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Weihnachtsgeschichte 2015

https://wortparade.de/sites/default/files/pictures/red-winter-spices-decoration-large-2.jpg„Mist“, sagte Leon. Wo waren denn jetzt die bescheuerten fünf Euro hingekommen? Er schaute noch mal in alle Hosen- und Jackentaschen … nichts. Fluchend setzte er den Rucksack ab, kniete sich hin und durchsuchte hektisch alle Fächer, sein Etui, schließlich schüttelte er sogar seine Hefte aus. Doch der fünf-Euro-Schein war und blieb verschwunden.Leon biss sich auf die Lippen. Mit 13 war man echt zu groß, um mitten in der Fußgängerzone loszuheulen, aber er musste schon ziemlich tüchtig schlucken. Er hatte sich die Summe über die letzten 5 Wochen von seinem ohnehin spärlichen Taschengeld abgeknapst. Er bekam gerade mal zwei Euro an jedem Samstag, was viel zu wenig war. Aber er wusste, dass seine Mutter sich wirklich krumm machte, um ihm überhaupt Taschengeld zu ermöglichen. Er wollte schon lange Prospekte austragen, aber da machte seine Mutter ihm einen Strich durch die Rechnung. Sie meinte, dass er noch zu jung wäre und sich in seiner freien Zeit lieber auf die Schule konzentrieren sollte. Pffft. Leon wartete sehnsüchtig auf seinen 14. Geburtstag Ende Januar, denn ab da konnte er endlich beim Lebensmittelmarkt um die Ecke ein paar Stunden mithelfen, die Zusage hatte ihm Herr Maurer schon im Sommer gegeben, und auch seine Mutter hatte sich breitschlagen lassen. Er verstand zwar nicht ganz, warum er nicht jetzt schon anfangen konnte, denn die paar Wochen machten nun auch keinen Unterschied, oder? Aber seine Mutter ließ nicht mit sich reden, und so  musste er weiterhin mit den paar Talern hinkommen und seinen Freunden Geschichten von „total viele Süßigkeiten gekauft“, oder „ich hab meiner Schwester Geld geliehen und sie hat es mir noch nicht zurückgegeben“ oder erfundenen Anschaffungen vorlügen, damit nicht jeder wusste, wie wenig Geld sie hatten. Leon war mittlerweile ein echter Profi darin, sich Geschichten auszudenken. So lud er auch nie jemanden zu sich nach Hause ein, sondern fuhr immer nur zu seinen Freunden. Alle paar Wochen verabredete er sich mit dem ein oder anderen Kumpel bei sich zuhause, rief dann aber eine halbe Stunde vorher an und erzählte, dass seine Mutter Kopfschmerzen hätte und sich hinlegen wollte, worauf seine Kumpel dann immer sagten: „Okay, dann treffen wir uns eben bei mir.“ Bisher hatte das gut funktioniert, und seine Freunde dachten nur, dass seine Mutter öfter mal krank sei. Besser, als wenn sie wüssten, dass er sich mit seiner elfjährigen Schwester ein winziges Zimmer teilte, dass er weder Wii noch Playstation hatte und ihr Fernseher ein uraltes Modell ihres Nachbarn war, das er eigentlich entsorgen wollte.Schlimmer als ihm ging es seiner Schwester Birte. Sie war fast 12 und bei ihren Freundinnen drehte sich alles um Klamotten und Schminke. Leon wusste, wie weh es ihr tat, wenn ihre Freundinnen mit Tüten von billigen Klamottenläden bepackt eingehakt durch die Fußgängerzone zogen und zuhause alles in ihre ohnehin schon überquellenden Schränke stopften. Aber auch Birte kannte sich mit Notlügen aus: Sie sagte, ihre Mutter würde ihr ebenso verbieten, sich zu schminken, wie in diesen Läden einzukaufen, die in anderen Ländern billig produzierten. Glücklicherweise hatte ihre Nachbarin eine Tochter in Leons Alter und so bekam Birte öfter mal deren aussortierte Klamotten.Leon wusste, dass ihre Mutter sich furchtbar dafür schämte, diese aussortierten Kleidungsstücke – sogar Markenklamotten waren dabei – ohne Gegenleistung anzunehmen. Doch waren diese fast regelmäßigen Gaben bitter nötig, denn für Anziehsachen blieb jeden Monat fast nichts mehr übrig. Leon war nicht anspruchsvoll, er trug Jeans und Hoodies und es fiel niemandem auf, dass er dieselben zwei Sweatshirts im regelmäßigen Wechsel trug – die anderen Jungs machten das ja auch nicht anders. Glücklicherweise war ihre Nachbarin Mona Kramer richtig nett und stellte das immer so dar, als wenn Leons Mutter ihr damit einen großen Gefallen tun würde, weil sie die Sachen dann „in guten Händen“ wüsste. Frau Kramer ahnte allerdings, wie es bei ihnen zuging, und ab und an brachte sie auch Lebensmittel vorbei. Dann stand sie zum Beispiel mit zehn Eiern vor der Tür und sagte: „Meine Schwester war heute zu Besuch, die mit dem Bauernhof, und sie hat mir 20 Eier mitgebracht. Ich habe gerade selbst welche gekauft, könnt ihr mir wohl ein Paket abnehmen? Sonst werden die noch schlecht.“Leon wusste genau, dass niemand zu Besuch gekommen war, denn er war den ganzen Nachmittag zuhause gewesen. Aber er wusste, dass Frau Kramer einkaufen gegangen war und sie anscheinend extra eine Packung Eier mitgebracht hatte. Manchmal kaufte sie wohl auch die Sachen, deren Haltbarkeitsdatum bald erreicht waren und die es im Laden immer zum halben Preis gab. Dann stand sie scheinbar zerknirscht vor der Tür und sagte: „Ich habe wieder viel zu viel Joghurt eingekauft, und nun läuft bald das Haltbarkeitsdatum ab … mögt ihr mir vielleicht was abnehmen, bevor es schlecht wird?“Und natürlich nahmen sie immer gerne etwas ab. Schließlich hatten sie gerade am Monatsende oftmals fast nichts mehr im Kühlschrank. Seine Mutter unterhielt sich mit Frau Kramer dann immer noch kurz, sagte Dinge wie: „Ja, mir passiert das auch manchmal, vor allem, wenn im Kühlschrank was ganz hinten steht, hinter all den anderen Sachen, dann vergisst man das schon mal ...“, und nahm die Dosen und Packungen entgegen. Doch wenn sie die Wohnungstür schloss, lehnte sie sich meist kurz dagegen, schloss die Augen und bekam einen sehr verkniffenen Zug um den Mund. Dann straffte sie sich, ging in die Küche und räumte die Dinge weg, wobei sie meistens etwas mehr Lärm machte, als nötig gewesen wäre. Auch hier nur Lügen, so weit man blickte. Manchmal hatte Leon echt die Nase voll, wollte sich am liebsten in den Treppenflur oder in seine Klasse stellen und laut schreien: „Ja, wir sind arm. Wir haben kaum Geld. Meine Mutter arbeitet sich die Füße wund, verteilt morgens früh die Zeitung, geht dann am Vormittag ins Büro und an zwei Nachmittagen noch putzen, aber das reicht hinten und vorne nicht! Ihre größte Sorge ist, dass unsere Waschmaschine bald den Geist aufgibt.“ Doch helfen würde das niemandem, also spielte er lieber weiter mit und wartete auf den Tag, an dem er endlich mehr zum Haushalt beitragen konnte, als ab und an mal für die alte Frau Kramer das Glas und Papier zu entsorgen und dafür 50 Cent von ihr zu bekommen.Doch das alles half ihm jetzt nicht weiter. Jetzt stand er mitten in der Fußgängerzone vor der Drogerie, und sein zusammengekratztes Geld war weg. Und nun? Bis Weihnachten waren es nur noch ein paar Tage, unmöglich, jetzt noch den nötigen Betrag zusammenzukriegen. Aus der Traum, seiner Schwester wenigstens ein Mal etwas Richtiges zu schenken. Leon stand bedröppelt da und hatte keine Ahnung, was er nun tun sollte.Mit ihren knapp 12 Jahren wusste Birte zwar genau, dass es ihnen finanziell richtig mies ging, aber sie war auch noch Kind genug, um sich aus ganzem Herzen etwas zu Weihnachten zu wünschen. Ein echtes Geschenk, das man langsam auspacken konnte, während man sich fragte, was wohl drinstecken könnt. Etwas, das man nicht wirklich brauchte, aber einfach gerne haben wollte. Die letzten Jahre über hatten Leon, Birte und seine Mutter sich stillschweigend auf selbstgemachte Geschenke geeinigt. Das hatte dazu geführt, dass ihre Mutter nun einen Stapel Gutscheine besaß, von denen sie bis an ihr Lebensende zehren konnte. Von „Ein Mal staubsaugen“ über „Die Küche machen“ bis „Treppenhaus wischen“ war alles vertreten, was im Haushalt zu erledigen war. Auch Fußmassagen oder „Eine halbe Stunde absolute Ruhe“ hatten sie schon verschenkt. So langsam war das Feld mehr als gründlich abgeerntet. Aber trotzdem war ihre Mutter jedes Jahr aufs Neue begeistert, sah sich die Gutscheine genau an, lobte hier die schöne Handschrift oder dort die kreative Formulierung und drückte ihre beiden Kinder fest – manchmal ein wenig zu fest – bevor sie die Gutscheine sorgsam in ihre Nachttischschublade legte. Und jedes Jahr blieb sie ein wenig zu lange im Schlafzimmer, und wenn sie wieder herauskam, waren ihre Augen gerötet. Natürlich taten alle drei so, als würden sie nichts bemerken, und machten mit der „Bescherung“ weiter.Nun überreichte ihre Mutter jedem Kind einen handgeschriebenen Brief, in welchem sie das vergangene Jahr Revue passieren ließ. Dafür machte sie sich jeden Monat ein paar Stichworte und beschrieb die wunderschönen, aber auch manchmal schwierigen Momente, die Birte, Leon, oder alle drei gemeinsam erlebt hatten. Die Briefe waren immer wunderbar dekoriert, denn ihre Mutter war gelernte Grafikerin, und sie hatte das Talent, mit wenigen Strichen ihre Kinder so zu skizzieren, dass man sie auch als kleine Comicfiguren sofort erkannte. Beide Kinder hüteten diese Briefe wie einen großen Schatz, und Leon hatte sich mit Birte zusammen vor ein paar Jahren eine Packung mit Klarsichthüllen geleistet, damit die Briefe so wenig Schaden wie möglich nahmen. Weder Birte noch er hatten jemals irgendwem von diesen Briefen erzählt, das war wie eine stillschweigende Übereinkunft. Und merkwürdigerweise machten diese liebevollen Fragmente des vergangenen Jahres auch den ersten Schultag nach den Weihnachtsferien erträglich, wenn alle sich gegenseitig in Schilderungen der neuen Konsolen, Smartphones, Longboards oder Markenklamotten überboten, die sie zu Weihnachten bekommen hatten. Jedenfalls ging ihm das so – was Birte darüber dachte, konnte er nicht einhundertprozentig einschätzen. Auch Birte nahm die Briefe öfter zur Hand. Dann kuschelte sie sich in ihr Bett, zog den Vorhang zu, der ihrer kleinen Zimmerhälfte wenigstens ein bisschen Privatsphäre verschaffte, und suchte in ihrem Radiowecker nach einem schönen Lied. Birte las über vergangene Ereignisse, kicherte über Sprüche, die sie als kleines Kind gemacht hatte und besah sich wieder und wieder die Zeichnung von ihrem kleinen Ich mit der selbstgemachten Schultüte in der Hand, strahlend und stolz mit ihrer kleinen Zahnlücke. Sie wusste noch, wie aufgeregt sie nach dem ersten Schultag die Schultüte ausgepackt hatte, und dass ihr Herz fast stehengeblieben war, als sie die Armbanduhr entdeckte, inmitten von Buntstiften, einem bunten Etui, einem Glücksbringer-Elefanten aus Stoff und natürlich vielen Süßigkeiten. Ihre Oma, der sie das alles zu verdanken hatte, war zum Kaffeetrinken mit dabei und freute sich sehr, als Birte ihr stürmisch um den Hals fiel. Doch nun wohnte Oma in einem Altersheim und wusste nicht mal mehr, dass sie Enkelkinder oder eine Tochter hatte. Darüber könnte Birte immer genau so sehr weinen, wie über die Stelle in dem Brief zwei Jahre später, als sie in die kleinere Wohnung umziehen und darum ihren geliebten Hund Trixi ins Tierheim geben mussten. Trotzdem überwogen die guten Erinnerungen die traurigen bei weitem, und Birte war mit ihrem Leben gar nicht allzu unglücklich.Leon und Birte schenkten sich gegenseitig meist eine selbstgebastelte Karte, auf der sie den Satz „Ich mag dich, weil ...“ möglichst kreativ ergänzten. Letztes Jahr hatte Birte doch tatsächlich geschrieben: „Ich mag dich, weil deine Püpse nicht so stinken wie die von anderen großen Brüdern.“Daraufhin musste Leon sie natürlich durch die kleine Wohnung jagen, einfangen und furchtbar kitzeln. Aber da er geschrieben hatte. „Ich mag dich, weil ich mich neben dir nie hässlich fühlen muss.“, konnte er sich wohl nicht beklagen. Dabei hatte er seine Schwester wirklich gern und bewunderte sie dafür, wie gut sie sich in ihre Situation fügte. Nie beklagte sie sich darüber, dass sie nicht mit den anderen ins Kino oder zum Schwimmen konnte, nie erzählte sie verbittert, dass ihre Freundin mal wieder 50,- Euro für Klamotten ausgegeben hatte, von denen sie die meisten sowieso nie anziehen würde. Und genau darum wollte Leon ihr dieses Jahr mal etwas kaufen, worüber sie sich so richtig freuen würde.Eigentlich war es eine alberne Kleinigkeit, aber er wusste, wie oft Birte schon davon geträumt hatte. Es war ein völlig kitschiges Sprüh-Deo, das irgendeine von diesen Youtube-Bloggerinnen auf den Markt gebracht hatte. Sonder-Edition „Funky Xmas!“ oder so, es sollte duften, „wie ein zauberhafter Weihnachtsmarkt in einer Winternacht.“ Brrr, Leon schüttelte sich. Absolut nicht seine Duftrichtung. Aber er wusste, wie sehr sich Birte danach sehnte, nach einer Sportstunde lässig das Deo aus ihrem Turnbeutel zu ziehen und sich genau so damit einzudieseln, wie ihre Freundinnen das immer mit ihren Sprühdeos machten. Dieses Deo gab es im Geschenk-Set, zusammen mit einem kleinen zimtfarbenen Glitzernagellack, für genau 4,99 Euro. Ein totaler Wucherpreis, und das nur, weil vorne drauf so eine blonde Tusse mit Nikolausmütze dösig grinste. Aber Leon hatte sich schon so oft vorgestellt, wie verblüfft Birte am Heiligabend sein würde, wenn sie ein richtiges Päckchen entdeckte und nicht den üblichen Umschlag. Er hatte abends im Bett gelegen und sich ausgemalt, wie Birte das Einwickelpapier der Drogerie vorsichtig entfernen würde, und wie sie dann in einen Freudenschrei explodierend durchs Zimmer tanzen würde. Oder wäre sie vor Überraschung ganz stumm? Bei Birte wusste man ja nie. Eigentlich hatte Leon begonnen das Geld zu sparen, weil er dieses Jahr seiner Mutter etwas kaufen wollte. Doch als Birte mal beim Essen betont beiläufig von diesem Deo erzählte, das ihre Lieblings-Youtuberin bald herausbringen würde, und das jetzt schon das Gesprächsthema Nummer eins unter ihren Freundinnen war, hatte er sofort beschlossen, das Geld für seine kleine Schwester auszugeben – seiner Mutter konnte er immer noch nächstes Jahr etwas schenken, wenn er seinen Job bei Herrn Maurer hatte. Genau geplant und eingefädelt hatte er alles, sogar Birtes Wunsch, mit ihm in der Stadt zu bleiben nach der Schule, hatte er abgeschlagen, damit er allein in diese Drogerie gehen konnte. Und nun stand er hier, fand das bescheuerte Geld nicht, und sein ganzer schöner Plan löste sich in Luft auf. Leon merkte richtig, wie alle Energie aus ihm floss und seine Schultern runtersackten. Langsam hob er seinen Rucksack wieder auf.Er schaute durch die Schaufensterscheibe in die Drogerie hinein, in der sich viele Menschen an den Regalen drängten. Gerade jetzt betrat eine Mädchengruppe die Drogerie, jedes der vier Mädels schnappte sich einen Korb, und fröhlich schwatzend probierten sie hier einen Duft aus, testeten dort einen Lippenstift, berieten sich gegenseitig zu Lidschattenfarben und Haarpflegeprodukten, während sie ein Teil nach dem anderen in ihre Körbe packten. Fast wie in Trance war Leon ihnen gefolgt und fand sich plötzlich neben einer dichten Traube aus Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren, die sich um einen weihnachtlich dekorierten Tisch drängten. Ein riesiges Foto von Birtes Lieblings-Bloggerin stand auf einem kleinen Podest, und direkt davor türmten sich die kleinen Päckchen mit dem Set aus Sprühdeo und Nagellack. Zwei Deoflaschen waren zum Testen freigegeben, und die Luft kam ihm schon ganz klebrig vor von dem zuckersüßen Duft. Hatte er es doch geahnt, dass es furchtbar riechen würde. Leon ging dennoch wie magisch angezogen auf den Tisch zu, als plötzlich eines der Mädchen im Übereifer ihrer Freundin die Testdose zu heftig aus der Hand riss. Sie stieß dabei ihre Freundin gegen den Tisch, so dass alles ins Wackeln kam und der gesamte Aufbau einstürzte. Die Geschenkpäckchen fielen auf den Boden, purzelten übereinander, hierhin und dorthin, und es entstand ein kleiner Tumult. Aus den Augenwinkeln sah Leon, dass ein anders Mädchen im Versuch zu helfen gegen eines der Päckchen trat, so dass es ein Stück weiter schlitterte und halb unter dem nächsten Regal landete. Leon schaute sich schnell um, aber niemand achtete auf ihn. Sein Herz schlug schneller, als er – scheinbar auf der Suche nach einem guten Tee – auf das Regal zuging. Und noch heftiger klopfte sein Herz, als er seinen Rucksack, dessen vordere Tasche immer noch offen stand, direkt neben das fast verborgene Päckchen auf den Fußboden stellte.Langsam beugte Leon sich immer weiter hinunter, murmelte dabei vor sich hin: „Rooibusch Vanille … Rooibusch Karamel … wo ist denn bloß ...“ und hockte sich schließlich neben seinen Rucksack, um scheinbar die unterste Reihe mit Teesorten ganz genau zu studieren. Er nahm eine Packung Wildkirschtee in die Hand, wendete sie und tat so, als ob er die Inhaltsstoffe genau studieren würde. Dabei schaute er an der Packung vorbei auf das gold glänzende Päckchen unter dem Regal, das genau in Griffweite war. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er müsste jetzt nur den Tee wieder wegstellen, dann das Päckchen mit einer schnellen Bewegung unter dem Regal hervorholen, in seinen Rucksack legen und dann … „Kann ich Ihnen helfen?“ fragte eine freundliche Stimme von oben. Leon hätte sich vor Schreck fast auf sein Hinterteil gesetzt und wurde knallrot. Er blickte auf und sah in das Gesicht einer erstaunlich jungen Verkäuferin, die ihn zwar anlächelte, doch irgendwie auf eine sehr merkwürdige Art. Leon wollte gerade verneinen, da sagte sie laut: „Natürlich haben wir Husten- und Bronchialtee, aber der steht hier drüben, bei den Arzneitees. Kommen Sie doch einfach mit.“ Sie drehte sich um und ging los, drehte sich aber wieder um und schaute ihn auffordernd und mit einer gewissen Dringlichkeit an. Leon war ziemlich verwirrt und sein Herz schlug immer noch viel zu schnell, aber was blieb ihm anderes übrig, als ihr zu folgen. Leon stand aus der Hocke auf, nahm seinen Rucksack und trottete etwas verwirrt hinter der Verkäuferin her, die jetzt betont fröhlich flötete: „So, hier sind schon die Arzneitees. Schauen Sie doch mal, mögen Sie lieber Thymian oder doch eher etwas mit Eukalyptus?“. Sie hielt bereits zwei Teepäckchen in der Hand und drehte sich so, dass sie Leon direkt gegenüber stand. Für jeden Beobachter sah es so aus, als würde sie ihn intensiv beraten und mit ihm gemeinsam die Inhaltsstoffe vergleichen. Während Sie ihren Mund zu einem professionellen Lächeln verzogen hatte und seine Entscheidung abwartete, sprach sie, ohne ihre Lippen oder eine Miene zu verziehen, weiter: „Mach keinen Scheiß, okay? Direkt hinter dir eben, der Mann in der Lederjacke, das war unser Ladendetektiv. Der hatte dich genau im Visier und hat nur gewartet, bis du was in deinen Rucksack packst.“Leon wurde eiskalt. Er schluckte und sah die Verkäuferin an. Jetzt konnte er auch ihr Namensschild erkennen: „Nina Peters, Aushilfe“, stand darauf, und das erklärte auch ihr Alter. Von der Nähe betrachtet sah sie wirklich kaum älter aus als er selbst. Mit fast trockenem Hals sagte er: „Äh … Thymian … nee, das mag ich nicht, haben Sie … hm … haben Sie was mit … äh, Dings ... Salbei?“Nina unterdrückte ein Kichern, griff eine weitere Packung und sie spielten ihre Rollen von Kunde und Verkäuferin weiter. Nun tuschelte sie ihm zu: „Du kannst nirgendwo mehr einfach was einstecken. Überall sind versteckte Kameras oder Ladendetektive. Außerdem geht spätestens beim Rausgehen der Alarm los. Also, probier's gar nicht erst, okay?“ Leon nickte bedröppelt, hustete verlegen und sagte: „Ach so, danke, diesen Tee habe ich glaube ich noch zuhause.“ Er schämte sich furchtbar, nahm seinen Rucksack und ging zügig aus der süßlich duftenden Drogerie hinaus in die klare Winterluft.„Was hatte ich da gerade eigentlich vor?“ dachte Leon und sank auf eine eiskalte Metallbank in der Fußgängerzone. Klauen – das kam für ihn doch überhaupt nicht in Frage! Meine Güte, seine Mutter wäre am Boden zerstört, wenn er mit Polizeibegleitung zuhause abgeliefert würde. Sie wäre so dermaßen enttäuscht, denn Ehrlichkeit war ihr immer wichtig. Sie würde sich schon total aufregen, wenn sie von den ganzen kleinen Lügen erfahren würde, die ihre Kinder Tag um Tag ihren Freunden auftischten und litt ja selbst unter ihrer Schwindelei der Nachbarin gegenüber. Aber Stehlen, eine echte Straftat? Leon schüttelte seinen Kopf heftig, damit er wieder klar denken konnte. Wenn diese Nina nicht eingegriffen und ihn auf so geschickte Weise von dem Detektiv weggelotst hätte … Leon wurde fast schlecht. Und so saß er auf der Bank, die Kälte kroch ihm durch die Schuhsohlen, während es langsam dämmrig wurde. Ein Leierkastenmann arbeitete sich durch die Fußgängerzone vor und spielte verschiedene Weihnachtslieder. Die Leute lächelten und warfen im Vorbeigehen einige Geldstücke in den gezückten Zylinder. Nicht einmal das konnte Leon tun. Im Sommer hatte er mal versucht, sich mit seiner alten Gitarre in die Fußgängerzone zu setzen und Musik zu machen. Er war ganz gut und spielte einige aktuelle Songs, zu denen er leise sang. Ein paar Euro kamen so zusammen, doch plötzlich standen zwei Polizisten vor ihm und wollten seine Genehmigung sehen. Die hatte er natürlich nicht, und so packte er seine Gitarre ein und verzog sich; die mageren 3,15 Euro durfte er netterweise behalten. Von dem Geld hatte er sich zwei Kugeln Eis gegönnt und dann noch spontan auf dem Markt eine einzelne Rose gekauft, die die Blumenhändlerin ihm mit einem bisschen Deko-Grün für 1,50 Euro überließ, weil die Blume „schon ein bisschen schlapp“ sei (was gar nicht stimmte, aber Leon fand das sehr nett von ihr). Die Rose hatte er seiner Mutter mitgebracht, die sich sehr gefreut hatte und die Blume im Wasserglas so lange auf dem Esstisch stehen ließ, bis sie wirklich komplett verwelkt war. Leon machte so gerne Geschenke und wusste heute noch, dass seine Mutter jedes Mal gelächelt hatte, wenn ihr Blick auf die Rose fiel. Wie gerne würde er ihr noch viel mehr schenken.Leon wollte nicht nach Hause, wollte in der Nähe der hell erleuchteten Drogerie bleiben, das Ziel seiner Wünsche noch nicht aufgeben. Trotzdem wusste er, dass es keinen Weg für ihn gab, das Geschenk für Birte zu kaufen. Er fühlte sich wie ein totaler Versager.„Ist dir nicht total kalt?“, sprach ihn jemand an. Uff, doch, … jetzt, wo er aus seinen düsteren Gedanken auftauchte, merkte er, dass er eigentlich ziemlich durchgefroren war. Er schüttelte sich kurz und hob den Kopf. Vor ihm stand Nina, ohne den weißen Kittel, aber mit einer dicken Jacke und einem bunten Schal. Ihr Atem bildete kleine Wölkchen. Leon stand auf, seine Füße waren wie Eisklumpen. Er schaute schnell auf die Uhr an der Fassade des Juweliers gegenüber, fünf Uhr war es erst, aber schon stockdunkel und ganz schön kalt. Nina redete weiter: „Du, ich habe jetzt Schluss für heute und wollte was Warmes trinken gehen. Magst du mitkommen?“Uff, das waren genau die Situationen, die Leon hasste: Jemand fragte ihn, ob er spontan etwas machen wollte; etwas trinken gehen, eine Pizza auf die Hand holen oder andere dieser Kleinigkeiten, die für Jugendliche ohne Geldsorgen völlig selbstverständlich waren. Doch bevor Leon noch in seinem müden Hirn nach einer Ausrede kramen konnte, sagte Nina: „Ich lade dich ein, heute ist nämlich ... äh, meine Probezeit abgelaufen und ich habe ..., genau, ich habe einen Aushilfsvertrag bekommen. Das muss gefeiert werden. Also, kommst du?“, und schon drehte sie sich wieder rum und lief los. „Irgendwie trotte ich heute dauernd hinter dem Mädel her“, dachte Leon etwas verstimmt, als er genau das tat. Sie ging langsamer, bis er neben ihr war, und dann stiefelten sie durch die weihnachtlich geschmückte Fußgängerzone, während Nina pausenlos Belanglosigkeiten vor sich hinplapperte. Aushilfsjobs in dieser Drogerie wären total begehrt, sie hätte sich richtig bewerben müssen, dann gäbe es eine Probezeit, und nun könnte sie endlich dort langfristig arbeiten, zwei Stunden pro Tag … Leon hörte nur mit einem halben Ohr zu und versuchte, nicht auf Nina neidisch zu sein, die so einen guten Job ergattert hatte. Aber sie schien auch wirklich was drauf zu haben, und nett war sie außerdem. „Wie alt bist du eigentlich?“, platzte er mitten in einen ihrer nicht enden wollenden Sätze.Nina stoppte und guckte ihn halb gekränkt, halb belustigt an. „Na, du bist ja ein toller Zuhörer. Ich bin 14, also gerade erst geworden, im November, und dann durfte ich endlich einen Job suchen. Meine Mutter ist da total spießig und meinte immer, 13 wäre noch zu jung und ich sollte mich lieber auf die Schule konzentrieren. Aber mein letztes Zeugnis war ganz gut und so konnte sie nichts mehr sagen. An meinem 14. Geburtstag bin ich nachmittags schnurstracks zu mei… äh, also zum Filialleiter marschiert und habe ihn gefragt, ob … naja, blöd ausgedrückt, also ich habe mich halt beworben. Na, und den Rest kennst du ja.“Leon musste grinsen. Guck, da waren sie ja schon zu zweit. Er erzählte Nina von seiner Mutter und seinen eigenen Plänen für den Januar, als sie auch schon in einem kleinen Café angekommen waren und sich einen Tisch suchten. Bevor Leon noch nach dem preiswertesten Getränk auf der Karte suchen konnte, übernahm Nina schon wieder die Regie: „Magst du Zimt? Dann musst du unbedingt den 'Holiday Apple Cinnamon' probieren, mit Sahne. Okay?“, und ohne seine Antwort abzuwarten, bestellte sie zwei große Becher von dem Zeugs. Sie verbrachten tatsächlich eine ganze Stunde in dem Café, Nina bestellte ungefragt noch eine Runde von dem wirklich leckeren heißen Apfelkram, und sie quatschten, als ob sie sich schon seit Jahren kennen würden. Was sie irgendwie auch fast taten, denn Nina war eine Klasse über ihm. So hechelten sie gemeinsame Lehrer und andere Schulgeschichten durch und Leon war erstaunt, wie wohl er sich mit Nina fühlte. Gemeinsam gingen sie dann schließlich zum Fahrradständer und fuhren noch ein Stück gemeinsam, bis sich ihre Wege trennten. Auch, wenn er das Geschenk für Birte nicht bekommen hatte und nie würde, fühlte Leon sich zum ersten Mal seit langer Zeit rundherum gut und zufrieden. Er hatte ein richtig warmes Gefühl im Bauch – und das kam nicht nur vom Holiday Apple Cinnamon …Am nächsten Morgen schwang sich Leon gut gelaunt aus dem Bett und pfiff tatsächlich vor sich hin, was ihm einen grantigen Blick von seiner Schwester einbrachte. Er konnte es kaum erwarten, zur Schule zu fahren, und tatsächlich entdeckte er Nina in der großen Pause, wo sie mit ihren Freundinnen vor der Turnhalle stand. Sie grinste ihm zu und winkte ein bisschen, woraufhin sich natürlich alle ihre Freundinnen auch zu Leon umdrehten und dann wie verrückt auf Nina einredeten. Leon wurde knallrot, sah noch, wie Nina lachend die Augen verdrehte und dann machte er, dass er aus dem Blickfeld dieser Hühner verschwand. Trotzdem bekam er sein Grinsen den ganzen Tag nicht aus dem Gesicht und war in bester Laune. Die Hausaufgaben erledigten sich wie von selbst, er räumte sogar freiwillig die Küche auf, holte die Wäsche aus dem Wäschekeller und faltete sie ordentlich zusammen. Er hatte die ganze Wohnung für sich, denn heute ging seine Mutter direkt vom Büro aus zu ihrer einen Putzstelle, und Birte war von der Schule aus mit zu ihrer Freundin gefahren, um dort für die nächste Mathearbeit zu üben. Als wirklich gar nichts mehr zu tun war, schrieb er einen kurzen Zettel für seine Mutter und fuhr mit dem Rad zum Lebensmittelmarkt. Ab und zu schaute er dort vorbei, um mit Herrn Maurer ein bisschen zu reden und sich so im Gedächtnis zu halten. Nicht, dass ihm noch jemand seinen zugesagten Job vor der Nase wegschnappte. Herr Maurer stand vor dem Kühlregal mit den Milchprodukten und fluchte halblaut vor sich hin. Glücklicherweise war gerade kein Kunde in diesem Gang, also grüßte Leon und fragte, was denn los sei. „Ach, Leon, hallo. Mann, dieser Azubi macht mich noch wahnsinnig. Immer mit den Gedanken woanders und in der Pause sofort wieder am Handy. Jetzt guck mal hier: Kefir und Buttermilch stehen total durcheinander, ich meine, so was sieht man doch, oder nicht? Und außerdem hat er die 1,5-prozentige und die 3-prozentige Milch auch nicht vernünftig einsortiert, das ist doch wie Kraut und Rüben. Und ich habe gerade im Lager eine neue Lieferung bekommen, um die ich mich kümmern muss, während der Herr Azubi um Punkt 16:30 Uhr den Kittel an den Nagel gehängt hat.“Leon überlegte nicht lange: „Herr Maurer, soll ich das gerade eben neu sortieren? Ich weiß ja, hier kommt die Buttermilch hin, ins Regal drunter der Kefir, alles mit den Etiketten nach vorne … und die Milchkartons teile ich auch passend auf. Dann können Sie sich um die Lieferung kümmern.“
Herr Maurer zögerte kurz und sagte dann: „Leon, du weißt … deine Mutter ...“
„Ich will ja keine Bezahlung dafür“, sagte Leon schnell. „Ich bin doch aber eh gerade hier und kann Ihnen kurz aushelfen, da ist doch nichts dabei.“„Na gut … ich kann deine Hilfe wirklich gebrauchen. Meld' dich, wenn du fertig bist, ja?“, sagte Herr Maurer sichtlich erleichtert, und schon ging er im schnellen Schritt Richtung Lagerraum.Leon machte sich zielstrebig an die Arbeit, sortierte, räumte um, richtete die Verpackungen ordentlich aus und achtete die ganze Zeit penibel darauf, dass die Produkte gekühlt blieben. Mann, dieser Azubi war anscheinend echt eine Pfeife und hatte die Sachen einfach nur blind ins die Kühlschränke gestopft. Nach einer knappen halben Stunde hatte Leon alles aufgeräumt. Kefir und Buttermilch standen wie die Zinnsoldaten in Reih und Glied, die Milch war dort, wo die Etiketten es anzeigten, und im Joghurtregal hatte er auch noch ein bisschen Klarschiff gemacht. Seine kalt gewordenen Hände reibend ging Leon zum Lager. „Herr Maurer?“, rief er halblaut, worauf der Gerufene zwischen zwei Regalen auftauchte. „Schon fertig? Super, Leon, vielen Dank, du hast mir wirklich geholfen. Ich freue mich schon darauf, wenn du bald regelmäßig hier mit anpackst. Auf dich kann ich mich wenigstens verlassen. Sag mal, ich kann dir ja kein Geld geben, aber guck mal hier, das sind alles Sachen, die noch gut sind, die ich aber den Kunden nicht anbieten kann. Äpfel mit minimalen Druckstellen, Bananen mit Flecken, Aufschnitt und Käse, bei denen das MHD morgen erreicht ist … alle sowas. Nimm einfach, was du gerne magst und was du gebrauchen kannst, warte, ich hole dir eine Tüte ...“Bald drückte Herr Maurer ihm eine große Tüte in die Hand und eilte gleich wieder in den Laden zurück. Leon packte so viel in die Tüte, wie hineinpasste … Mann, das war sein Glückstag, sogar diese Schoko-Wölkchen-Dinger, die Birte für ihr Leben gern aß, waren dabei. Und – er konnte es kaum glauben – eine komplette Packung Räucherlachs. Seine Mutter würde durchdrehen vor Freude. Leon bedankte sich noch mal bei Herrn Maurer, packte die Tüte auf den Gepäckträger und malte sich auf dem kurzen Heimweg aus, was für ein Gesicht seine Mutter machen würde, wenn sie seine 'Schätze' sah. Doch es sollte anders kommen ...Fröhlich pfeifend und zwei Stufen auf einmal nehmend sprintete Leon die Treppen hoch, schloss die Haustür auf und rief gleich: „Mama? Birte? Ich habe was mitgebracht ...“ Aus der Küche hörte er etwas rumoren, ein kurzes Rascheln von Papier, dann seine Mutter, die hektisch aufstand und sich die Nase putzte. „Leon“, sagte sie, „Ich … ich dachte, du kämst später ...“ Irgendwas war mit ihrer Stimme, sie klang sehr beherrscht und irgendwie kloßig. „Birte ist noch bei Julia, Julias Mutter bringt sie um sieben.“Leon ging in die Küche und sah sofort, dass seine Mutter geweint hatte. In der Hand hielt sie einen Brief und auf dem Küchentisch lagen zwei zerknüllte Taschentücher. „Mama? Was ist los – ist was passiert? Ist was mit Oma?“„Was? Nein, Leon, alles gut, ich habe nur … hm, Zwiebeln geschnitten, und ...“ ihre Stimme erstarb, denn auf der Arbeitsplatte war alles noch genau so aufgeräumt, wie Leon es hinterlassen hatte. Plötzlich wurde Leon richtig wütend. Er war fast 14 Jahre alt, hatte gerade ein Lob für seine Zuverlässigkeit und seine gute Arbeit bekommen, und seine Mutter behandelte ihn immer noch wie ein kleines Kind. „Mama, jetzt erzähl mir keinen Blödsinn. Was ist das für ein Brief? Und warum hast du geweint? Ich will wissen, was hier los ist, verdammt noch mal!“Seine Mutter sah ihn völlig erschrocken an. Leon hielt selbst die Luft an und wartete darauf, dass sie seine Ausdrucksweise kommentieren würde. Doch etwas völlig Anderes geschah: Seine Mutter ließ sich auf den Küchenstuhl fallen, vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. Leon war für einen Moment wie geschockt, er hatte seine Mutter noch nie so weinen sehen. Doch auf einmal fühlte er sich ganz ruhig und irgendwie … fast stark oder erwachsen oder so was, also setzte er sich neben sie und legte einfach nur eine Hand auf ihren Rücken. Nach ein paar Minuten wischte sie sich die Augen und versuchte, ein schiefes Lächeln zustande zu bringen. „Leon“, flüsterte sie fast, „ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll. Ich habe solche Angst ...“ Sie hielt ihm den Brief hin, halb zerknittert und mit Tränenflecken überall. Leon warf einen Blick auf die Betreffzeile und sein Herz setzte kurz aus: Mieterhöhung stand da, wie ein fett gedruckter, hämischer Schrei. Seine Mutter sah ihn an. „Ab März, wegen irgendwelcher Sanierungsarbeiten, die dann abgeschlossen sind. Heizung oder weiß der Kuckuck, was. Fast 100,- Euro mehr pro Monat, und ich … ich … ich kann doch nicht ...“, der Rest ging in erneuten Schluchzern unter. Leon stand auf, er musste ein bisschen nachdenken. Er wusste selbst, wie blöd solche Sprüche wie „mach dir keine Sorgen,“ oder „Alles wird gut“ in solchen Momenten waren, also sagte er lieber gar nichts und räumte erst einmal die Sachen aus der Tüte in den Kühlschrank und die Regale. Dann goss er seiner Mutter und sich einen Tee auf und setzte sich mit den dampfenden Bechern wieder zu ihr. In der Zeit hatte sie sich etwas gefangen und beobachtete ihn erstaunt, setzte wohl auch zu einer Frage an, woher die Sachen kämen, aber als sie die Tüte erkannte, schüttelte sie halb resigniert den Kopf.„Mama“, fing Leon an „ich weiß, dass du mit uns nie darüber redest, wie es mit dem Geld wirklich aussieht. Aber ich bin fast 14 – Opa hat in meinem Alter seine Bäckerlehre angefangen, hast du mir selbst erzählt. Ich bin echt kein Kind mehr!“ schleuderte er ihr entgegen. Seine Mutter lächelte unter Tränen, wuschelte ihm durchs Haar und sagte: „Na, gerade guckst du aber genau so trotzig wie mit fünf.“ Leon lächelte nicht. Irgendetwas passierte hier gerade, irgendetwas verschob sich, und er sah seine Mutter einfach nur abwartend an. Ihr Lächeln wurde unsicher, bis es erstarb. Und dann holte sie einmal tief Luft und erzählte ihm, was ihr auf der Seele lag.Leon merkte, wie gut es seiner Mutter tat, sich einfach mal auszusprechen. Dass es ihr nichts ausmachte, so viel zu arbeiten, dass sie sich aber mit Zeitungsaustragen, Putzen und den paar Stunden im Büro überhaupt nicht gefordert fühlte. Der Halbtagsjob im Büro bestand auch nur aus Botengängen, Ablage, Eindecken der Besprechungsräume und Telefondienst. Sie hatte ihre Arbeit als Grafikerin geliebt, aber es war so gut wie unmöglich, in dem Bereich nur halbe Tage zu arbeiten. Ganz im Gegenteil, oft genug brannte in den Werbeabteilungen oder -agenturen die Erde, es kamen Änderungswünsche des Kunden auf den letzten Drücker oder es musste auch mal an einem Samstag volle Leistung gebracht werden. Und natürlich reichte das Geld so gerade für alles Notwendige, aber das wusste Leon ja bereits. Sie wollte ihren Kindern so gerne etwas bieten, mal wegfahren, auch mal Geschenke machen und ihnen einfach das ermöglichen, was sie eine unbeschwerte Kindheit nannte … und nun auch noch die Mieterhöhung … hier fing sie wieder an zu weinen.Leon rührte in seinem Tee. „Mama, du machst dir viel zu viele Sorgen. Birte und ich, uns geht es gut. Klar ist es manchmal blöd, wenn wir nicht einfach mit den anderen ins Kino gehen oder Leute hierher einladen können. Aber es ist nicht halb so schlimm, wie du dir vorstellst. Was ich aber echt nicht verstehe: Warum arbeitest du denn weiter in diesen doofen Jobs, wenn du was ganz Anderes machen möchtest? Bewirb dich doch als Grafikerin, du bist so gut, du bekommst ganz sicher eine Stelle.“„Aber ich kann euch doch nicht den ganzen Tag allein lassen, euch zwei. Birte ist doch erst elf“, sagte seine Mutter empört.„Birte wird in knapp drei Monaten zwölf und ist total vernünftig, das weißt du doch wohl. Guck dich mal in ihrer Klasse um, da ist kaum jemand, der seine Eltern nicht erst nachmittags oder abends sieht. Mama, ab nächstem Schuljahr hat Birte zwei Mal die Woche Nachmittagsunterricht, so wie ich auch, und an den anderen Tagen kommt sie ganz bestimmt klar. Ich bin ja auch noch da, und im Notfall kann sie hoch zu Frau Kramer oder auch mal zu Julia. Du wirst sehen, das ist überhaupt gar kein Problem, vertrau uns doch einfach.“Seine Mutter holte zitterig Luft. „Ihr seid wirklich groß geworden, ihr zwei. Vielleicht sehe ich das nur einfach nicht so. Oder will es gar nicht sehen. Vielleicht kann ich wirklich irgendwann mal wieder voll als Grafikerin arbeiten, aber die Jobs liegen ja auch nicht auf der Straße. Ich bin ja auch ein paar Jahre raus und dann als Alleinerziehende mit zwei Kindern … ich kann mir gar nicht vorstellen, dass mich jemand nimmt.“Sie stand auf und räumte die Tassen weg. „Ich muss wohl über meinen Schatten springen und Unterstützung beantragen. Dann wird es irgendwie weitergehen. So, und nun erzähl mir, was es mit der Tüte auf sich hat, die du mitgebracht hast ...“Leon merkte, dass seine Mutter erstmal nicht weiter über alles sprechen wollte und erzählte betont witzig von seinem Arbeitseinsatz bei Herrn Maurer. Birte kam von ihrer Freundin nach Hause und staunte über den reich gedeckten Tisch. Doch abends im Bett konnte Leon lange nicht einschlafen. Nur noch ein paar Tage bis Weihnachten … im Film würde jetzt langsam mal ein kitschiges Weihnachtswunder passieren. Nur leider war das hier das echte Leben ...Am nächsten Tag war Leon immer noch nachdenklich und hörte Birtes Geschwatze beim Frühstück nur mit halbem Ohr zu. Auch die Schulstunden zogen einfach so an ihm vorbei, weil er die ganze Zeit überlegte, wie sie aus der Misere herauskommen sollten. Selbst, wenn er bald bei Herrn Wagner  arbeiten würde, wäre das verdiente Geld nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Tief in Gedanken ging er nach Schulschluss zu seinem Rad und zuckte richtig zusammen, als plötzlich ein fröhliches „Hey, gehst du mir aus dem Weg?“ ertönte. Nina stand mit ihrem Rad neben ihm und grinste ihn an.„Oh, hallo Nina, ich … nein, Quatsch, natürlich nicht. Ich bin nur … ist halt viel zu tun … für die Schule und so.“„Klar, so kurz vor Weihnachten rappeln die Arbeiten und Tests ja nur so“, sagte Nina spöttisch. Dann sah sie ihn genauer an, schob ihr Rad näher und sagte: „Mann, du siehst aus, als hättest du überhaupt nicht geschlafen. Alles okay bei dir?“, und sie guckte so ehrlich interessiert, so ohne jegliche oberflächliche Neugier, dass in Leon etwas einen kleinen Riss bekam. Er presste kurz die Lippen zusammen, schluckte einmal, sah Nina direkt in die braunen Augen und fragte: „Wie lange hast du Zeit?“---„Puh“, sagte Nina, und schlürfte den letzten Rest ihres Holiday Apple Cinnamon, „und diesen ganzen Schrott schleppst du völlig alleine mit dir rum?“Leon zuckte mit den Schultern. „Man gewöhnt sich dran. Aber diese dauernden Lügengeschichten gehen mir echt auf die Nerven. Mittlerweile lüge ich schon, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Das finde ich viel schlimmer, als kein Geld zu haben. Dabei kann ich Lügen eigentlich überhaupt nicht ausstehen.“Nina schaute schnell auf die Tischplatte. „Ja … ich auch nicht. Leon, ich wollte dir auch noch was sagen, wegen meines Aushilfsjobs, ich bin ...“„Hey, Nina, was machst duuuu denn hier?“, qietschte es plötzlich direkt neben ihnen. Beide schauten von ihrem Zweiertisch im Café hoch. Leon stöhnte innerlich: Die blöden Hühner vom Schulhof. Nina quälte sich ein Lächeln ab. „Oh, Hi Stella. Hallo Merle, hi Cara. Na, Weihnachts-Shopping?“Während des folgenden Austausches von Belanglosigkeiten versuchten die drei Mädels immer wieder, Leon unauffällig zu mustern. Er schaute angestrengt in seinen Becher und so sagte Stella schon bald: „Na, dann wollen wir euch mal nicht weiter stören ...“, und das Trio verzog sich. „Sorry“, sagte Nina. „Die sind eigentlich ganz in Ordnung, aber manchmal ein bisschen übertrieben.“„Kein Thema. Aber du wolltest gerade irgendwas sagen. Wegen deines Jobs?“Nina wurde rot und guckte nun ihrerseits interessiert in den leeren Becher. „Ach so, das … hm, ja … ich bin … also, ich habe mich gar nicht so richtig beworben … da habe ich dich auch angelogen.“, sagte Nina und sah ihn abwartend an, während sie auf ihre Unterlippe biss.Leon lehnte sich zurück und verschränkte automatisch die Arme. Belogen? Warum das denn wohl? Was sollte das heißen, sie hätte sich nicht beworben? Da das bei seiner Mutter auch gut funktioniert hatte, guckte er nur mit hochgezogenen Augenbrauen und wartete. Nina holte tief Luft und sagte: „Mein Vater ist … also, er ist der Filialleiter und ich helfe ab und zu mal aus. Es ist ihm sehr wichtig, dass ich mit einen Teil meines Taschengelds verdiene und nicht alles für selbstverständlich nehme, was wir … also ...“„Was ihr an Geld habt.“, vervollständigte Leon ruhig ihren Satz. Nina war also die Tochter vom Filialleiter, dazu noch das einzige Kind. Und so hatte sie sehr wahrscheinlich eine Menge Geld. Dann hatte sie ihn vor ein paar Tagen auch einfach nur so eingeladen … von wegen 'das muss gefeiert werden'. „Leon“, sagte Nina und guckte ihn bittend an, „du bist mir schon lange aufgefallen, aber du bist immer so für dich während der Pause. Oder du hast mit deinen Freunden zusammengestanden. Da habe ich mich nie getraut, dich einfach mal anzusprechen. Aber ich bin dir ein paar Mal hinterhergefahren, habe sogar fast schon mal geklingelt, aber da ging plötzlich die Haustür auf und ich bin schnell weitergegangen … ich wusste ja auch gar nicht, was ich hätte sagen sollen. ,Hallo, ich bin Nina, ich bin eine Klasse über dir und möchte dich gerne kennenlernen', oder was?"„Das wäre wenigstens ehrlich gewesen“, murmelte Leon. Dass sie ihn belogen hatte, fuchste ihn natürlich, aber gleichzeitig fand er es wunderbar, dass sie ihn schon lange kennenlernen wollte. Und außerdem: Wenn sich jemand nicht über Lügengeschichten beklagen durfte, dann war er das ja wohl. Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen ein paar Sekunden an, woraufhin sie unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her rutschte. Dann streckte er ihr die Hand entgegen und sagte: „Na gut. Aber ab jetzt keine Lügen mehr, okay?“, und Nina nahm erleichtert seine Hand, nickte, sagte ernst: „Keine Lügen mehr!“ und grinste ihn dann an. Dann merkten sie, dass sie sich immer noch an der Hand hielten und ließen peinlich berührt schnell los.Einen Moment saßen sie schweigend da. Aber es war ein gutes Schweigen, und Leon war eine echte Last von den Schultern gefallen. Es stimmte wirklich, geteiltes Leid war halbes Leid. Er hatte immer noch keinen Plan für die Zukunft, außer, dass er so weitermachen würde wie bisher und vielleicht bis zu seinem 14. Geburtstag ab und zu mal bei Herrn Maurer vorbeischauen würde, ob es mal wieder was zu tun gab. Bezahlung in Lebensmitteln war ja schließlich überhaupt nicht zu verachten, im Gegenteil. Trotzdem wollte er immer noch Birte zu Weihnachten dieses bescheuerte Deo schenken. Natürlich könnte er Nina direkt danach fragen, sie würde es bestimmt zum Einkaufspreis bekommen und ihm höchstwahrscheinlich ohne mit der Wimper zu zucken geben. Aber dazu war er nun doch zu stolz. Dann würde er Birte halt wieder einmal einen Gutschein schenken und konnte nur hoffen, dass es diese Sonder-Edition auch ein paar Wochen nach Weihnachten noch gab, wenn er dann von seinem ersten Lohn, den er von Herrn Maurer bekommen würde, den Gutschein einlösen könnte.Die letzten Tage vor den Schulferien gingen Nina und er ganz selbstverständlich nach der Schule zusammen in die Stadt oder trafen sich dort, wenn einer von ihnen länger Schule hatte. Sie zogen durch die Geschäfte, froren sich auf dem Weihnachtsmarkt die Füße ab, und einmal gingen sie mit Birte zusammen auf die kostenlose Eisbahn, die auf dem Marktplatz aufgebaut war. Nina hatte am Tag vorher gefragt, ob sie nicht Lust dazu hätten, worauf Leon etwas herumdruckste, bevor er – keine Lügen mehr! – geradeheraus sagte, dass Birte und er beide keine Schlittschuhe hatten und sich die ziemlich hohe Leihgebühr nicht leisten konnten. Nina nickte, doch dann leuchteten ihre Augen auf und sie sagte: „Lass mal, ich habe eine Idee. Also, wir treffen uns morgen zu dritt hier an der Eisbahn, 15 Uhr, okay? Ach so, du hast doch so ungefähr Größe 41, oder?“ Verdutzt nickte Leon. Aber er fragte nicht weiter, und am nächsten Tag stand Nina schon an der Eisbahn, bepackt wie ein Esel mit drei Paar Schlittschuhen. Birte bekam große Augen, als Leon das für sie noch völlig fremde Mädchen begrüßte. Er hatte ihr nichts verraten, damit sie nicht enttäuscht sein konnte, falls doch etwas dazwischenkam. Nun stellte er ihr Nina kurz vor und erzählte von dem Plan für den Nachmittag. Nina hatte die Schlittschuhe ihres Vaters mitgebracht, die er sich „in einem Anfall von Jugendwahn“, wie Nina es grinsend nannte, vor Jahren mal gekauft hatte und die seitdem im Keller vor sich hin staubten. Außerdem hatte sie noch ihre alten Schlittschuhe, die man von 35-38 verstellen konnte, für Birte mitgebracht. Den Schuhen sah man an, dass Nina anscheinend gerne Schlittschuh lief, sie hatten eine Menge Macken und Flecken. Aber Birtes seliges Lächeln, als sie die Schuhe eingestellt und zugeklickt hatte, sagte alles.Nina hatte Leon ein Paar dicke Wollsocken mitgebracht, und mit deren Hilfe passten die Schlittschuhe ihres Vaters so halbwegs. So staksten alle drei auf das Eis. Birte konnte Inline-skaten, da sie in der Grundschule bei einem Malwettbewerb mal ein Paar einfache Inliner gewonnen hatte, und Leon war sportlich ziemlich fit, so dass er den Dreh schnell raushatte. Diese anderthalb Stunden, die sie auf dem Eis bleiben durften, gehörten mit zu den unbeschwertesten seines Lebens. Nina und Birte verstanden sich total gut, manchmal drehten die Mädels ins Gespräch vertieft ein paar Runden allein, manchmal liefen alle drei Hand in Hand – mit Birte in der Mitte – und zwischendurch spendierte Nina allen einen Becher heiße Schokolade. Birte fühlte sich wie im Märchen, winkte ein paar Klassenkameraden zu, die auch auf der Eisbahn waren, und ihren heißen Kakao trank sie so langsam wie möglich, um ganz lange etwas davon zu haben. Als sie mit kalten Fingern versuchten, ihre Schuhe wieder abzuschnallen und über ihre Ungeschicktheit die ganze Zeit lachen mussten, schaute Birte Nina an und sagte: „Danke für den Nachmittag, Nina, du bist echt total nett.“Nina wurde ein bisschen rot und sagte: „Das kann ich dir gleich zurückgeben. Du bist netter als manches Mädchen aus meiner Klasse.“Eine kurze, verlegene Pause entstand, bis Birte endlich die Schuhe aufbekam und sie dann Nina hinhielt. „Oh“, sagte Nina und überlegte kurz: „Du, ich weiß nicht, ob das für dich okay ist, weil die Schuhe ja nun wirklich ganz schön vermackelt sind, aber mir passen die echt nicht mehr. Wenn du magst – also, das musst du ehrlich sagen – … du kannst sie gerne behalten.“Birte stand da mit offenem Mund und großen Augen, dann guckte sie Leon an und fragte: „Kann ich? Meinst du, Mama findet das okay?“Leon wusste ziemlich gut, dass es seiner Mutter einen weiteren Stich ins Herz versetzen würde, aber dass sie sich auch für Birte freuen würde. Er nickte.Birte kreischte so laut auf, dass nicht nur Leon und Nina zusammenzuckten, sondern auch die anderen neben ihnen. Birte presste die Schuhe an sich, umarmte dann Nina ungelenk und rannte noch in Socken gleich zu ihren Freunden rüber, um sich für den folgenden Tag zum Eislaufen zu verabreden.Leon guckte Nina an. „Danke. Du weißt gar nicht, was für eine große Freude du Birte gemacht hast. Ich weiß nicht, wann sie das letzte Mal so was Schönes bekommen hat.“ Nina wurde wieder rot, Leon fand das einfach zu niedlich an ihr. „Ach, mir ist das fast schon unangenehm, weil die Schuhe echt abgeliebt sind. Aber ich freue mich, dass Birte sie gut gebrauchen kann.“Schon stand Birte wieder vor ihnen, atemlos, und zog Leon ungeduldig an der Jacke. „Du, gerade sind Julia, Daniel und ein paar andere gekommen, kann ich mit denen noch mal Schlittschuh laufen? Und wir treffen uns dann um halb sieben wieder hier? Bitte? Bittebittebitte?“Leon lachte und sagte: „Klar, Mama kommt heute sowieso erst um 19 Uhr nach Hause, das schaffen wir locker. Lauf dir nur keine Blasen!“ „Und wenn schon!“ rief Birte im Weglaufen, während sie ihren Freunden den hochgereckten Daumen zeigte. Leon schaute Nina an. „Und du, hast du noch Zeit, oder musst du nach Hause?“ „Ich habe noch Zeit. Aber ich muss einmal kurz bei der Drogerie vorbei, dann kann ich nämlich die Schlittschuhe bei Papa abladen und schleppe sie nicht die ganze Zeit durch die Gegend.“Gemeinsam gingen sie zur Drogerie und suchten Ninas Vater, dem sie Leon kurz vorstellte. Leon war es ein bisschen peinlich, weil er nicht wusste, ob Nina ihn wegen der Schlittschuhe überhaupt gefragt hatte. Aber ihr Vater war echt total nett und sagte nur, er sei froh, dass die ollen Dinger überhaupt mal zum Einsatz kämen. „Weißt du, ich habe mir die damals angeschnallt und bin dermaßen über das Eis gestakt, dass ich nach zwei Minuten das erste Mal auf dem Hintern gesessen habe. Meine Frau meinte, ob ich mich umbringen wollte, und meine Tochter hier fand mich so was von peinlich, dass ich beiden versprechen musste, die Schlittschuhe nie wieder anzuziehen. Wenn ihr also noch öfter Schlittschuh laufen wollt, kannst du sie dir jederzeit gerne ausleihen, okay?“ Leon bedankte sich für das Angebot, aber dann zerrte Nina ihn schon am Arm und er konnte sich gerade noch von Herrn Peters verabschieden, bevor sie schon wieder in der Fußgängerzone standen und sich auf den Weg zum Café machten.Nina bestellte wie immer ganz selbstverständlich was zu trinken und Leon nahm es einfach hin. Natürlich nervte es ihn, dass er sie nicht mal einladen konnte, aber das würde er einfach nachholen. Nina ließ auch nie zu, dass es irgendwie peinlich wurde. Sie bestellte für sich, fragte ihn dann: „Und du?“, darauf bestellte er, und wenn der Barista den Betrag nannte, zahlte sie kommentarlos. In den Stunden im Café hatten sie sich nun schon ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Nina wusste, dass seine Mutter liebend gern wieder als Grafikerin arbeiten würde und Angst hatte, zu alt zu sein oder mit den sicherlich völlig neuen Computerprogrammen nicht zurecht zu kommen. Leon wusste, dass Ninas Vater sehr viel arbeitete und seine Tochter selten zu Gesicht bekam. Darum fand Nina es auch gut, dass sie in der Drogerie arbeiten konnte, da sie ihren Vater so wenigstens ein paar Stunden in der Woche sah. Ninas Mutter war Lehrerin und hatte gerade ihre Stunden aufgestockt, nachdem Nina ihr versichert hatte, dass sie gut zurecht käme. Kichernd erzählte Nina eine weitere Geschichte: „Papa verkleidet sich jedes Jahr als Weihnachtsmann, kannst du das glauben? Als ich klein war, fand ich das echt toll und wusste nie, dass er das war. Papa sagte Heiligabend irgendwann, er müsse mal gerade telefonieren und verschwand im Arbeitszimmer. Für mich war das nichts Ungewöhnliches und so blieb ich mit Mama im Wohnzimmer. Dann klingelte es an der Tür und als Mama öffnete, stand da der Weihnachtsmann mit einem großen Sack voller Geschenke. Irgendwann hab ich dann natürlich kapiert, dass das mein Vater war, aber er lässt es sich tatsächlich nicht nehmen, das Jahr für Jahr wieder durchzuziehen.“, sagte Nina und schüttelte belustigt und ein bisschen liebevoll den Kopf. „Ich habe ihm schon klipp und klar gesagt, dass er das wirklich nicht machen muss, aber da guckte er ganz beleidigt und sagte: 'Weihnachtsmann spielen? Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.' Scheint ihm wichtig zu sein, also mache ich weiter mit.“, beendete Nina die Geschichte.In Leon blitzte eine kurze Erinnerung auf, und so erzählte er Birte noch den Teil, den sie bisher noch nicht kannte: Auch sein Vater hatte mal den Weihnachtsmann gespielt, da musste er selbst so knapp drei gewesen sein und Birte noch ein Baby. Sein Vater und seine Mutter hatten sich im Studium kennen gelernt und natürlich war Leon nicht geplant gewesen. Birte zwei Jahre später dann schon, da träumte seine Mutter noch von einer kleinen Familie, und das Weihnachtsfest mit Tannenbaum in der kleinen Studentenbude war genau das, was sie sich immer vorgestellt hatte. Doch während sie glücklich war, hatte das alles seinem Vater die Luft abgeschnürt, und er machte sich eines morgens, während seine Mutter im Seminar saß und Leon und Birte in der Uni-Kita waren, einfach aus dem Staub. Mehr hatte Leons Mutter ihren Kindern nicht erzählt. Sie hatte sich damals dann doppelt so sehr angestrengt, um trotz ihrer Kinder das Studium so schnell und gut wie möglich durchzuziehen, was sie mit Hilfe der Uni-Kita, ihrer Mutter und einiger Freunde auch schaffte. Nach dem Studium hatte sie sofort in der Werbeagentur, in der sie ihr Praktikum gemacht hatte, eine feste Anstellung bekommen, doch sehr schnell schon war sie dem Agenturchef nicht flexibel genug und er kündigte ihr. Niemand wollte eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern unter zehn Jahren in Vollzeit einstellen, und seitdem hielt seine Mutter sie alle mit ihren verschiedenen Jobs über Wasser.All das und noch viel mehr erzählten sie sich, bis es Zeit war, Birte wieder abzuholen und nach Hause zu fahren. Auf dem Heimweg war Nina in Gedanken versunken, bis sie zu ihrer Abzweigung kamen und sie nur noch „Tschüß, bis morgen!“ rief. Aber nach dem langen Nachmittag und den vielen Gesprächen war das auch völlig verständlich. Dafür quasselte Birte umso mehr und rannte zuhause alle Treppen hoch, um ihrer Mutter die Schlittschuhe zu zeigen und alles zu erzählen.Der letzte Tag vor Heiligabend verging wie im Flug. Leon hatte von seinem Taschengeld zwei Postkarten gekauft, eine für Birte und eine für Nina. Die für Birte zeigte einen niedlichen Hundewelpen, der „I wuff you!“ sagte, das war perfekt für sie. Natürlich würde Leon die kitschige Vorderseite mit einem passenden Text auf der Rückseite wieder ein bisschen entkräften, ganz klar. Für Nina hatte er ewig gebraucht, um eine passende Karte zu finden. Sie waren ja nur gute Freunde, also durfte es nichts mit Verliebtheit oder sonstigem Schmarrn zu tun haben. Aber zu albern oder unverschämt sollte es auch nicht sein, denn er mochte sie schon ziemlich gern. Entschieden hatte er sich schließlich für eine dieser Karten mit Natur-Motiv, auf der ein Sinnspruch stand, der mit geschenkter Zeit zu tun hatte. Viel anderes als Zeit konnte Leon Nina auch schließlich gar nicht schenken. Am Tag vor Heiligabend, als endlich keine Schule mehr war, zog Leon sich in die Küche zurück und machte beide Karten soweit fertig. Auf Ninas Umschlag schrieb er „Für Nina, persönlich. Erst an Heiligabend öffnen!“, dann setzte er sich aufs Rad und fuhr durch den kalten Regen zu ihrem Haus. Was für ein Unterschied zwischen seinem Wohngebiet und ihrem bestand, das war ihm noch nie so aufgefallen. Aber wenn es Nina nicht störte, dass er arm war, würde es ihn einfach nicht stören, dass sie reich war. Leon musste selbst grinsen, als er das dachte. Das Tor zur Einfahrt stand offen und Ninas Vater holte gerade die Mülltonnen rein, die am morgen noch geleert worden waren. Leon fand das gut, dass Ninas Vater so … tja, so normal war. Auf der anderen Seite musste er nun mit ihm reden, anstatt den Umschlag einfach in den Briefkasten zu werfen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte. Er stellte sein Rad kurz ab und ging unschlüssig auf Herrn Peters zu, als dieser aufsah, ihn kurz musterte und dann lächelte. „Leon, stimmt's? Wir haben uns doch neulich kennengelernt. Was treibt dich denn bei dem Wetter vor die Türe?“, sprach Herr Peters ihn an. „Ja, Leon stimmt, guten Tag, Herr Peters. Ich habe … ich wollte … ich habe hier einen Brief für Nina, den ich in den Briefkasten werfen wollte.“, sagte Leon halbwegs verlegen. Doch Ninas Vater war wirklich cool und meinte nur, Leon sollte das tun, da würde Nina sich freuen, wenn sie nachher die Post holen würde. Kein dummer Spruch, keine neugierigen Fragen – Ninas Vater wurde ihm immer sympathischer. Gerade wollte Leon wieder aufs Rad aufsteigen, da sprach Herr Peters ihn noch einmal an: „Ach, Leon, sag mal … was plant ihr denn so für morgen? Also, Heiligabend … wie läuft das bei euch so?“ Leon war etwas erstaunt, dachte sich aber, dass Herr Peters wohl nur noch etwas höfliche Konversation machen wollte. „Nun, morgens schlafen wir alle ein bisschen länger, dann bringen wir gemeinsam unsere Wohnung auf Vordermann und stellen ein paar Kerzen auf. Mittags gibt es immer Kartoffelsalat und Würstchen, schon so lange ich denken kann. Nachmittags gehen wir um 17:00 Uhr in den Gottesdienst und machen es uns danach gemütlich, spielen ein Spiel oder erzählen uns etwas. Manchmal gehen wir noch mal in die Mitternachtsmesse, aber meistens schläft einer von uns schon vorher auf dem Sofa ein.“, erzählte Leon bereitwillig. „Ah, das ist ja fast so ähnlich wie bei uns. Habt ihr denn auch einen schönen Baum, oder müsst ihr den heute noch besorgen?“, fragte Herr Peters. Leon wurde rot und schaute zu Boden. Kalt erwischt, so ein Mist. In Gedanken sah Leon Ninas ernste braune Augen, die denen ihres Vaters so sehr ähnelten, und hörte ihre Stimme: Keine Lügen mehr!Also hob er den Kopf, sah Herrn Peters an und sagte: „Nein, dieses Jahr wird es keinen Baum geben. Wir haben eine unerwartete Mieterhöhung bekommen und müssen sparen. Aber das ist okay, unsere Wohnung ist eh viel zu klein für einen Baum, und wir stellen einfach ein paar Kerzen mehr auf, das ist genau so festlich. Ich muss jetzt los, grüßen Sie doch bitte Nina von mir, ja? Ach, und fröhliche Weihnachten!“Hm, eigentlich war das mit der Wahrheit gar nicht so schwer, dachte Leon, während er von Ninas Haus wegfuhr. Hätte er sich noch einmal umgedreht, hätte er gesehen, wie Herr Peters ihm nachdenklich hinterher sah …Heiligabend – endlich! Auch, wenn Leon und Birte schon ziemlich groß und vernünftig waren, freuten sie sich trotzdem wie verrückt auf diesen Tag. Alles verlief so, wie Leon das Herrn Peters beschrieben hatte. Ein wenig enttäuscht war Leon schon, dass weder mit der Post, noch im Laufe des Vormittags irgendein Zeichen von Nina kam, aber sie war ja ihm gegenüber auch zu nichts verpflichtet. Also half er mit beim Aufräumen, dekorierte das Wohnzimmer mit Kerzen und erklärte sich sogar gutmütig bereit, mit Birte Girlanden aus den Resten der Goldfolie zu basteln, die sie sich mal im 1-Euro-Shop gekauft hatte. Einträchtig nebeneinander sitzend schnitten sie Streifen um Streifen, während aus dem Radio Weihnachtsmusik erklang und ihre Mutter die Plätzchen, die sie von ihrem Chef im Büro bekommen hatte, auf einem Teller dekorierte. Als die Girlanden fertig waren, hängten sie sie über die Regale, und auf einmal sah das Wohnzimmer so richtig weihnachtlich aus. Zu dritt saßen sie auf dem kleinen Sofa, ihre Mutter hatte je einen Arm um eines ihrer Kinder gelegt, und so hörten sie noch das Lied zu Ende. Ihre Mutter gab jedem einen schnellen Kuss, drückte sie und sagte: „Ihr seid meine größten Schätze, wisst ihr das? Jetzt aber los, sonst kommen wir zu spät in die Kirche. Kerzen aus, Schuhe und Jacken an, auf geht’s.“Leon liebte es, an Heiligabend zur Kirche zu gehen. Zwar schneite es nicht in sanften Flocken, wie es in alten Kitschfilmen meistens war, aber heute war es wenigstens trocken. Während sie in die Kirchstraße einbogen, begannen die Glocken zu läuten und immer mehr Menschen kamen zusammen, denn natürlich war die Kirche zu den Weihnachtsgottesdiensten immer rappelvoll. Am meisten freuten Birte und Leon sich immer auf das letzte Lied, O, du fröhliche, das sie aus vollem Halse mitsangen. Ihre Mutter schaffte es meistens nur bis zur zweiten Strophe, dann kramte sie nach ihren Taschentüchern, aber auch das gehörte einfach dazu.Als sie eine Stunde später aus der Kirche wieder herauskamen, war es richtig finster, bis auf das Licht der Straßenlaternen. Alle drei gingen untergehakt nach Hause, konnten hier und da in die erleuchteten Häuser gucken, und ihre Mutter erzählte die Geschichte von dem Mädchen mit den Zündhölzern – auch das war bei ihnen schon seit Langem Tradition. Früher hatte Birte bei der Geschichte immer angefangen zu weinen, weil das Mädchen ihr so leid tat. Endlich kamen sie zuhause an und stiegen in den dritten Stock hinauf, betraten ihre Wohnung und machten es sich im Wohnzimmer gemütlich. Leons Mutter goss eine Kanne Tee auf und Birte half ihr, den Tisch zu decken, als es an der Tür schellte. „Wer ist das denn jetzt?“, fragte Leons Mutter erstaunt. „Bestimmt Frau Kramer, die uns frohe Weihnachten wünschen will. Ich mache ihr mal auf.“, sagte Leon und ging zur Tür. Als er die Türe öffnete, sah er aber nicht Frau Kramer, sondern stand jemand völlig anderem gegenüber – dem Weihnachtsmann. Verdutzt blickte Leon von den schwarzen Stiefeln über die etwas zu große rote Hose, den schwarzen Gürtel, den roten Mantel mit weißem Kragen hoch zum weißen Kunstbart und der roten Mütze, die ein paar funkelnde braune Augen einrahmten. „Ho, ho, ho! Fröhliche Weihnachten für euch alle!“ rief eine künstlich tiefe Stimme, etwas wurde ihm in die Hand gedrückt, und dann lief der Weihnachtsmann wie der Blitz durchs Treppenhaus hinab. Leon war so verdutzt, dass er die Haustür ins Schloss fallen hörte, bevor er überhaupt reagieren konnte. Er schaute auf das Päckchen in seiner Hand und erkannte mit einem Blick, was es war: Die Special-Edition mit Deo und Nagellack. Schnell schob Leon das Päckchen unter seinen Pullover, denn schon standen seine Mutter und seine Schwester hinter ihm. „Wer war das denn? Das war doch nicht Frau Kramer?“, wollte seine Mutter wissen, während Birte sich an Leon vorbei in den Flur quetschte und plötzlich laut rief: „Mama! Leon! Guckt mal!“ Beide drehten sich zu Birte um und erstarrten. In der kleinen Nische neben ihrer Haustür standen ein großer Korb und dahinter ein ca. ein Meter hoher Weihnachtsbaum, komplett mit Standfuß und mit Kugeln, Strohsternen und einigen Kerzen geschmückt. In dem Korb waren einige bunte Päckchen und drei Umschläge, die fein säuberlich mit 'Leon', 'Birte' und 'Frau Althaus' beschriftet waren. Leons Mutter war völlig irritiert. „Was ist … wer war … warum ..?“ stotterte sie, während Birte schon den Korb in die Wohnung zerrte und Leon vorsichtig die Tanne hochhob und nach drinnen trug. Innerhalb weniger Minuten hatte er den kleinen Couchtisch weggeräumt und den Baum neben das Sofa gestellt, während Birte die bunten Päckchen darunter legte.Ihre Mutter stand immer noch verdutzt im Flur, wie Leon bemerkte, als sie fertig waren. Also holte er sie ins Wohnzimmer und erzählte ihr in wenigen Sätzen von Nina, so gut das in der Eile ging. Trotzdem war seine Mutter sehr verblüfft, vor allem über die Karte, die von unbekannten Leuten an sie adressiert war. Darum saß sie einfach nur auf dem Sofa und sah zu, wie ihre Kinder abwechselnd die Päckchen auspackten. Eine bunte Mischung kam da zum Vorschein: duftendes Duschgel mit passender Bodylotion für ihre Mutter, Shampoo und Spülung für Birte, ein angesagtes Gel für Leon. Haarspangen und dicke Socken, eine Duftkerze und eine Schneekugel, verschiedene Weihnachtssüßigkeiten, zwei Flaschen alkoholfreier Punsch … für jeden war etwas dabei. Nur die Packung mit Salbeitee fand Birte blöd, während Leon laut lachen musste. Als kein Geschenk mehr übrig war öffnete Birte ihren Umschlag und kreischte gleich wieder los: „Super, Kinokarten, zwei Stück! Da kann ich mit den anderen am Freitag mitgehen. Ich darf doch, Mama, oder?“, und ihre Mutter nickte nur stumm, immer noch total überfordert. Leon öffnete seinen Umschlag. Auch Nina hatte eine ähnliche Karte ausgesucht wie er – um genau zu sein eine von denen, die er auch in die engere Wahl gezogen hatte – und ebenfalls lagen zwei Kinokarten im Umschlag. Auf der Karte stand: „Wenn dir niemand einfällt, mit dem du gerne ins Kino gehen möchtest, würde ich wohl einspringen. Wir müssen ja nicht unbedingt in denselben Film gehen wie deine Schwester ...“  Ach, apropos Schwester, da fiel Leon wieder das Päckchen ein, das er mittlerweile in seine Sweatshirttasche gesteckt hatte. „Birte, dieses Jahr wollte ich dir mal was Richtiges schenken. Weil ich … weil du … ach, einfach, weil du meine Lieblingsschwester bist, du Nervensäge.“, und er warf ihr das Päckchen zu. Der folgende Schrei war der lauteste des ganzen Abends, und Birte schmiss ihn mit ihrer Umarmung fast um, bevor sie ins Badezimmer rannte, um sich gleich die Nägel in „Magic Cinnamon“ zu lackieren.Damit war sie ein paar Minuten beschäftigt. Leon setzte sich neben seine Mutter und drückte ihr den Umschlag in die Hand, der ihren Namen trug. „Ich verstehe das immer noch nicht, Leon. Warum beschenken uns diese Menschen so?“„Ach, Mama, weil sie es können und einfach nett sind. Und ich glaube, Nina und ihre Eltern hatten beim Aussuchen mindestens genau so viel Freude wie wir beim Auspacken. Magst du mal in den Umschlag schauen?“Leon hatte keine Ahnung, was da wohl drin sein könnte. Auch Kinokarten? Sie waren ewig nicht mehr als Familie im Kino gewesen. Seine Mutter öffnete den Umschlag, nahm eine klassische Weihnachtskarte heraus und begann zu lesen. Auf einmal schlug sie sich die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf, während schon die Tränen liefen. „Leon“, flüsterte sie, doch dann drückte sie ihm einfach die Karte in die Hand. Leon sah sie kurz besorgt an, dann las er selbst, was Ninas Vater geschrieben hatte:„Liebe Frau Althaus,wir kennen uns nicht persönlich, aber was Nina mir von Ihnen und Ihrer Familie erzählt hat, reicht, um mich neugierig zu machen. Ich weiß nun, dass Sie eine gute und anscheinend begabte Grafikerin sind, darum möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen: Mein Freund sucht händeringend nach einer zweiten Grafikerin für seine Werbeagentur, und zwar kurzfristig. Er möchte gern, dass Sie am 28. Dezember um 10:00 Uhr in sein Büro kommen, damit er Sie kennenlernen kann. Ich hoffe, dass Sie an diesem Tag Zeit haben.Frohe Weihnachten wünscht IhnenAdrian Peters“Stumm und fassungslos sahen Leon und seine Mutter sich an. Leon wollte gerade etwas sagen, als Birte ins Zimmer gerannt kam, mit glitzernden Nägeln und in eine Wolke von Deo gehüllt. Und dieser Schrei war definitiv der allerlauteste des Tages: „Mama, Leon, guckt mal raus … es schneit!!!“
WortParade Dorothee Bluhm
 Sofort für Sie da ...

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