfleisch und weiteren Köstlichkeiten verschwand er gleich in die Küche, aus der bald die ersten Düfte durch den Raum zogen. Alex kam, brachte eine Flasche Roséwein mit und zeigte sich einmal mehr als freundlicher junger Mann. Nur einem aufmerksamen Betrachter wäre aufgefallen, dass sein Begrüßungslächeln in Brunos Richtung eine Spur zu süffisant ausfiel oder dass Bruno nach dem jovialen „Hallo“ in Alex' Richtung das Gemüse ein wenig vehementer in Stücke schnitt. Nach kurzer Zeit kam Bruno mit drei Tellern aus der Küche, auf denen Maritas Lieblingsessen dampfte: ein deftiger Lamm-Paprika-Zwiebel-Eintopf, der durch die frischen Zutaten heute ganz besonders gut schmeckte. Es war ein fröhliches Essen in gemütlicher Runde. Alex lobte Brunos Kochkünste und nahm sich das letzte Stück Brot, um den Teller restlos damit auszuwischen, was Bruno zufrieden lächelnd beobachtete. Stöhnend hielt Alex sich den Bauch und schüttelte den Kopf: „Uff, voll bis obenhin. Das hast du super gekocht, Bruno, das Rezept muss ich unbedingt haben.“ Bruno lächelte, wobei seine Augen merkwürdig kühl blieben, und antwortete: „Tut mir Leid, mein Freund, meine geheimen Zutaten verrate ich grundsätzlich niemandem.“Marita stutzte ein wenig, während sie die Teller in die Küche brachte, denn normalerweise war Bruno nicht so eigen mit seinen Rezepten. Aber da sie über eine erstaunliche Ambiguitätstoleranz verfügte, zuckte sie nur kurz mit den Schultern. Der Abend blieb weiterhin angenehm, Alex erzählte witzige Geschichten über die Dorfbewohner und half Marita mit dem Abwasch, als Bruno zu einem kurzen Verdauungsspaziergang verschwand. Mitternacht war schon lange vorbei, als Marita ihn zu seinem Auto brachte. Alex stieg ein und lachte: „Mann, ich habe zu viel geredet, mein Hals ist total rau.“ „Und jetzt noch im Dunkeln über die Serpentinenstraße, das wäre nichts für mich. Fahr vorsichtig,“ antwortete Marita und schloss die Tür. Lächelnd ging sie in Ihr Appartement zurück. Sie würde Alex sicherlich ein bisschen vermissen, wenn sie wieder in Deutschland war. Aber noch lag eine ganze Woche in Griechenland vor ihr und sie freute sich auf die Zeit mit Bruno. Vielleicht könnten sie ja morgen mal einen Tagesausflug machen. Als sie die Tür zum Appartement aufmachte, fiel ihr Blick sofort auf Bruno, der am Esstisch saß. Sehr gerade, sehr angespannt, und offensichtlich rasend vor Wut. Marita war völlig verwirrt: „Was ist denn mit dir los?“ fragte sie. „Dieses miese Schwein. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so beherrscht wie heute Abend. Aber er durfte absolut keinen Verdacht schöpfen, sonst wäre er jetzt über alle Berge. Na, über alle Berge ist er ja nun bald auch. Oder soll ich besser sagen, über alle Klippen?“ stieß Bruno hervor und lachte schnaubend.„Was? Von wem redest du, doch nicht von Alex? Ich verstehe kein Wort ...“„Reden muss ich gar nicht, wenn du dir das hier ansiehst,“ sagte Bruno und zog sein Tablet hervor. Er startete ein Youtube-Video, auf das Marita verständnislos starrte. Als sie begriff, was sie da sah, wurde ihr eiskalt: Das war ihr Appartement, genau das, in dem sie jetzt stand. Die Kameraperspektive zeigte auf ihr Bett, zeigte den makellosen Rücken und die blanke Kehrseite von … „Alex!“ flüsterte Marita. „Ja, Alex. Dein freundlicher, höflicher, gutaussehender Alex,“ spuckte Bruno förmlich. „Fällt dir sonst nichts auf?“Marita sah genau hin. Mittlerweile befand Alex sich in eindeutiger Situation mit einer merkwürdig teilnahmslosen Figur auf dem Bett, wobei er sich plötzlich zur Kamera hindrehte und diabolisch grinste. Marika schrie auf. Einerseits, weil Alex sein Gesicht hinter einer Nikolausmaske versteckt hatte, andererseits, weil seine Seitwärtsbewegung einen kurzen Blick auf den Hüftknochen der Frau, deren Sommerkleid bis zur Taille hochgeschoben war, freigab. Auf den Hüftknochen, die Taille, und auf ein recht außergewöhnliches, großes Tattoo von einem Einhorn. Und auch das Muster des Sommerkleids erkannte Marita jetzt … es war das Muster des Kleides, das sie auch an diesem Abend trug.Ihr wurde schwarz vor Augen und sie sackte zusammen, gerade noch von Bruno gestützt und auf einen Stuhl gesetzt. „Was … wie … ich verstehe nicht,“ stammelte sie.Bruno setzte sich ihr gegenüber, aus seinem Blick war die Wut verschwunden und nur noch Besorgnis sprach aus seinen Augen. „Als du weg warst, habe ich sehr schnell gemerkt, dass du mir fehlst. Und dass ich jeden Tag mit dir genoss, dabei aber zu feige oder zu bequem war, eine echte Beziehung mit dir einzugehen. Also habe ich mich spontan entschlossen, zu dir zu fliegen. Ich wusste ja den Ort, in dem du diese Anlage entdeckt hattest, und habe gegoogelt.“ Marita sah Bruno stumm an, wartete auf die Fortsetzung.„Du weißt, wie zerstreut ich immer bin, darum hab ich mich beim Tippen vom Orts- und Hotelnamen vertan und habe 'Karpathos, Nikolaus' anstatt 'Nikolaos' eingegeben. Da stieß ich auf dieses Video von diesem Typen, der sich 'Nikolaus von Karpathos' nennt. Ich habe immer noch nicht geschaltet und das Video angeklickt, und dann erkannte ich dein Tattoo ...“Totenstille herrschte im Raum, nur unterbrochen vom endlosen Gezirpe der Zikaden. Aus weiterer Entfernung drang das Geräusch mehrerer Krankenwagen schwach an Maritas Ohr. „Und weiter?“ flüsterte sie.„Ich war wie gelähmt, wusste nicht, was ich tun sollte. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, habe versucht, hier irgendwie die Polizei zu erreichen, aber als ich endlich jemanden erwischte, wurde mir nur gesagt, dass keine Anzeige vorläge. Auf mein Drängen waren zwei Polizisten hier im Hotel und haben mit der Rezeptionistin gesprochen. Sie hat ihnen erzählt, dass du mit einem jungen Mann zu einer Wanderung aufgebrochen wärst. Da haben die Polizisten für sich 1+1 zusammengezählt und mir mit unverhohlener Schadenfreude klar gemacht, dass dieses Video von dir und deinem Urlaubsflirt absichtlich ins Netz gestellt worden wäre.“Marita schnaubte. Bruno nahm ihre Hand: „Natürlich war mir total klar, dass das nicht stimmt. Darum recherchierte ich ein wenig weiter, sah mir einige der anderen Videos an und entdeckte ein gewisses Schema, vor allem die offensichtliche Bewusstlosigkeit der jeweiligen Opfer. Die deutsche Polizei habe ich informiert, die sagen, sie könnten absolut nichts tun. Also habe ich den nächsten Flug gebucht und selbst dafür gesorgt, dass dieses Schwein niemandem mehr K.O.-Tropfen verpasst.“Abwesend registrierte Marita, dass mittlerweile draußen eine wahre Armada an Krankenwagen und Feuerwehr unterwegs war. Sie meinte sogar, einen Hubschrauber zu hören, während Brunos Worte in ihr Bewusstsein sanken. „Was meinst du mit 'selbst dafür gesorgt' … was hast du getan?“Bruno stand auf und sah auf die Uhr. Zufrieden öffnete er die Tür vom Appartement und ging nach draußen. Marita stand mit zittrigen Beinen auf und stellte sich neben ihn auf die Treppe. Er zeigte nach links, in Richtung der Serpentinenstraße. Zuckende Blaulichter und der strahlend helle Lichtkegel von einem Hubschrauber erhellten in der Ferne die Nacht. „Mittlerweile dürften sich die Rettungskräfte damit abmühen, einen alten Golf zu bergen, der auf der Serpentinenstraße die Leitplanke durchbrochen hat. Für den jungen, gutaussehenden Fahrer dürfte allerdings jede Hilfe zu spät kommen ...“Marita sah Bruno voll ins Gesicht: „Was meinst du damit?“Bruno lächelte maliziös: „Als ich heute Nachmittag die Zutaten besorgte, kam ich auf dem Rückweg an einer Wiese mit wunderschönen Blumen vorbei. Blumen, die kleine weiße Zwiebeln bilden, die fein gehackt und in Olivenöl gebraten geschmacklich anscheinend überhaupt nicht auffallen. Alex hat seine Spezialportion mit meiner 'Geheimzutat' jedenfalls ausnehmend gut geschmeckt. Da ich ihm eine ganze Menge der Zwiebeln untergejubelt habe, dürfte die Wirkung des Colchicin mit Schwindel und Lähmungserscheinungen genau dann eingesetzt haben, als er im Auto über die Serpentinenstraße fuhr.“„Colchicin?“ fragte Marita ungläubig. „Du hast ihm die Zwiebeln von Herbstzeitlosen ins Essen getan?“Bruno grinste wie ein kleiner Junge. „Und hat du gesehen, wie er reingehauen hat?“Trotz der furchtbaren Enthüllungen musste Marita plötzlich kichern. Sie schüttelte den Kopf: „Aber stell dir vor, er wäre einfach in einer Ausweichbucht langsam rangefahren und stehengeblieben, dann hätte man ihn gefunden und seine Vergiftung entdeckt. Von da wäre es nur ein ganz kurzer Weg zu dir und mir gewesen, denn die Rezeptionistin weiß ja, dass ich viel Zeit mit ihm verbracht habe.“Bruno bemühte sich um eine bekümmerte Miene: „Tja, das hätte er wahrscheinlich getan. Vielleicht hat er sogar eine Ausweichbucht angesteuert  und versucht zu bremsen. Nur leider, leider wird er dann gemerkt haben, dass seine Bremsen versagen ...“ Beinahe stolz blickte Bruno auf seine gespreizten Finger. „Wusstest du, dass diese Chirurgenhände sich auch beim Untertürschlossstechen gar nicht so ungeschickt anstellen?“Marita ging zu ihm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Sie hatte eine Menge zu verarbeiten, das war ihr klar. Und trotzdem – als Bruno sie in die Arme nahm, während der erste Morgentau sie frösteln ließ, war sie sich einer Sache ganz sicher: Einen größeren Liebesbeweis konnte sie sich ja wohl kaum wünschen – oder? 

Kommentare

Perfekt :)

Danke sehr :-)

Super schön

Vielen Dank! 

Sehr gut!

Ich glaube, Schlumpfbacke ist jetzt mein neues Lieblingswort :-)

Ganz schön krass die story .fängt so harmlos an aber dann ...........

Jaaaa, so mag ich das. Man wiegt sich in Sicherheit ... und dann ... 

Dann müsste dir "Ein Koi in der Nacht" auch gut gefallen, schon gelesen?

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WortParade Dorothee Bluhm
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