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Weihnachtsgeschichte 2017

PrologHeiligabend, 16:00 UhrNiklas wartete genervt auf den Fahrstuhl. Klar, er könnte aus dem ersten Stock auch zu Fuß bis in den Keller gehen, um den gefüllten Jutesack zu holen, aber heute war er nun mal faul. Außerdem hatte er keine Lust, in seinem Weihnachtsmannkostüm im Treppenhaus jemandem über den Weg zu rennen und blöde Fragen zu beantworten; den Aufzug nahm erfahrungsgemäß niemand. Aber zu einem Mehrgenerationen-Wohnprojekt gehörte natürlich auch ein Aufzug, wobei die beiden älteren Leute hier im Haus besser zu Fuß waren als so mancher Andere. Mehrgenerationen-Wohnprojekt … Niklas schnaubte abschätzig und drückte noch mal aggressiv auf den Aufzugsknopf. Mann, mittlerweile wäre er schon längst im Keller und hätte sich den albernen Sack mit den vielen Geschenken – überwiegend Postkartenkalender, Duschgel-Bodylotion-Sets, Powerbanks, eben so Kram, den jeder irgendwie gebrauchen kann – geschnappt. Warum hatte er überhaupt zugesagt, diesen Job zu übernehmen? Sein Kumpel Boris hatte ihn überredet, in seiner hippen Werbeagentur den Weihnachtsmann zu geben. Boris hatte um die 20 Mitarbeiter, alle – wie es dem Klischee entsprach – nerdige Singles, für die Heiligabend eigentlich ein Tag wie jeder andere war. Also war er als Chef auf die Idee gekommen, gegen 17:00 Uhr Niklas als Weihnachtsmann auftauchen zu lassen, der mit dem Verteilen der netten Nichtigkeiten eine Überraschungs-Weihnachtsparty einleiten sollte. Und irgendwann nach dem 3. Bier hatte Niklas dann zugesagt. Schließlich war er selbst Heiligabend allein mit seiner Katze, und der war es egal, ob sie Ihr Festtags-Katzenfutter um 18:00 Uhr oder um 19:00 Uhr bekam.So, da war der Aufzug endlich; modern und mit Glasfront, aber lahm wie die letzte Schnecke. Niklas unterdrückte den Wunsch, die sich langsam öffnenden Glastüren mit der Hand auseinander zu drücken und betrat schließlich die Kabine. Heftig drückte er auf den Knopf, der ihn in den Keller bringen sollte, und langsam setzte sich der Aufzug in Bewegung. Als der Aufzug genau zwischen Erdgeschoss und Keller war und Niklas' Kopf gerade auf Höhe des Holzrentiers vor Rosies Tür war, ging das Flurlicht aus, es gab einen Ruck und der Aufzug blieb stehen. Kurze Dunkelheit, dann ging das Notlicht im Aufzug an. Was sollte das denn jetzt? Niklas drückte auf ein paar Knöpfe, bis er registrierte, dass auch der Lichtschein unter Rosies Tür verschwunden war. Echt jetzt, Stromausfall? Seufzend zog Niklas das Handy aus der Tasche seiner roten Plüschjacke … natürlich, kein Netz. Der Eingangsbereich war immer schon ein einziges Funkloch gewesen. Und jetzt? Das Haus war still wie meistens, fast gespenstisch. Sieben Parteien wohnten hier, aber man bekam kaum jemanden zu Gesicht. Normalerweise war Niklas das ganz recht, aber genau jetzt hätte er gerne jemand anderen gesehen als das dumme Rentier, das er so gerade noch schemenhaft erkennen konnte. Bevor er richtig nachdachte, rief Niklas laut: „Hallo? Halloo? Äh, Hilfe? Ich stecke im Aufzug ...“, ach, bringt ja eh nichts. Vielleicht ist es ja auch gleich wieder vorbei mit dem Stromausfall und dann säße er hier wie ein kleiner Junge, der nach seiner Mama heult. Seufzend schaute er noch mal aufs Display. Es war 16:10 Uhr am 24. Dezember 2017.1. DezemberRosie kam von ihrer morgendlichen Walkingrunde zurück. Jeden Morgen 5 km, egal, bei welchem Wetter, das machte sie nun seit gut zwei Jahren und war seitdem keinen Tag mehr krank. Angefangen hatte sie mit einem Nordic-Walking-Kurs im Turnverein, auch damals ein bisschen in der Hoffnung, vielleicht jemanden kennenzulernen, aber es waren überwiegend ältere Damen wie sie selbst, die schon nach der 2. Kursstunde in schnatternden Kleingrüppchen hinter ihr zurückblieben. Nein, zu so einer Gänseschar wollte Rosie nicht werden, sie wollte etwas für sich, ihre Gesundheit und auch für ihren Körper tun. Und, so stellte sie immer wieder leicht stolz fest, ihre 72 Jahre sah man ihr auch wirklich nicht an. Auch, wenn die kurzen Haare grau waren; ihre Haut profitierte von der frischen Luft und sie war wirklich gut trainiert. Auch an diesem ersten Dezembermorgen, der eher nieselig-mild war, hatte sie ihre Morgenrunde genossen. Es war noch dunkel, als sie losgegangen war, mit Stirnlampe und Reflektoren ausgestattet. An der Haustür hatte Niklas aus dem ersten Stock ihr noch die Tür aufgehalten, er selbst war schon wieder spät dran und würde wohl mal wieder erst kurz vor dem ersten Läuten im Lehrerzimmer eintreffen. Ein kurzes Nicken, ein kurzes 'Guten Morgen' und schon hetzte er zu seinem Auto. Michael und Sarah, die neben ihr wohnten, hatte Rosie schon eine Viertelstunde früher an ihrer Tür vorbeigehen hören, Sarah wie immer fröhlich schwatzend, wie es sich für eine Siebenjährige gehörte. Michael brachte sie auf dem Weg in die Agentur morgens zur Schule, nachmittags holte er sie aus dem offenen Ganztag ab und arbeitete dann oft bis spät in die Nacht von zuhause aus weiter. Vor zwei Jahren, als alle Parteien in das Haus eingezogen waren, versuchten einige der Bewohner noch, miteinander in genau den Kontakt zu treten, der hinter der Idee des Mehrgenerationen-Wohnprojekts stand. Der Gedanke, Rosie als eine Art Ersatz-Oma für Sarah zu gewinnen, war der Auslöser für ein längeres Gespräch an Rosies gemütlichem Küchentisch. Da hatte Michael ihr dann seine mehr als traurige Geschichte erzählt, denn die Mutter von Sarah war direkt nach der Geburt gestorben, an einem unentdeckten Aneurysma im Kopf. Wie bei diesem Film, Jersey Girl oder wie der hieß, dachte Rosie sich, während Michael krampfhaft versuchte, nicht vor der noch fremden Frau loszuheulen. Ein bisschen hatte er noch erzählt, wie unglaublich schwierig alles war mit diesem Säugling; seine eigenen Eltern waren zwar die erste Zeit in seiner Nähe, aber sie kurvten als rüstige Ruheständler in ganz Europa herum und verbrachten die Winter auf irgendeiner kanarischen Insel. Trotzdem hatte Michael ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern und war mit ihnen sämtliche Optionen – von Adoption über Nanny bis hin zur konkreten Planung, wie er Sarah allein großziehen konnte – durchgegangen. Da seine Frau ihre Eltern schon früh verloren hatte (manche Familien traf es aber auch knüppeldicke, dachte sich Rosie), gab es keine Verwandten mütterlicherseits und Michael hatte sich schließlich dazu durchgerungen, seine Tochter alleine großzuziehen. Und das machte er fantastisch, merkte Rosie, denn Sarah saß während des Gesprächs nebenan im Wohnzimmer, hörte eine Märchen-CD und malte. Trotzdem war Michael nach diesem Gespräch Rosie gegenüber eher distanziert. Es schien ihm irgendwie doch peinlich zu sein, sein Herz so ausgeschüttet zu haben, jedenfalls war es nie dazu gekommen, dass Rosie mehr für Sarah wurde, als die nette alte Dame, die ihr nach der Schule immer durchs Küchenfenster zuwinkte. Rosie fand das sehr schade, aber sie würde sich auch nicht aufdrängen.Mittlerweile war Rosie durch den Hausflur in ihren Keller gegangen, wo sie ihre dreckigen Walkingschuhe ausbürstete, die nasse Jacke auf die Leine hängte und ihre Stöcke in die Ecke stellte, bevor sie in ihre Hausschuhe schlüpfte und sich wieder auf den Weg nach oben machte. Für den Fahrstuhl mit den schicken Glastüren hatte sie nur einen mitleidigen Blick übrig, den benutzte fast nie jemand. Uff, der Flur und das Treppenhaus sahen durch das Nieselwetter draußen ganz schön schäbbig aus. Wer hatte denn diese Woche Treppenwoche? Rosie ging zum schwarzen Brett: Ach, 1. OG links, das waren die Studenten. Rosie seufzte. Na, bis morgen Abend hatten die ja noch Zeit, aber Rosie wusste, dass doch am Ende wieder sie eben schnell durchfegen und -wischen würde. Im Mehrgenerationen-Wohnprojekthaus war auch vorgesehen, dass die Studenten zu ermäßigter Miete wohnten, dafür aber insgesamt zwei Stunden pro Woche an 'Arbeiten für das Gemeinwohl' verrichteten. Zu pflegen gab es hier aber niemanden, um den Garten kümmerte sich sowieso keiner, und die drei Studenten nutzten es einfach aus, dass niemand die Stunden einforderte. Hätte Rosie damals auch so gemacht. Treppenwoche und Schneeräumdienst waren natürlich vertraglich vereinbart, und hier hatte Rosie schon öfter mal freundlich auf die Pflichten aufmerksam gemacht – meistens ohne Ergebnis. Anstatt nun einen großen Streit vom Zaun zu brechen, griff sie dann halt selbst zum Feudel. So viel hatte sie ja nicht zu tun. So, jetzt aber schnell unter die heiße Dusche und dann gemütlich frühstücken.2. DezemberKarl Lammers saß mit der FAZ am Frühstückstisch, das Radio lief nebenbei, bis er das Gesabbele nicht mehr ertragen konnte und ausschaltete. Es war wie immer ziemlich still im Haus. Klar, die Studenten schliefen noch, die hatten ja gestern Abend bis in die Puppen Besuch. Um 22 Uhr hatte Karl heftig mit dem Besen gegen die Decke geklopft und die Musik wurde auch leiser gedreht. Aber um 2 Uhr verabschiedeten die Besucher sich, stampften durchs Treppenhaus und ließen die Haustür ins Schloss knallen, was für eine Unverschämtheit! Er hatte sich schon mal beim Mieterschutzbund erkundigt, aber außer gegen laute Musik konnte er nicht viel tun. Dass Menschen durch ein Treppenhaus gingen, sei ja eine normale Sache, dafür sei ein Treppenhaus ja auch gedacht, sagte ihm der junge Mann mit widerwärtigem Sarkasmus. Diese Grünschnäbel heute, kein Respekt mehr, das hatten seine Schüler damals auch versucht in den Siebzigern, aber denen hatte er schnell gezeigt, dass mit Oberstudienrat Karl Lammers keine Sperenzchen drin waren. Streng, aber gerecht, das war sein Credo am humanistischen Gymnasium gewesen, und nach diesem Motto hatte er seine gesamte Berufszeit hindurch Deutschkurs für Deutschkurs, Geschichtskurs für Geschichtskurs zum erfolgreichen Abitur geführt. Er war immer pünktlich, bis auf den Bandscheibenvorfall vor 20 Jahren nie krank und trug stets Anzughose, Hemd und Jackett. In den letzten Jahren seiner Lehrtätigkeit hatte er dann die ehemaligen Schülerinnen und Schüler als Eltern der neuen Schülergeneration wiedergetroffen und sie hatten ihm überwiegend dafür gedankt, dass er die Zügel nicht hatte schleifen lassen. Aber wenn er sich die heutige Generation von jungen Leuten so ansah … kein Pflichtbewusstsein, keine Manieren, kein Respekt mehr vor Älteren. Und dann diese furchtbare Sprache, durch die sozialen Medien völlig verkommen. Im Spiegel hatte neulich diese Liste mit Begriffen aus der Jugendsprache gestanden, für ihn waren das Böhmische Dörfer. Es hieß nicht vong, es hieß von, und künstliche Wortschöpfungen wie napflixen waren ja wohl völlig indiskutabel. Manchmal war er sehr froh, dass er weder eigene Kinder noch – logisch – Enkelkinder hatte und somit diesen Verfall in der Gesellschaft nicht in der eigenen Familie mit ansehen musste. Ihm reichten schon die paar Kinder und Jugendlichen hier im Haus; allen voran diese sogenannten Studenten im ersten Stock, Sven und Matze (was war das auch für ein Name, der junge Herr hieß doch sicherlich Matthias!) und dann noch Isa (Isabel? Isabella?), die alle drei Maschinenbau studierten. Na, wie weit die Isa in dem Beruf als Frau kommen würde, konnte man sich ja schon ausmalen. Und diese Wohngemeinschaft mit zwei Männern und einer Frau fand er ja auch sehr befremdlich. Aber Isa hatte anscheinend einen Freund in einer anderen Stadt, zu dem sie jedes Wochenende fuhr. Kein Wunder, so wie es in der WG höchstwahrscheinlich aussah, würde Karl dort auch niemanden hin einladen. Dann gab es noch die beiden Kinder von Frau Mischer, ein großer, schlaksiger Kerl, Johannes hieß er, wenn er sich recht erinnerte. Na, wenigstens ein vernünftiger Name; der Junge war diesen Sommer zu einem Auslandsjahr in die USA aufgebrochen. Nun war noch seine Schwester hier, Carina, die sah er nur hinter einem Haarvorhang mit Kabeln, die aus den Ohren zu kommen schienen, den Blick auf ihr Handy gerichtet, wie sie mit missmutigem Gesichtsausdruck hinter ihrer Mutter her trabte. Einmal waren sie in den zwei Jahren, in denen er hier wohnte, zufällig an der Haustür zusammengetroffen, Frau Mischer, die Brut und er, und während die Kinder grußlos an ihm vorbei schlurften, guckte Frau Mischer ihn entschuldigend an und sagte: „Pubertät halt!“. Er hatte säuerlich zurück gelächelt. Pubertät als Entschuldigung für schlechte Erziehung, ja, den Trick hatten Hunderte von Eltern schon bei ihm versucht. Natürlich ohne Erfolg, ihm machte niemand etwas vor. Aber im Haus war noch ein Kind, die kleine Krabbe von schräg gegenüber … wider Willen musste Karl fast lächeln. Na gut, Sarah war nun wirklich ein Sonnenschein. So ein Bündel Lebensfreude auf zwei Beinen hatte er selten erlebt, dabei war sie clever, ohne altklug zu sein, aufmerksam, aber nicht neugierig und sie ließ die Haustür nie von selbst ins Schloss fallen, sondern machte sie immer geduldig leise zu. Und das, obwohl der Vater keine weibliche Unterstützung in der Erziehung hatte – eine Tatsache, die Karl immer wieder erstaunte. Lautes Geklapper im Flur riss ihn aus seinen Gedanken. Was war denn da schon wieder los? Die alte Kruke von gegenüber würde doch wohl nicht schon wieder … er sprang fast vom Tisch auf und ging zum Türspion: Richtig, sie wischte tatsächlich schon wieder den Flur, obwohl sie überhaupt keine Treppenwoche hatte. Herr im Himmel, und die Studentenbande lachte sich wahrscheinlich ins Fäustchen. Kopfschüttelnd ging Karl zurück in seine Küche. Er hatte anfangs einmal versucht, diese Rosie zur Vernunft zu bringen und sie über Pflichtversäumnis und Konsequenzen zu belehren versucht, aber sie hatte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, den Mopp ausgewrungen und beim Feudeln fast fröhlich gesagt: „Ach, lass man, Karl, wir haben doch früher auch samstags lieber ausgeschlafen, oder? Ist doch schnell gemacht!“.Karl hatte sich sprachlos umgedreht und war in seine Wohnung zurückgegangen. Was genau ihn so sprachlos gemacht hatte, konnte er gar nicht sagen: Die vertrauliche Anrede, die Unterstellung, dass er früher ebenso faul wie diese jungen Leute gewesen sein könnte, oder vielleicht die verwirrende Tatsache, dass er ohne es zu wollen ihre äußerst gut geformte Kehrseite registriert hatte, als sie sich bückte, um den Mopp aufzuziehen. Jedenfalls war er schnell in die Sicherheit seiner kleinen Wohnung geflohen. Innen hatte er sich an die Tür gelehnt und gemurmelt: „Unmöglich. Und das mit über 70!“. Ob er damit Rosie meinte oder seine eigene Person, war Karl in diesem Moment selbst nicht klar.3. Dezember„Papa, darf ich die erste Kerze anzünden? Ich passe auch auf, dass ich mich nicht verbrenne. Und weißt du, was heute in meinem Adventskalender war? Eine Schokokerze, das passt doch genau, oder?“ Michael knurrte, streckte sich und schielte mit einem Auge auf den Wecker am Bett. 7:03 Uhr, stockdunkel draußen, das konnte er trotz der selbstgebastelten, krummen Transparentpapiersterne, mit denen Sarah sämtliche Fenster der Wohnung zugepflastert hatte, erkennen. „Sarah, Süße, warum bist du schon wach? Wir hatten doch gesagt, dass du ...“ „Jaaaa, ich weiß Papa, ich soll bis acht in meinem Zimmer leise spielen, wenn ich so früh wach werde, das mache ich ja sonst auch immer, aber heute kann ich das nicht aushalten. Es ist doch erster Advent und bald ist Nikolaus und dann ist WEIHNACHTEN!“ Sie war schon längst zu ihm ins Bett gekrabbelt, hatte ihre süße Stupsnase – Ellens Stupsnase, dachte Michael mit diesem jähen Schmerz, der ihm auch nach sieben Jahren noch aus heiterem Himmel ins Herz fahren konnte – leicht gerümpft, als sie seine Decke anhob, aber nun lag sie direkt vor ihm und zog ihm ein Augenlid hoch. „Papa! Ich will jetzt … ich möchte jetzt bittebittebitte die erste Kerze anzünden, komm, steh auf. Und dann frühstücken wir und nachher gehen wir in die Stadt und auf den Weihnachtsmarkt, das hast du mir versprochen, weil ich meine Hausaufgaben die ganze Woche ohne Meckern gemacht habe.“Michael stöhnte – das hatte er ja total vergessen. In die Stadt am verkaufsoffenen Adventssonntag, und dann noch auf den Weihnachtsmarkt. Was hatte er sich dabei nur gedacht? Es war am Dienstag gewesen, Sarah saß maulend über den blöden Mathe-Hausaufgaben, als das Telefon klingelte und er mit einem komplizierten Kunden sprechen musste. „Papaaaaaa, ich kapier das nicht. Tom und Tina haben zusammen 19 Muscheln, und ...“ jammerte Sarah. Michael winkte ab und ging in die Küche, während sein Kunde ihm erklärte, warum er mit dem Farbschema der Website nicht mehr so zufrieden war. Sarah kam hinterhergetapert, ihr Heft in der Hand, mit deutlich vorgeschobener Unterlippe. Sie flüsterte – wie Siebenjährige eben so flüstern - „PAPA! Ich will Mathe nicht machen, ich werde Kindergärtnerin, da BRAUCHE ich gar kein Mathe!“ Michael schloss die Augen, ging in die Hocke, hielt die Sprechmuschel zu und flüsterte: „Pass auf, Sarah, wenn du jetzt Mathe machst und dann deine anderen Hausaufgaben und überhaupt alle Hausaufgaben für den Rest der Woche, dann darfst du Sonntag die erste Kerze anzünden und wir gehen in die Stadt UND auf den Weihnachtsmarkt, aber bitte, bitte lass mich jetzt in Ruhe telefonieren, ja?“Sarah nickte begeistert und hüpfte mit breitem Grinsen zurück ins Wohnzimmer. Nachdem Michael seinen Kunden davon überzeugt hatte, einfach mal auf ihn zu vertrauen und auf das fertige Layout zu warten, hatte er den Deal mit seiner Tochter schon wieder vergessen. Oder vielleicht auch verdrängt … jedenfalls knuffte sie ihn jetzt ungeduldig und fing an, ihm die Decke wegzuziehen. Na gut, es nützte ja nichts. Michael schmiss sich sein Kapuzensweatshirt über, stieg in die Tigertatzenhausschuhe, die Sarah ihm – sponsored by Oma – zum Geburtstag geschenkt hatte und ging sich wenigstens schnell die Zähne putzen. Sarah machte ihm in der Zwischenzeit einen Cappuccino, die Anschaffung der Maschine mit der kinderleichten Bedienung hatte sich schon mehr als rentiert. Und als er wenig später im fast dunklen Wohnzimmer saß und seiner Tochter zusah, wie sie mit vor Aufregung fest zusammengepressten Lippen ein Streichholz anriss, kurz wartete und dann den Docht der ersten Kerze leicht zitternd anbrannte, als er beobachtete, wie der heller werdende Kerzenschein ihr zuckersüßes Kinderprofil erhellte und sie gewissenhaft das Streichholz auspustete, da hätte er sich nichts vorstellen können, was er an diesem trüben Dezembermorgen um 7:15 Uhr lieber hätte machen wollen. Er zog Sarah auf seinen Schoß und gemeinsam schauten sie in die flackernde Flamme. Es war wie immer sehr still im Haus, nur aus Rosies Wohnung nebenan hörte er die vertrauten Geräusche, als sie ihre Wohnungstür aufschloss und in den Keller huschte, um ihre Walkingschuhe anzuziehen. Michael hatte echten Respekt vor ihrer Konsequenz, bei Regen und Schnee, Hitze und Wind ihre Runde zu drehen. Sich vorzustellen, dass sie die 'Seniorin' war, die von diesem Mehrgenerationendings profitieren sollte – Michael musste fast laut lachen. Er kannte kaum jemanden, der weniger Unterstützung benötigte als Rosie. Von dem Gespräch vor zwei Jahren, als alle hier eingezogen waren, wusste er, dass Rosies Mann nach fast 50 Jahren Ehe gestorben war und ihr Sohn sich Sorgen machte, wie es nun mit ihr weitergehen sollte. Da er nicht nur in Süddeutschland lebte, sondern auch beruflich sehr viel und weltweit unterwegs war, konnte er seine Mutter kaum besuchen und hatte ein sehr schlechtes Gewissen. Irgendwann stieß er auf das Wohnprojekt und regelte mit ihrem Einverständnis den Verkauf des Hauses und den Umzug in die großzügige Mietwohnung im Erdgeschoss. Ein weiterer älterer Herr, Alleinerziehende mit Kindern unterschiedlichen Alters, Studenten, die stundenweise durch Besorgungen, Hilfe im Garten oder Haus allen Bewohnern zur Seite stehen würden, dazu eine Bushaltestelle vor der Tür und Supermarkt, Apotheken und Ärzte in der Nähe – ja, das war perfekt. Rosie schien sich, soweit Michael das abschätzen konnte, sehr wohl zu fühlen, und ihr Sohn schickte regelmäßig kurze Postkarten von seinen ganzen Reisen. Denn so fit Rosie auch war, sie weigerte sich standhaft, einen Computer zu benutzen. Soweit Michael wusste, hatte sie nicht einmal einen Fernseher. Aber nach dem einen Gespräch, das Michael im Nachhinein einfach nur peinlich war, so emotional war er geworden, hatten sie sich nur noch freundlich gegrüßt oder kurz Hallo gesagt, wenn sie sich mal über den Weg liefen. Er hätte es schon toll gefunden, wenn Sarah eine Art Ersatz-Oma hätte, denn seine Eltern kamen nur ganz selten mal hier vorbei, aber er hatte auch das Gefühl, dass Rosie genug zu tun hatte und sich selbst gar nicht als Oma sah, also wollte er sich auch nicht aufdrängen. Sarah drehte sich auf seinem Schoß um, strahlte ihn an und sagte: „Wollen wir Brötchen holen gehen und dann frühstücken und dann, bis die Geschäfte aufmachen, noch Uno spielen?“ „Nichts lieber als das!“ sagte Michael und gab ihr einen dicken Schmatzer mitten auf die Nase.4. DezemberNiklas saß im Lehrerzimmer, vor sich einen Stapel Klausuren. Er hatte jetzt schon keinen Bock mehr, so sehr hatte er sich bei den ersten fünf Korrekturen schon aufgeregt. Manchmal fragte er sich, wozu er das überhaupt alles machte, denn anscheinend hörte ihm eh keiner zu, wenn er vorne an der Tafel stand. Und sobald er sich umdrehte, flogen die Köpfe hoch, total unauffällig, er konnte jedem Schüler auf den Kopf zusagen, ob er unter dem Tisch am Handy war oder nicht. Natürlich galt an der Schule ein Handyverbot während des Unterrichts, aber um das durchzusetzen, hätte er täglich 50 Handys einsammeln müssen. Also machte er das wie alle seine Kollegen: Strafende Blicke, ein drohendes „Tu das weg!“ und eine gelegentliche persönliche Ansprache einzelner Schüler mit Einkassieren des Geräts bis zum Unterrichtsende. Bei den Klausuren wurden die Handys auf das Lehrerpult gelegt, wenigstens das klappte, aber hier kamen auch die guten alten Spickzettel zum Einsatz, das konnte er ebenfalls ganz klar erkennen. So wie hier in Linas Matheklausur … meine Güte, sie hatte stumpf die komplette Übungsaufgabe abgeschrieben, ohne darauf zu achten, dass in der Klausuraufgabe völlig andere Werte standen. Seufzend griff Niklas zum Rotstift. Lehrer war eigentlich immer sein Traum gewesen und mit Mathe und Sport hatte er eine gute Fächerkombination und nicht ganz so viele schriftliche Arbeiten zu korrigieren wie andere Kollegen. Aber an Tagen wie heute, an denen er in den ersten beiden Stunden lustlose Neuntklässler zum Basketballspielen animieren musste, während 5 der insgesamt 8 Mädchen kichernd auf der Bank saßen („Herr Peters, ich kann heute nicht mitturnen … Sie wissen schon, warum ...“) und in denen seine zwei Freistunden mit Korrekturen ausgefüllt waren, bevor es mit Mathe bei den Fünftklässlern weiterging, hätte er liebend gern alles hingeschmissen und was ganz Anderes gemacht. Natürlich hätte er die Klausuren auch zuhause korrigieren können, aber am Wochenende war er wieder mit dem Haus beschäftigt gewesen. Sein Vater hatte vor drei Jahren zugeschlagen, als der Plan für das Mehrgenerationenhaus vorgestellt wurde, und das Haus gekauft. Allerdings hatte das jetzt Niklas irgendwie an der Backe.Die Stadt hatte viel versprochen, es wurden insgesamt zehn dieser Häuser in verschiedenen Stadtbezirken errichtet, alles schick und gehoben, für jeweils 7-14 Mietparteien. Bei der Auswahl der Mieter wurde darauf geachtet, dass es eine gute Mischung aus Jung und Alt war, aus alleinstehenden und alleinerziehenden Personen, von denen aber alle finanziell gut dastanden. Einzig die WG für die Studenten unterlag wegen der gemeinnützige Arbeiten einer geringeren Miete, aber das war genau so in die Hose gegangen wie eigentlich das gesamte Projekt. Seinem Vater war das total egal, er sah das Haus als reine Investition, eine von vielen, die er in ganz Deutschland und teilweise im Ausland hatte. Er selbst wohnte auch gar nicht vor Ort, daher hatte er seinem Sohn eine Wohnung zugeteilt, damit er als eine Art Verwalter auftreten konnte. Und somit hatte Niklas eine sehr bescheuerte Stellung innerhalb der Hausgemeinschaft. Ungefähr so, wie der Direktorssohn in Niklas' Klasse – keiner wollte so richtig mit ihm befreundet sein, aber alle hatten auch irgendwie Schiss vor ihm, weil er ja seinem Vater was erzählen könnte. Anfangs hatte Niklas noch versucht, aus den einzelnen Mietern wirklich eine Gemeinschaft zu machen. Er initiierte Kennenlerngespräche, es fanden 1-2 Treffen im großen Aufenthaltsraum statt, er versuchte, den Studenten ihre Arbeiten zuzuteilen … doch alles war im Sande verlaufen. Die beiden Senioren, Karl und Rosie, zeigten sich als mürrischer, besserwisserischer Einsiedler und sehr rüstige, aktive ältere Dame, von denen keiner Pflege brauchte oder Besorgungen zu erledigen hatte. Der lieblos angelegte Garten war quasi pflegeleicht, dort fuhr Niklas selbst ab und zu mal mit dem Rasenmäher ums Haus, und der Sandkasten mit den zwei Bänken, der die alleinerziehenden Elternteile versammeln sollte, war ein überdimensionales Katzenklo geworden. Vielleicht funktionierte das in anderen Projekten, aber Sarah war hier die Jüngste und spielte wirklich nicht mehr im Sandkasten, wenn sie auch ab und zu mal im Sommer mit einer oder zwei Freundinnen auf dem Rasen eine Picknickdecke ausbreitete und alle mit irgendwelchen kleinen Figürchen spielten. Wenigstens etwas.Auch der Aufenthaltsraum wurde nicht genutzt. Die Studenten hatten anfangs mal Party gemacht, aber das hatte ihnen der grumpelige Karl vermiest, der Punkt 22 Uhr im korrekten Pyjama hereingekommen und Ruhe gefordert hatte. Seitdem feierten die Studenten bei ihren Kommilitonen im Wohnheim, da war es egal, wie lange die Party ging. Allerdings, wunderte sich Niklas, so viel gefeiert wurde gar nicht, so manches Wochenende waren Matze und Sven zuhause und lernten, bis die Köpfe rauchten. Irgendwann klingelte der Pizzabote, dann war wieder Ruhe. Und Isa fuhr eh zu ihrem Freund.So blieb für Niklas gar nicht viel zu tun in seiner ominösen Rolle als Hausverwalter, denn das Haus war ja erst vor zwei Jahren bezogen worden, alles war noch mistneu und von guter Qualität. Niklas blickte auf die Uhr. Mist, er musste sich ranhalten, die dritte Stunde war schon fast vorbei. Seufzend nahm er sich die nächste Klausur vor. Wenigstens freute er sich auf heute Abend, da traf er sich mit Boris, seinem alten Kumpel, der mittlerweile eine hippe Werbeagentur hatte. Tauschen wollte Niklas nicht mit ihm, für Boris und sein Team schien es keine geregelten Arbeitszeiten oder auch nur Tageszeiten zu geben, irgendjemand arbeitete immer. Aber Boris hatte ihn angerufen und wollte irgendwas planen, bei dem Niklas eine wichtige Rolle spielen sollte – Niklas war gespannt. Aber jetzt hieß es erstmal, den Schultag hinter sich zu bringen. „Ach, Felix, was hast du denn hier bloß wieder gerechnet?“ murmelte er, während er sich von neuem in die Klausuren vertiefte und schüttelte resigniert den Kopf.5. DezemberMaik Bühring wachte vom schrillen Klingeln des Telefons auf, es hallte in seinem Kopf wie eine Schiffssirene. Er tastete nach seiner Brille auf dem Nachttisch und sah auf den Wecker. 9:30 Uhr, verdammt, er hatte voll verschlafen. Fahrig tastete er nach dem Handy, wollte sich melden, aber es kam nur ein merkwürdiges Geräusch. Seine Stimme war noch gar nicht da und seine Zunge fühlte sich doppelt so groß und total pelzig an. Er versuchte es noch mal: „Bühring?“ krächzte er ins Handy und rieb sich mit der anderen Hand die schmerzende Stirn. „Maik? Alles okay mit dir? Bist du krank oder was, du klingst grauenhaft. Ich rufe an, weil wir uns vor dem Termin noch mal zusammensetzen wollten, aber … scheiße, was machen wir denn jetzt?“ sein Kollege war hörbar frustriert, klang aber auch besorgt. Um 10:30 Uhr war der Termin zur Präsentation ihres Entwurfs, davon hing eine Menge ab. Maik versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen … krank, ja, krank, das war die Lösung, Dirk hatte ihm eine perfekte Vorlage gegeben. „Dirk, grüß dich, ja, mich hat es total erwischt … ich habe den … äh, Wecker gar nicht gehört, sonst hätte ich mich doch gemeldet. Schaffst du die Präsentation alleine? Sonst komme ich schnell ins Büro und ...“ Maik brach ab, weil eine Welle von Übelkeit ihn traf, die er nur mühsam in Schach halten konnte. Schweiß brach aus allen Poren und er holte tief Luft. „Nein, kein Problem, lass nur, ich mach das,“ sagte Dirk – vielleicht eine Spur zu schnell. Er klang fast erleichtert. „Werd du erstmal gesund, ich gebe es dem Chef weiter, melde dich, wenn es dir wieder besser geht. Und ich maile dir später, wie alles gelaufen ist, okay? Leg dich wieder hin“, und schon hatte Dirk aufgelegt.Maik ließ sich wieder in die Kissen fallen. Alles drehte sich, er musste auf Toilette, wollte aber noch nicht aufstehen. Als der Schwindel nachließ, tapste er unsicher aus dem Schlafzimmer durch den kleinen Flur und durchs Wohnzimmer in Richtung Bad. Das Wohnzimmer war noch dunkel, die Jalousien waren heruntergefahren, und so trat er gegen zwei leere Flaschen, die laut über das Laminat rollten – in seinem Kopf klang das wie eine Bowlingbahn. Im Bad nahm er zwei Aspirin, ging auf die Toilette und dann stieg er erst einmal unter die Dusche und ließ sich das Wasser auf den Kopf prasseln, bis er langsam etwas klarer wurde, das Licht nicht mehr so grell schien und die Kopfschmerzen nachließen. Als er sich abgetrocknet hatte, starrte er sich im Spiegel an. Blasse Haut, rote Augen, teigiges und aufgequollenes Gesicht. Vielleicht hatte er es gestern Abend doch übertrieben; dass er die angebrochene Flasche Obstler im Laufe des Abends alle gemacht hatte, war ihm gar nicht aufgefallen. Der Film war aber auch spannend gewesen, es ging um … hm. Naja, war jedenfalls ein echt guter Film. Und die 3-4 Flaschen Bier pro Abend, das war ja nun überhaupt kein Problem, da gab es andere, die richtig viel tranken. Er blieb bei Bier, dazwischen ab und an mal ein kleiner Mirabellengeist, ganz genüsslich ...Okay, in letzter Zeit war es dann mal die ein oder andere Flasche Bier mehr geworden, das lag daran, dass die Abende jetzt auch länger wurden, es war ja um 17:00 Uhr schon stockdunkel. Und der Stress bei der Arbeit mit dem aktuellen Projekt, davon hing in der kleinen Landschaftsgärtnerei viel ab. Es war ein Wahnsinnsauftrag, ein großer Bauunternehmer hatte ausgeschrieben, und wenn sie das an Land ziehen konnten … Maik hatte jeden Tag mit Dirk zusammen geplant und diskutiert und gezeichnet, manchmal hatten sie sich gestritten, weil Maik irgendetwas vergessen hatte oder am nächsten Tag nicht mehr genau wusste, was sie am Tag zuvor abgesprochen hatten. Bei einem Streit hatte Dirk ihm total sauer eine Packung Minzdragees auf den Tisch geschmissen und beim Rausstürmen gesagt: „Nimm mal welche, du hast eine unglaubliche Fahne!“ Später war er wieder reingekommen, hatte ihm kurz auf die Schulter geklopft und sie hatten normal und produktiv weitergearbeitet.Fahne. Maik schnaubte. Er war doch kein Alki, er hatte das alles total im Griff. Das war vielleicht Knoblauch, er hatte vom Griechen Gyros und Zaziki liefern lassen, aber von Bier und den paar Schnaps hatte er doch keine Fahne. Dirk war echt ein Besserwisser. Maik zog sich an, fuhr alle Jalousien hoch und trat auf seine Dachterrasse. Das war wirklich genial an seiner Wohnung, die gut 20 Quadratmeter Dachterrasse. Eigentlich wollte er sie mit Kübelpflanzen richtig schön machen, aber er saß sowieso nie hier draußen, mit wem denn auch. Als er vor zweieinhalb Jahren die Pläne für das Haus gesehen hatte, hatte er Berit total begeistert davon erzählt. Auch für sie war sofort klar, dass sie hier nun ein gemeinsames Nest gefunden hatten, dass sie zusammenziehen würden und das genau das Richtige wäre, um gemeinsam alt zu werden. Sogar ein Fahrstuhl war im Haus, und sie scherzten schon, dass sie dann später im Rollstuhl aus dem Fahrstuhl bis in die Wohnung fahren könnten. Maik war so glücklich gewesen, nie hätte er gedacht, dass er als eingefleischter Junggeselle mit Mitte 40 so eine Traumfrau kennenlernen würde, mit der es auch nach über fünf Jahren immer noch wunderbar war. Jeder hatte seine kleine Wohnung und seinen Freundeskreis, sie fuhr weiterhin alleine oder mit Freundinnen in Urlaub, er verbrachte seine Freizeit gerne in der Natur oder über seinen Zeichnungen. Es war genau die richtige Beziehung für sie beide. Berit war geschieden, kinderlos, zu ihrem Exmann hatte sie noch losen Kontakt, denn es war eine Scheidung in beidseitigem Einverständnis gewesen. Die erste große Liebe, doch irgendwann hatte der Alltag sie eingeholt und aus dem Feuer war nur noch kalte Asche geworden – so jedenfalls hatte sie es Maik mal erzählt.Und dann saßen Berit und er über den Plänen für den Neubau, überlegten sich anhand der Grundrisse schon, wohin sie welche Möbel stellen würden, wer welche Dinge mitbringen würde und kebbelten sich gutmütig darüber, wessen Bett nun im gemeinsamen Schlafzimmer stehen sollte. Gemeinsam gingen sie durch die fertige Wohnung, freuten sich über das geschmackvolle Laminat, die offene Küche mit dem hohen Tresen und schmiedeten auf der Dachterrasse Pläne für laue Sommerabende und Grillfeste mit Freunden.Und dann – Maik hatte den Mietvertrag schon unterschrieben – kam sie eines abends zu ihm in seine alte Wohnung, fing an zu weinen, sobald er die Tür öffnete und erzählte ihm, dass sie nicht mit ihm zusammenziehen könnte. Es würde ihr das Herz brechen, blabla, aber ihr Exmann und sie, blabla, ab dem Moment hatte Maik nicht mehr zugehört und nur noch wie erstarrt dagesessen. Nein, sie würden keine Freunde bleiben, er wollte Berit nie mehr wiedersehen. Wie praktisch getrennte Wohnungen doch waren, dachte er lakonisch, als die Haustür ins Schloss fiel und sie nur ihre Zahnbürste und ihren kleinen Kosmetikbeutel aus dem Badezimmer mitnehmen musste. Sie war immer mit Reisetasche zu ihm gekommen, ganz unverbindlich. Und nun war sie weg. Maik war trotzdem eingezogen, er hatte seine alte Wohnung ja gekündigt und wusste nicht, wohin sonst. Leisten konnte er sich die Wohnung so gerade, aber er hatte auch keine großen Ansprüche. Anfangs hatte er noch gehofft, die Hausgemeinschaft würde ihn auffangen, es waren einige etwas jüngere Männer hier, eine alleinerziehende Frau, irgendjemand würde sich schon mit ihm anfreunden. Doch nach dem ersten Kennenlernen waren ihm alle egal, ihm war sowieso alles egal, seine Wohnung hatte er mit seinen alten Möbeln spärlich eingerichtet, zwei Lampen fehlten noch, dort hingen nackte Glühbirnen, die Dachterrasse bestand aus 20 Quadratmetern hübscher Platten mit Geländer. Anfangs hatte Maik sich voll in die Arbeit gestürzt, er war ein guter Landschaftsarchitekt, das wusste er und sein Chef bestätigte es ihm öfter. Sie hatten schon einige Ausschreibungen gewonnen und viele zufriedene Kunden. Doch im letzten halben Jahr hatte sich bei Maik etwas verändert. Er war nun 50, auch wenn er seinen Geburtstag im Sommer nicht gefeiert hatte. Die Zahl machte ihm Angst, mehr als die Hälfte seines Lebens war vorbei und er stand mit leeren Händen da. Arbeiten musste er trotzdem noch, von der Welt gesehen hatte er nicht viel, und abends wartete ein kaltes, leeres Bett auf ihn. Da hatte er angefangen, statt einer Flasche Bier 2-3 zu trinken, statt zwei Abenden die Woche an jedem Abend. Dazu dann die kleinen Schnäpse, es gab ihm einfach eine angenehme Bettschwere und das Gedankenkarussell drehte sich nicht mehr so unablässig. Aber gestern war es vielleicht doch ein Schnaps zu viel, denn trotz Dusche und Aspirin war ihm immer noch furchtbar flau. Maik holte sich einen Zwieback aus der Küche, beschloss, das Wohnzimmer später aufzuräumen und legte sich wieder ins Bett. Er war ja krank gemeldet, da konnte er auch die Decke wieder über den Kopf ziehen und schlafen.6. DezemberRosie war heute noch früher wach als sonst, sie hatte sich extra den Wecker gestellt. Einkaufen war sie gestern schon gewesen, und der Schokoladen-Nikolaus auf ihrem Küchentisch schien ihr zuzuzwinkern. Sie  musste sich beeilen, denn sie wollte ihr heimliches Tun beendet haben, bevor das Haus erwachte. Leise schlich sie auf ihren Puschen in den Hausflur, in ihre Tür hatte sie die Zeitung geklemmt, um ja kein Geräusch zu machen. Sie huschte die paar Meter zur Nachbartür, und richtig, wie sie es sich gedacht hatte: Ein blauer Gummistiefel mit weißen Punkten stand vor der Haustür, frisch geputzt und blitzeblank. Leise steckte Rosie den Schokonikolaus in Sarahs Stiefel und dazu noch das kleine Päckchen mit der niedlichen Plastik-Tierfigur. Sie hoffte nur, dass Sarah diesen kleinen Waschbären noch nicht hatte. Leise und mit breitem Lächeln huschte sie wieder zurück in ihre Wohnung, aus der sie kurz darauf zu ihrer morgendlichen Walkingrunde aufbrach. Sarah würde Augen machen.Michael stand leise auf und schlich sich an Sarahs Schlafzimmer vorbei. So ganz glaubte Sarah natürlich nicht mehr an den Nikolaus oder den Weihnachtsmann, aber trotzdem stellte sie am 5. Dezember ihren Stiefel vor die Tür und ging aufgeregt ins Bett. Michael öffnete die Tür vom Küchenschrank und holte leise die kleine Tüte mit den Süßigkeiten und das Päckchen mit den Finelinern heraus. Er machte keine großen Geschenke zum Nikolaus, aber eine Kleinigkeit gab es immer dazu. Er öffnete die Flurtür … nanu? Da war ja schon was in Sarahs Stiefel? Ein Schokonikolaus und ein kleines Päckchen. Michael sah sich im dunklen Flur um, aber dafür kam eigentlich nur eine Person in Frage. Und richtig, rechts neben ihm schien Licht unter Rosies Haustür hervor. Wie lieb von ihr. Michael wusste, dass sie Sarah immer mal zuwinkte, wenn sie aus der Schule nach Hause kamen, oder dass sie kurz mit ihr sprach, wenn Sarah zum Inlineskaten losrollerte. Vielleicht sollte er doch mal über seinen Schatten springen und das erste Gespräch vergessen, einfach den Kontakt suchen … vielleicht würde er Rosie eine Kleinigkeit zu Weihnachten schenken. Ja, das war eine gute Idee, aber jetzt erstmal schnell raus aus dem kalten Flur und Sarah wecken, damit sie ihren Stiefel plündern konnte.Carina wurde von ihrem Handy geweckt, um 6:30 Uhr sang Ed Sheeran, dass er ihre Formen liebte. Naja, natürlich sang er es nicht für sie, aber Carina stellte sich gern vor, dass Ed jedes Lied nur für sie sang. Es war der 6. Dezember, und als sie das Datum so richtig registrierte, machte ihr Herz einen kleinen, wehmütigen Hüpfer. Es war noch gar nicht so lange her, da wäre sie jetzt noch im Schlafanzug aus ihrem Zimmer gestürmt, hätte die Haustür aufgerissen und ihren Gummistiefel hereingeholt, der bis obenhin vollgestopft mit Süßigkeiten und kleinen Geschenken wie Haarspangen, einem bunten Armband oder einem Pferdemagazin gewesen wäre. Zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Johannes hätten sie im Wohnzimmer alles ausgepackt und schon vor dem Frühstück die ersten Bissen von den Nikoläusen genommen, während ihre Eltern ihnen glücklich zugeschaut hätten. Ach nein, ihr Vater war ja schon früher zu Nikolaus nur zuhause gewesen, wenn er auf einen Sonntag fiel, an den übrigen Tagen war er schon längst in der Firma, wenn sie wach wurden. Carina schnappte sich ihre Klamotten und verschwand im Badezimmer unter der Dusche, begleitet vom Bluetooth-Lautsprecher und natürlich Ed Sheeran. Carina war damals gar nicht aufgefallen, dass Papa immer seltener zuhause war, dass er irgendwann regelmäßig im Gästezimmer schlief und dass ihre Mutter immer gereizter, trauriger und hilfloser wurde. An einem Sonntagmorgen, Carina war 11 und Johannes 13, setzten sich ihre Eltern mit ihnen zusammen und sagten, dass sie sich trennen würden („Erstmal nur auf Probe, für ein paar Wochen vielleicht ...“), weil … tja, den genauen Grund hatte Carina bis heute nicht verstanden. Papa hatte keine andere, Mama hatte sich nicht neu verliebt, anscheinend hatte es was mit Papas vieler Arbeit zu tun und damit, dass Mama sich nicht unterstützt fühlte – whatever, es war ja eh egal. Denn aus den paar Wochen waren Monate geworden, dann ein Jahr und schließlich die Scheidung. Anfangs waren sie noch jedes zweite Wochenende zu Papa in seine neue Wohnung gezogen, aber die war super klein, Johannes und sie mussten sich ein Zimmer teilen, was dauernd Krach gab und Papa wusste nicht so richtig was mit ihnen anzufangen. Zuerst machte er noch das typische volle Programm und sie gingen in tolle Schwimmbäder, ins Kino, zum Bowlen, zu McDonald's … alles an einem Wochenende, dazu kaufte er ihnen immer irgendetwas. Carina hatte das erst ausgenutzt, bis sie dann großen Ärger von Mama bekam, als sie mit der zweiten neuen (und völlig unnötigen) Jacke zuhause ankam. Nach und nach musste Papa dann immer öfter samstags doch noch schnell in die Firma, so dass Johannes und sie in der fremden Wohnung saßen und sich durch die Kanäle zappten oder am Handy waren, oder Papa musste das Wochenende verschieben, weil irgendwas Berufliches dazwischen kam. Und nach einem halbwegs zivilisierten Gespräch beschlossen alle vier, die Besuche in lockeren Abständen zu planen – was mittlerweile hieß, dass er sie zum Geburtstag besuchte und sie den ersten Weihnachtsfeiertag bei ihm und seiner neuen Freundin verbrachten, was sehr ätzend war. Vor diesem Jahr graute Carina besonders, denn nun war Johannes in den USA und würde auch Weihnachten nicht nach Hause kommen, so dass sie alleine bei ihrem Vater hocken würde. Am liebsten würde sie Weihnachten echt ausfallen lassen.„Carina? Brauchst du noch lange? Ich muss auch noch ins Bad,“ rief ihre Mutter von draußen, während sie an der Klinke rüttelte. Oh Mann, wie das NERVTE! Ihre Mutter konnte doch nun wirklich ihren Tag so planen, dass sie NICHT zeitgleich mit Carina aufstand. Aber nein, sie wollte partout mit Carina frühstücken und sie wahrscheinlich am liebsten noch persönlich aufs Rad setzen und anschieben. Wie Carina das hasste. „Glei-heich!“ rief sie genervt zurück, wickelte sich in ihr Handtuch, drapierte ein zweites Handtuch zum Turban, schnappte sich Handy und Lautsprecher und schloss die Tür auf, um sich in ihrem Zimmer weiter fertigzumachen. „Guten Morgen, mein Schatz, hast du gut geschlafen? Milch und Müsli stehen schon auf dem Tisch, ich bin in fünf Minuten ...“ „Jaa-haa!“ unterbrach Carina den Redefluss ihrer Mutter, ging an ihr vorbei in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. Kurz darauf dröhnte der unvermeidliche Ed Sheeran mit dem Fön um die Wette. Melanie stand in der offenen Badezimmertür, spürte die altbekannte Wut vom Magen her hoch brodeln und atmete tief durch. Dieses Kind trieb sie in den Wahnsinn. Da bemühte sie sich seit Jahren, ihren Job und die Kinder unter einen Hut zu bringen, richtete alles auf die beiden aus, achtete darauf, dass Carina nicht mit leerem Magen zur Schule ging, und war als Dank doch nur der Punchingball für die Stimmungsschwankungen einer Vierzehnjährigen. Aber irgendwann reichte es wirklich. Statt ins Badezimmer ging Michaela in die Küche, nahm den Schokonikolaus, den sie gestern noch spontan beim Einkauf mitgenommen hatte, vom Platz ihrer Tochter wieder weg und steckte ihn in ihre Arbeitstasche. Dann würde sie die Schokolade eben später in der Redaktion selbst essen und sich diesen furchtbaren Tag versüßen.Heiligabend, 16:15 UhrMichael und Sarah waren auf dem Rückweg vom Heiligabendgottesdienst, der überraschend geendet hatte, denn auf einmal war in der gesamten Kirche der Strom ausgefallen. Das Mikro des Pfarrers wurde nicht mehr verstärkt, so dass er die aufkommende Unruhe nicht übertönen konnte. Geistesgegenwärtig hatte die Organistin kräftig in die Tasten gegriffen und die laute Dissonanz hatte schlagartig alle zum Verstummen gebracht. „Liebe Gemeinde, bleiben Sie ruhig, es ist nur ein Stromausfall. Der Küster kommt bereits mit einer Taschenlampe, sehen Sie?“ erreichte nun die geschulte Stimme des Pastors auch die hintersten Bänke. Zum ersten Mal war der Pastor jetzt dankbar für Handys während des Gottesdienstes, denn überall wurden die Taschenlampen-Funktionen aktiviert. Und da der Pastor schon seit vielen Jahren in Amt und Würden war, ließ er sich von so einem Zwischenfall gar nicht beeindrucken, nickte der Organistin kurz zu, die das altbekannte Lied auch im ganz schwach von außen hereinscheinenden Restlichts des Nachmittags spielen konnte, und sang einfach „O, du fröhliche“ an. Nach kurzem Zögern stimmte die Gemeinde ein, die kleinen Kinder, die aus Schrecken angefangen hatten zu weinen, hörten zu oder sangen so gut es ging mit. Bis die letzte Strophe gesungen war, hatte der Küster im Foyer der Kirche viele Kerzen und Teelichter angezündet und leitete dann mit seiner Taschenlampe die Menschen aus der Kirche. „Das war spannend, Papa, oder? Wann kommt der Strom denn wieder? Was ist denn mit unserem Weihnachtsbaum bei der Bescherung, leuchten denn dann die Lichterketten?“ fragte Sarah, die neben ihm auf dem Bürgersteig herumhüpfte. „Ach, bis dahin ist der Strom doch längst wieder da, das dauert doch nicht mehr lange,“ antwortete Michael und nahm ihre Hand. Beide wussten nicht, dass er sich gründlich irrte …7. DezemberNiklas schloss die Haustür auf. Wieder ein Schultag geschafft, noch 14 Tage, dann waren erstmal Ferien. Wie üblich schaute er sich kurz im Eingangsbereich um. Der Fußboden war schon wieder ganz schön dreckig, kein Wunder bei dem dauernden Regenwetter. Wer hatte denn diese Woche Treppendienst? Ein Blick aufs schwarze Brett zeigte ihm, dass Melanie Mischer diese Woche dran war und er wusste, dass sie meist am Donnerstag oder Freitag Nachmittag aufwischte. Statt in seine Wohnung ging er durch in den Aufenthaltsraum, der neben der Wohnung von Karl Lammers lag. Er knipste das Licht an und besah sich den Raum. Traurig. Es war ein wirklich schöner Raum, in der einen Ecke ein gemütliches Sofa mit Sessel und Couchtisch, ein guter Fernseher an der Wand, eine kleine Barzeile, mehrere Tische mit Stühlen, dazu die großen, bodentiefen Fenster mit der Schiebetür, die auf die Terrasse führte. Eigentlich sollte hier immer Betrieb sein, so hatten es sich die Planer gedacht. Die älteren Menschen sollten mit den Kindern Spiele spielen, jemand würde vielleicht im Sessel eine Handarbeit machen, wieder andere sich bei einem Kaffee unterhalten. Im Sommer könnte man die Türen weit öffnen und somit den Raum nach draußen hin vergrößern. Grillparty, Sommerfest, Bastelnachmittage, gemeinsame Fernsehabende … was könnte man hier alles veranstalten, was hatte Niklas nicht auch schon alles überlegt, aber nach wie vor war der Raum verwaist und wirkte im Neonlicht der Decke mehr als ungemütlich. Vielleicht sollte er hier einfach mal andere Lampen anbringen oder mehrere Deckenfluter mit Leselichtern. 'Ja, klar, dann strömen die Massen, daran wird es liegen' dachte er spöttisch. Niklas ging durch den Raum zur Terrassentür, öffnete sie und betrat die überdachte Terrasse. Auch ohne Nieselregen wäre der Blick in den Garten trostlos gewesen. Eine Rasenfläche, der furchtbare Sandkasten, eine Kirschlorbeerhecke, die ein undurchdringliches Grün gegen Blicke der umliegenden Häuser bot … langweilig, trist und öde. Niklas schüttelte sich und schloss die Tür wieder. Ob er es dieses Jahr noch einmal mit einer Weihnachtsfeier versuchte? Aber nachher saß er dann wieder alleine mit dem anstrengenden Karl Lammers hier, der ihm lange Vorträge darüber hielt, wie er damals seine Schüler zu Zucht und Ordnung erzogen hatte und ihm ungefragt Tipps gab, wie er Respekt und Autorität erhalten würde. So ganz manchmal hätte Niklas gern ein wenig mehr Autorität in seinen Klassen, aber ganz sicher nicht die Art, die Herr Lammers meinte. Niklas wusste, dass Herr Lammers ihn für eine Lusche hielt und über ihn die Nase rümpfte. Sie hatten wirklich so gar nichts gemeinsam und es trennten sie mehr als nur 40 Jahre Altersunterschied. Irgendwann hatte Herr Lammers das Thema gewechselt und ihn geradeheraus gefragt, warum er nicht verheiratet sei. Niklas fand zwar, dass ihn das so rein gar nichts anging, murmelte aber trotzdem etwas von „noch nicht die Richtige gefunden“ und „volle Konzentration auf den Beruf.“ Herrn Lammers' Schnauben zeigte deutlich, was er davon hielt. Nein, dachte Niklas, während er das Licht wieder löschte und die Treppe zu seiner Wohnung hochstapfte, dann lieber keine Weihnachtsfeier als ein erneutes Kreuzverhör. Und apropos Weihnachtsfeier: Da hatte der liebe Boris ihm ja vor ein paar Tagen ein echtes Ding ans Bein gebunden, als er ihn überredet hatte, bei seiner Weihnachtsfeier die Bescherung zu übernehmen. Ob er da noch irgendwie rauskam aus der Nummer? Seufzend schloss Niklas seine Wohnungstür auf und schüttelte über sich selbst den Kopf. Er war einfach viel zu gutmütig und konnte nicht nein sagen. Aber auf der anderen Seite – was hatte er Heiligabend schon groß vor? Er würde, wie jedes Jahr, mit seiner Katze zusammen auf dem Sofa liegen und „Die Hard“ gucken, sein Weihnachtsritual. Ob das eine Stunde früher oder später stattfand, war nun wirklich total egal.8. DezemberWas war denn das für ein Gekeife? Maik schaute auf sein Handy am Bett, 7:15 Uhr. Ach, natürlich, das übliche Gezanke von Frau Mischer und ihrer unerträglichen Tochter. Seit ein paar Wochen ging das fast jeden Morgen so. Inklusive Türenknallen und lautem Bass, der durch seine Wand drang. Maik verfluchte, dass er ausgerechnet die Wohnung neben Mischers hatte und anscheinend sein Schlafzimmer direkt neben dem Zimmer dieses pubertären Monsters. Aber er wollte ja unbedingt diese Dachterrasse. In den ersten anderthalb Jahren war es ja auch okay gewesen, aber seit ein paar Monaten gab es fast jeden Morgen lautstarken Streit zwischen Mutter und Tochter. Maik ging meist gegen 9 ins Büro und stand daher auch erst später auf als diejenigen, die zur Schule mussten oder Schulkinder hatten, aber bisher war das nie ein Problem gewesen. Seit er nun selbst abends immer später ins Bett ging, weil es immer länger dauerte, bis er die nötige Bettschwere erreicht hatte, kam er morgens nicht gut aus dem Bett und brauchte schon gar keine knallenden Türen. Rums! Wow, da schepperte ja sogar sein Schlafzimmerfenster. Jetzt reichte es ihm. Wütend schlug er die Decke zurück, ignorierte das leichte Schwindelgefühl, das sein morgendlicher Begleiter war und schnappte sich den Pulli, den er gestern angehabt hatte. Auf dem Ärmel war ein feuchter Fleck, da war wohl ein bisschen Schnaps ausgelaufen, als er auf dem Sofa kurz eingeschlafen war. Egal, er zog sich dicke Socken an, fuhr sich mit beiden Fingern kurz durch die Haare und mit der Zunge über die Zähne und schloss seine Wohnungstür von innen auf. Den beiden würde er jetzt erstmal was erzählen. Wütend stapfte er über den dunklen Flur zur Nachbarwohnung und stellte sich vor die Haustür. Klingeln oder Klopfen? Erstmal klopfen, entschied er sich, und hob die Hand.„Du kannst mir überhaupt nichts befehlen. Ich habe heute Nachmittag Sport und bin erst um halb fünf wieder zuhause, da wische ich doch nicht den bescheuerten Flur!“ schrie Carina sie an. Melanie verlor fast die Beherrschung und bemühte sich, nicht ebenfalls zu schreien. „Carina, ich befehle dir nichts, ich bitte dich um Unterstützung. Wir haben Treppenwoche, der Hausflur sieht aus wie Sau und du wohnst hier genau so wie alle anderen. Montag geht das Magazin in Druck, du weißt, dass ich heute, morgen und auch Samstag auf Hochtouren arbeite und aus der Redaktion nicht wegkomme. Da kannst du mit vierzehn Jahren wohl EIN Mal das Treppenhaus fegen und wischen!“ Mist, jetzt wurde sie doch laut. Und prompt drehte Carina weiter auf, starrte sie theatralisch an und versammelte tatsächlich ein paar Tränen in den Augen. Und natürlich brachte sie den Killersatz: „ICH habe nicht darum gebeten, hier zu wohnen. Wenn du Papa nicht aus dem Haus getrieben hättest, gäbe es überhaupt keine Treppenwoche,“ zischte sie, drehte sich um und verschwand in ihrem Zimmer. Die Tür knallte so laut, dass jetzt bestimmt das ganze Haus wach geworden war. Melanie war außer sich vor Wut und hätte heulen und schreien können. 'Kein Machtkampf, kein Machtkampf, du bist die Mutter' sagte sie sich selbst vor. In der Küche schrieb sie auf einen Zettel: „Carina, ich bin um 19:00 Uhr wieder zuhause und bis dahin hast du das Treppenhaus gewischt. Bis dann, Mama“. Sie zog sich Mantel und Schuhe an, nahm ihre Arbeitstasche und ihren Autoschlüssel und öffnete die Haustür. Ihr Schrei hallte durchs Treppenhaus, dann schlug sie dem Angreifer, der mit erhobener Faust vor ihr stand, ihre Tasche um die Ohren. Ungepflegt, mit abstehenden Haaren und nach Schnaps stinkend, das hatte sie gerade noch sehen können. Wie war der hier hereingekommen, die Tür unten war doch alarmgesichert? „Au, au, stopp, aufhören, Frau Mischer, hören Sie auf!“„Mama? Was ist los, wer ist das, ich rufe die Polizei,“ stand Carina plötzlich hinter ihr. „Nein, nicht die Polizei, ich – au! - ich bin es, Maik, Maik Bühring von nebenan.“Herr Bühring? Ach du Schande, hatte sie gerade ihren Nachbarn verprügelt? Melanie ließ die Tasche sinken. Langsam drehte sich der Mann – im muffigen Wollpullover, karierter Schlafanzughose und Socken, wie sie jetzt erst feststellte – wieder zu ihr um und ließ die Hände sinken, die er schützend um den Kopf gehalten hatte. Tatsächlich, es war Maik Bühring. Er sah total verlottert aus und hatte eine ziemliche Fahne, aber es war eindeutig Ihr Nachbar …9. DezemberCarina füllte den Wischeimer mit warmem Wasser, tat einen ordentlichen Schuss Reiniger dazu, schnappte sich Wischer und Bezug und schleppte alles nach unten in den Flur. Gefegt hatte sie schon, das gesamte Treppenhaus von oben bis unten in den Keller. Allein das war schon Strafarbeit hoch zehn. Gestern hatte sie dann doch nicht gewischt, in der ganzen Aufregung um die Geschichte mit Herrn Bühring war das dann doch untergegangen. Ihre Mutter hatte Herrn Bühring – Maik wie sie ihn jetzt nannten – hereingebeten, ganz kurz Niklas, der bei dem ganzen Getöse nach dem Rechten sehen wollte, versichert, dass alles in schönster Ordnung sei, bis er kopfschüttelnd die Treppe hinunter und zur Schule ging und dann Carina Beine gemacht, damit sie ebenfalls rechtzeitig in ihrer Schule ankam. Maik hatte derweil am Küchentisch gesessen, bleich und übelriechend, einen Becher Kaffee vor sich, den Carinas Mutter ihm schnell gemacht hatte, während sie eine SMS an ihre Kollegin schrieb, dass sie etwas später in die Redaktion kommen würde. Zu gerne wäre Carina geblieben, aber ihre Mutter war immer noch sauer auf sie und schickte sie mit Nachdruck raus. Auf dem Weg in die Schule fand Carina sich selbst sehr ätzend, aber sie konnte im Moment auch nicht aus ihrer Haut. Egal, was ihre Mutter tat, sagte oder von ihr wollte, es machte sie sofort aggressiv. Ihre Art zu reden, ihre Lache, ihre Versuche, Carina zu betutteln … Carina konnte nichts daran ändern, sie ging einfach sofort hoch, sobald ihre Mutter nur atmete. Natürlich fand sie den ständigen Streit auch schrecklich, vor allem so früh am Morgen, aber ihre Mutter musste einfach mal kapieren, dass sie am liebsten ihre Ruhe hatte und … ach, egal, ihren Freundinnen ging es ganz genau so, also konnte es an Carina nicht allein liegen. Jedenfalls hatte Carina nachmittags dann nicht mehr gewischt und ihre Mutter hatte nichts dazu gesagt, aber heute hatte sie schon mittags Schule aus und ihre Mutter hatte gestern Abend echt fertig ausgesehen. Die Tage, wenn das Magazin in Druck ging, waren immer die Hölle in der Redaktion, das wusste Carina schon, und da konnte sie dann wohl auch mal den Flur wischen. Sie hatte eh nichts Besseres zu tun, in diesem Bunker hier war ja nie was los. Die Kopfhörerstöpsel fest in den Ohren, die Musik gut aufgedreht, wischte Carina sich durch den Flur und dann Treppenstufe für Treppenstufe runter, bis in die Eingangshalle. Musste man das Wasser eigentlich zwischendurch wechseln? Ach, so dreckig sah es noch nicht aus, das würde wohl passen. Fast machte es Spaß, den Mopp im Takt der Musik hin und her zu schwingen. Carina sang halblaut mit, ohne es zu merken, und der Wischmopp wurde zu einem Mikrofonständer. Sie stand jetzt neben Ed Sheeran, der sie aus der Masse seiner Fans auf die Bühne geholt hatte, und sang gemeinsam mit ihm 'Perfect' vor einem Millionenpublikum. „But darling, just kiss me slow, your heart is all I own ...“ Carina tauchte den Mopp wieder ein und wischte fröhlich weiter.Karl Lammers saß beim Kaffeetrinken und hörte eine Reportage auf WDR5, als er durch merkwürdige Geräusche aus dem Flur abgelenkt wurde. Was war denn nun schon wieder los, langsam verwandelte sich das hier in ein Tollhaus. Gestern Morgen das wilde Geschrei und Gerufe aus dem obersten Stockwerk, das hatte sich ja nun als Missverständnis aufgeklärt. Und nun Geklapper und … war das Gesang? Hoffentlich keine Kinder, die Weihnachtslieder sangen und dafür Geld sammelten. Karl schaute durch den Spion und konnte das Gesehene erst gar nicht einordnen. War das nicht diese Carina? Er sah sie nur von hinten, aber dieser wehende Haarvorhang, das übergroße karierte Hemd und die lächerlich enge Jeans, das konnte nur sie sein. Wie ein drogensüchtiger Holzfäller, schrecklich, diese Kleidung. Und was machte sie denn da? Schwenkte einen Mopp durch die Gegend, als würde sie mit ihm tanzen, dabei verteilte sie enorme Mengen Wasser im gesamten Flur. Und was für Wasser! Karl konnte den Eimer sehen, er stand fast direkt vor seiner Tür. Schwarz! Pechschwarze Brühe! Na, das ging ja so nicht, da würden sie nachher alle noch irgendwelche Erreger einfangen und im Krankenhaus landen. Karl öffnete die Haustür und ging auf Carina zu, die kurz vor seiner Tür mit dem Rücken zu ihm wilde Verrenkungen mit dem Mopp machte. War sie jetzt komplett verrückt geworden?Carina stand im grellen Rampenlicht, die Menge jubelte und toste ihr zu. Blitzlichter flackerten, und Ed, ihr süßer Ed, er stand nun genau vor ihr und schaute sie absolut bewundernd an. Dass sie so singen konnte, das hätte er wohl nicht gedacht. Er beugte sich zu ihr und flüsterte: „Perfect. You are perfect, sweet Carina ...“ Carina schloss die Augen und wartete auf seinen Kuss. Da klopfte ihr auf einmal jemand grob auf die Schulter. Carina schrie auf, fuhr herum und wirbelte dabei den Mopp mit sich. Herr Lammers wich dem Stiel und dem spritzenden Wasser aus, machte einen großen Schritt rückwärts, stolperte über den Eimer, fiel erst gegen die Wand und dann zu Boden, wo der Eimer mit dem Wischwasser sich um ihn herum ausleerte. Carina war starr vor Entsetzen und zog die Kopfhörer aus den Ohren, als sie auf Herrn Lammers sah, der in seinem immer makellosen Outfit nun wie ein nasser Hund im Dreckwasser lag. Langsam schaute er zu ihr auf, kalte Verachtung im Blick, als wenn sie eine Schülerin wäre, der er gerade ein Ungenügend verteilte. Ruhig, aber mit eisiger Stimme sagte er: „Ich denke, ich habe mir meinen Arm gebrochen.“Carina war immer noch wie gelähmt. Sie hatte einen Heidenrespekt vor Herrn Lammers, selbst jetzt noch, als er vor ihr lag und offensichtlich Schmerzen hatte, durchnässt und dreckig war. Er schien allein nicht aufstehen zu können, ganz klar auf dem nassen, glitschigen Fußboden und mit vielleicht gebrochenem Arm. „Ich … ich … warten Sie!“ stotterte Carina und klingelte gegenüber bei Rosie, einmal, zweimal, aber es blieb alles still. Ach, Freitagnachmittag, da half Rosie ehrenamtlich im Trödelmarkt der Kirche aus. Mist. Michael und Sarah waren auch nicht da, die waren an Carina vorbeigegangen, als sie vorhin gefegt hatte. Carina überlegte. Auf Herrn, äh, auf Maik war sie nach dem gestrigen Erlebnis jetzt nicht besonders scharf, außerdem war er wahrscheinlich noch im Büro, und Niklas hatte Nachmittagsunterricht. Blieben die drei Studenten, die Carina eigentlich überhaupt nicht kannte. Aber es nützte ja nichts, es war ein Notfall, Carina flitzte die Treppe hoch und klingelte Sturm.Matze und Sven saßen vor ihren Rechnern und Büchern, der Abgabetermin der Semesterarbeit rückte bedrohlich nahe. Isa war gestern Abend schon zu ihrem Freund gefahren, sie brauchte moralische Unterstützung, wie sie sagte. Es war ganz ruhig im Haus, wie immer Freitag nachmittags, und beide kamen gut voran. Zwischendurch goss Matze mal einen neuen Tee auf, etwas später machte Sven die Lichter an, aber ansonsten arbeiteten sie ungestört. Irgendwann gähnte Matze, rieb sich über die Augen und streckte sich, während er aufstand. „Ich brauche eine Pause, mein Gehirn ist gerade wie Brei. Sollen wir eine Runde rausgehen? Brot ist auch fast alle, das könnten wir auf dem Rückweg besorgen.“ Sven sah auf die Uhr, sie hatten jetzt wirklich lange am Stück gearbeitet. Er stand auf und streckte sich ebenfalls, ging zu Matze rüber und nahm ihn in den Arm. „Hey, wie wäre es erstmal mit einer Belohnung dafür, dass ich dich so lange in Ruhe gelassen habe, hm?“ grinste Sven. Matze schnaubte. „Ja, das ist natürlich wirklich eine großartige Leistung, dass du mich drei Stunden lang nicht betatscht hast, alle Achtung,“ sagte er trocken und drückte Sven einen Kuss auf die Lippen. „Lass uns jetzt erstmal hier raus, sonst werde ich noch wahnsinnig in der Bude, ich brauche frische Luft. Wir können ja nachher noch mal über diese Belohnerei sprechen ...“, sagte Matze grinsend und schickte den Rechner in den Ruhezustand. Sie hatten gerade Schuhe und Jacken angezogen, da klingelte es Sturm an der Tür. Beide sahen sich verblüfft an; dass es an der Wohnungstür klingelte, war bisher nur geschehen, als Niklas einmal irgendwas im Bad nachschauen musste. Matze öffnete, vor ihm stand die Kleine von gegenüber, Carla, Carola … „Hi, ich bin Carina von gegenüber, ihr müsst mir bitte helfen, Herr Lammers ist ausgerutscht und hat sich glaube ich was gebrochen und es ist keiner da und meine Mutter ...“ ihre Stimme kiekste jetzt verdächtig, die Kleine war ja völlig neben der Spur. „Hey, alles gut, beruhig dich erstmal, klar helfen wir dir. Wo ist Herr Lammers, draußen?“ „Nein, im Flur unten, ich laufe schon mal hin, kommt bitte schnell,“ und schon war sie wieder weg. Matze sah Sven mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ausgerechnet der Lammers, was der von ihnen – den für ihn 'typischen Studenten' – hielt, war ihm auf 20 Meter gegen den Wind anzusehen. Aber nun gut, das konnte sich jetzt niemand aussuchen. Portemonnaie, Handy, alles am Mann – Matze und Sven zogen die Tür ins Schloss und liefen hinter Carina her. Karl hatte sich mittlerweile etwas aufrichten können und lehnte nun halb sitzend an der Wand. Er war sehr blass und hielt seinen linken Arm, ganz offensichtlich hatte er Schmerzen. Als er sah, wer dort die Treppe herunterkam, bekam er einen verächtlichen Gesichtsausdruck. 'Meine Güte, was für ein snobistischer Sack', dachte Matze, 'aber warte, dein Weltbild werde ich jetzt mal ein bisschen durchschütteln …' „Guten Tag, Herr Lammers, ich bin Matze Steinkolk und das ist Sven Bultmann, wir haben uns vor über einem Jahr einmal kurz kennengelernt. Darf ich mir mal Ihren Arm ansehen?“ Mit Genugtuung registrierte Matze die leichte Überraschung, die Herrn Lammers' Augen kurz weitete. „Hm, ja, guten Tag, sehr nett, ich denke, er ist gebrochen,“ antwortete Herr Lammers unwirsch. Sven zog in der Zwischenzeit seine Jacke aus, denn er sah, dass Herr Lammers zitterte. „Hier, Herr Lammers, wenn Sie sich ein wenig vorbeugen können, hänge ich Ihnen die Jacke um, geht das?“ „Äh, ja, ich … danke.“'Herr im Himmel, Karl, du stammelst wie ein Idiot, nur weil die beiden Studenten anscheinend einen Hauch von Manieren haben. Jetzt reiß dich mal zusammen und bewahr die Contenance' schalt Karl sich innerlich. Matze hatte vorsichtig seinen Arm so gut es ging durch den Jackettärmel abgetastet, während Karl die Zähne zusammenbiss. „Wir sollten das auf jeden Fall abklären lassen, Herr Lammers. Ist es für Sie in Ordnung, wenn wir Sie ins Krankenhaus fahren, oder möchten Sie lieber einen Rettungswagen rufen lassen?“ fragte Matze. Karl überlegte. Ja, der Arm tat höllisch weh, aber noch viel mehr schmerzte ihn seine demütigende Situation hier auf dem Boden und vor allem die durchnässte Hose. So wollte er nirgendwo erscheinen, weder im Rettungswagen noch im Krankenhaus, schließlich kannten ihn in dieser Stadt so einige Leute. Sven ahnte, was in ihm vor sich ging: „Wenn wir Ihnen ein bisschen helfen, können Sie bestimmt aufstehen. Und dann gehen wir erst einmal in Ihre Wohnung und Sie tauschen Ihre durchnässte Hose aus, das muss schrecklich unangenehm sein. Wir schaffen das schon, ich habe schließlich nicht umsonst mein freiwilliges soziales Jahr im Margarethenstift gemacht.“ fügte Sven beruhigend lächelnd hinzu. Karl überlegte schnell, was wohl unangenehmer war – weiterhin nass und dreckig durch die Gegend zu spazieren oder sich von einem fast wildfremden jungen Mann beim Umziehen helfen zu lassen, aber Sven schaute ihn fest an und es war so gar nichts an ihm, das ihn nicht vertrauenswürdig oder gar unfähig erschienen ließ, also nickte Karl einmal grimmig. Matze merkte, dass Carina völlig hilflos etwas abseits herumstand und ging schnell zu ihr. Er legte seine Hand beruhigend auf Ihre Schulter und sagte. „Du, wir kümmern uns um Herrn Lammers, ja? Kannst du mir den Gefallen tun und dafür sorgen, dass der Flur hier wieder sauber und trocken wird? Das wäre super. Und dann kannst du bei euch in der Wohnung warten, wir melden uns nachher noch mal und erzählen, was mit Herrn Lammers ist, okay?“ Carina nickte, froh, etwas zu tun zu haben. Während Sven und Matze gemeinsam Herrn Lammers aufhalfen und mit ihm in seine Wohnung gingen, holte sie den Eimer und den Mopp, flitzte nach oben, füllte sauberes Wasser ein und holte noch ein paar alte Handtücher, mit denen sie das Wasser aufnehmen wollte. Als sie wieder herunterkam, sah sie von der Treppe aus, wie Herr Lammers in frischer Hose, untergehakt und gestützt von Sven und Matze, vorsichtig zur Haustür ging. Er hatte wieder etwas mehr Farbe im Gesicht, wenn auch sein Arm noch zu schmerzen schien, aber er fand schon wieder zu seiner alten Bärbeißigkeit zurück und sagte zu Sven gewandt: „Na, da können Sie aber froh sein, dass Sie nicht Ihre Mitbewohnerin dabei hatten, von der hätte ich mir nicht beim Umziehen helfen lassen. Man will sich ja schließlich so einem jungen Mädchen nicht in Unterwäsche präsentieren!“ Als er wieder nach vorne schaute, warfen sich Sven und Matze hinter seinem Rücken einen merkwürdigen Blick zu und beide schienen vor unterdrücktem Lachen fast zu platzen. Sehr seltsam. Carina zuckte die Schultern und machte sich an die Arbeit.Heiligabend, 16:30 UhrNiklas fand es nicht mehr wirklich lustig. Fast eine halbe Stunde war er nun in diesem bescheuerten Aufzug, mit dem Oberkörper im Erdgeschoss, mit dem Rest des Körpers auf dem Weg in den Keller. Wo waren denn bloß alle? Irgendwann musste doch mal jemand auftauchen. Niklas versuchte noch einmal, hochzuspringen, aber das war eigentlich völlig sinnlos, denn ohne Strom würde der Aufzug keinen Zentimeter nachgeben. Boris konnte er auch nicht erreichen, aber darüber machte sich Niklas die geringsten Sorgen, der war flexibel genug und würde dann die Weihnachtsfeier anders einleiten. Da hörte Niklas ein Geräusch, was ihm mehr als willkommen war: Die Haustür wurde aufgeschlossen und er hörte Stimmen, eine tiefe und eine Kinderstimme. Michael und Sarah kamen nach Hause, Niklas war so froh, dass er hätte heulen können. „Michael? Sarah? Hallo, hier, im Aufzug ...“ rief er, aber seine Stimme war durch die dicken Glastüren sehr gedämpft. Fröhlich schwatzend ging Sarah an der Hand ihres Vaters durch den Flur und Niklas sah fast verzweifelt, wie Michael den Schlüssel ins Schloss steckte, um die Wohnungstür aufzuschließen. Da drehte Sarah sich um sich selbst, einmal, zweimal, beim dritten Mal blieb sie plötzlich stehen, sah mit großen Augen in seine Richtung und sagte laut: „Papa? Warum steckt ein halber Weihnachtsmann in unserem Fahrstuhl?“10. DezemberKarl Lammers saß an seinem Küchentisch. Er las keine Zeitung, er hörte kein Radio, er hatte keinen Besuch. Er starrte einfach nur auf den Kalender an der Wand, ohne das Bild wahrzunehmen. Sein linker Arm war in einem soliden Gips und tat nicht mehr weh, er war natürlich bei vielen Sachen behindert, aber es ging alles so einigermaßen. Zusammen mit den beiden Studenten hatte er fast eine Stunde in der Notaufnahme gewartet, mit steigenden Schmerzen, bis Matze irgendwann sehr ruhig und souverän mit seinem charmanten Lächeln eine vorbeieilende Schwester angesprochen hatte, die prompt rot geworden und stehengeblieben war. Karl wusste nicht genau, was er ihr gesagt hatte, aber sie hatte zu ihm herüber geschaut, wieder Matze angeguckt, eifrig genickt und war weitergeeilt. Keine zehn Minuten später saß Karl beim Röntgen und als festgestellt wurde, dass sein Arm glatt gebrochen war, konnte er wenig später mit nagelneuem Gips nach Hause – natürlich auf eigenen Wunsch, denn die Halsabschneider im Krankenhaus hätten ihn als Privatpatienten nur zu gern das komplette Wochenende dabehalten, ganz klar. Matze und Sven hatten ihn dann noch in das Bäckereicafé eingeladen, auf den Schreck hin und weil sie ohnehin noch Brot besorgen mussten (warum wohnten sie denn mit einer Frau zusammen, wenn die nicht mal Brot besorgte? Das war Karl ein Rätsel!), und nach kurzem Zögern hatte Karl zugestimmt. Und es war wider Erwarten eine richtig nette Stunde im Café gewesen. Matze und Sven entpuppten sich auch weiterhin als gebildete, wohlerzogene junge Männer, die ihn mit gebührendem Respekt, aber nicht devot, behandelten und deren Ansichten durchaus Hand und Fuß hatten. Karl merkte zusehends, wie er sich entspannte, was vielleicht auch an den Schmerzmitteln liegen mochte, die er im Krankenhaus bekommen hatte, aber er genoss diese unerwartete Gesellschaft geradezu. Auf der kurzen Rückfahrt döste er sogar ein bisschen ein, so wohl fühlte er sich mit den beiden. Und dann, als Matze und Sven ihn entgegen seinem sanften Protest sogar noch bis in seine Wohnung gebracht und ihm geholfen hatten, sein Jackett abzulegen, geschah das, was ihn jetzt noch erstarrt und zutiefst verwirrt hier sitzen ließ: Er stand mit den beiden im Flur und bedankte sich für die kompetente und uneigennützige Hilfe und die Einladung ins Café. Als er seine Wohnungstür öffnete, sagte Matze im Raustreten: „Herr Lammers, es war uns eine Freude. Und Sie können jederzeit auf uns zählen oder uns um Hilfe bitten, wir sind gerne für Sie da. Sven nickte bestätigend, und dann nahm er beiläufig Matzes Hand, so dass sie Hand in Hand nach oben zu ihrer Wohnung gingen. Karl stand wie vom Blitz getroffen in seiner Wohnungstür und starrte ihnen nach, bis das Licht im Flur automatisch ausging. Und seitdem überlegte er fast fieberhaft … hieß das etwa, dass die beiden … also, dass sie … aber die waren doch so nett und wohlerzogen und höflich, so normal … Karl war völlig verwirrt, alles drehte sich, was auch wieder von den Medikamenten kommen konnte, vielleicht aber auch von seinem Weltbild, was sich gerade auf den Kopf stellte. Jedenfalls saß Karl nun, fast 24 Stunden später, wieder hier am Tisch und versuchte, den Gedanken zu verarbeiten, dass er gestern nicht nur mehrere Stunden mit, nun ja, es war anscheinend nun mal so, Homosexuellen zugebracht hatte, sondern deren Gegenwart wirklich genossen hatte, ja sogar – und hier wurde Karl tiefrot – seine Hosen heruntergelassen hatte. Er ließ den gesamten Nachmittag noch einmal gedanklich Revue passieren, wohl schon zum fünften Mal, aber egal, wie sehr er suchte und überlegte, er fand einfach nichts, was an den jungen Männern auszusetzen war, was er irgendwie in seine bisherigen Vorurteile pressen konnte, was irgendwie anders war – und so musste er nun einfach mal tun, was er seit über 50 Jahren nicht mehr getan hatte: Sich eingestehen, dass er, Karl Lammers, für lange, lange Zeit und völlig unbegründet mit einer Meinung ganz furchtbar falsch gelegen hatte. Heiligabend, 16:30 Uhr„Was?“ fragte Michael irritiert. „Da, im Fahrstuhl, Papa, guck mal!“ Michael drehte sich um und schaute durch den Eingangsbereich zum Fahrstuhl. Tatsächlich, darin steckte ein halber Weihnachtsmann. Also, die obere Hälfte, der Rest war anscheinend auf dem Weg zum Keller. Nun merkte der Weihnachtsmann, dass Michael und Sarah zu ihm schauten und winkte wild, er rief auch etwas, aber durch die Glastüren war das nicht zu verstehen. Michael ging zum Fahrstuhl und erkannte im Schein der Notbeleuchtung Niklas, als dieser sich den falschen Bart abriss. Was machte Niklas denn im Weihnachtsmannkostüm im Aufzug? „Niklas?“ rief Michael direkt in den schmalen Spalt zwischen den Aufzugstüren, zu dem er sich heruntergebeugt hatte. „Oh, Gottseidank, Michael, ich dachte, ich sitze hier ewig. Weißt du, was das für ein Stromausfall ist, wie lange das noch dauert? Ich hab keinen Empfang hier, was ist denn los?“„Äh, nee, ich dachte auch, dass das nur kurz ist. Warte, ich schaue mal, ob ich irgendwas erfahre, ich komme gleich wieder, ich checke das mal ab.“Niklas sah mit gemischten Gefühlen, wie Michael wegging. So langsam bekam er echt Panik in der Kabine und hatte das Gefühl, dass die Luft fast verbraucht war. Das war natürlich Blödsinn, der Fahrstuhl hatte oben ein kleines Gitter, durch das Luft aus dem Fahrstuhlschacht kam und außerdem war zwischen den Glastüren ja der knapp einen halben Zentimeter breite Spalt. Sarah winkte ihm zu, er winkte müde zurück. Ah, da kam Michael aus seiner Wohnung wieder, sein Gesichtsausdruck versprach nichts Gutes. Und richtig: „Du, das ist eine längere Sache, wie es aussieht. Irgendwas im Umspannwerk, die halbe Stadt ist ohne Strom. Der Typ am Telefon war total überlastet und meinte, es könnte noch Stunden dauern, bis sie das im Griff haben ...“„Stunden?“ rief Niklas entgeistert. „Ich sitze hier doch keine Stunden fest, ich muss hier raus, Michael, ich drehe langsam ab.“ „Ja, und was ist mit Weihnachten, Papa, was ist mit der Bescherung und so?“ fragte Sarah, die unbemerkt dazugekommen war. Michael dachte kurz nach. „Pass auf, Sarah, erstmal müssen wir jetzt sehen, dass wir Niklas hier rausbekommen, alles Weitere ergibt sich dann, okay? Niklas, gibt es eine Möglichkeit, die Türen zu öffnen, weißt du das?“Niklas überlegte. Aufhebeln war sicherlich keine Lösung … er überlegte krampfhaft, was er damals bei dieser langweiligen „Fahrstuhleinweisung“ von dem unsympathischen Techniker erzählt bekommen hatte. Da war was mit Notfall und sein Vater hatte als Hausverwalter irgendwas in die Hand gedrückt bekommen … einen merkwürdigen Schlüssel … „Ja, klar, der Schlüssel, ich habe so einen Universalschlüssel für dieses dreieckige Loch hier in der Kabine bekommen.“ Aufgeregt nestelte er sein Schlüsselbund aus der Hosentasche, an dem der Schlüssel natürlich nicht hing, aber er fummelte seinen Hausschlüssel ab und erklärte Michael, in welcher Kommodenschublade in seiner Wohnung er den Schlüssel finden würde. Mit etwas zitternden Händen – bloß nicht fallenlassen! - schob er den einzelnen Hausschlüssel durch den schmalen Schlitz, Michael nahm ihn entgegen und lief die Treppe hoch zu Niklas' Wohnung. Dieser ließ sich erleichtert auf den Kabinenboden sinken: Rettung war in Sicht.13. DezemberRosie kam vom Walken wieder und schloss die Eingangstür auf. Kurz blickte sie zur Wohnung von Karl rüber, aber da war noch alles dunkel. Sein Unfall vor ein paar Tagen hatte sie gleichzeitig erschreckt und amüsiert, es war ja gut ausgegangen, und die Vorstellung, wie Carina den alten Knüsselkopp zu Boden streckte, war zu komisch. Trotzdem tat er ihr natürlich Leid und mit dem Gipsarm war sein Tagesablauf jetzt sicherlich deutlich schwieriger. Rosie hatte schon überlegt, einfach mal anzuklingeln und Hilfe anzubieten, aber wahrscheinlich würde sie ohnehin nur eine Abfuhr kassieren. Das Abstellen der Stöcke hallte überdeutlich durch den Eingangsbereich und Rosie schaute sich um. So modern das Haus auch war, gemütlich war anders. Sicherlich hatte der Architekt sich alles genau überlegt und es wirkte auch sehr imposant; der große Eingangsbereich mit der freitragenden Treppe in der Mitte, dahinter der Glasaufzug und im Obergeschoss die umlaufende Galerie, über die man zu den vier Wohnungen kam. Ein schicker und trotzdem pflegeleichter Sichtbetonboden, Die Treppe mit Stahl, Glasgeländer und dunklen Stufen. Für Rosie wirkte es aber nur kalt, es hallte und hatte keinerlei Persönlichkeit. Kein Wunder, dass sich hier nie jemand länger aufhielt als unbedingt nötig. Ihre eigene Wohnung und auch ihre kleine Terrasse hatte Rosie immer liebevoll dekoriert, aber hier ..? Rosie hielt inne – ihr kam da eine Idee. Sie schaute auf die Uhr: 7:20 Uhr, Niklas würde in ein paar Minuten zur Schule aufbrechen. Ob sie ihn ganz kurz stören konnte? Ach, sowas erledigte sie immer am liebsten sofort, also huschte sie schnell die Treppe nach oben, klingelte bei Niklas und sah sich kurz darauf einem etwas unausgeschlafenen und sehr erstaunten Hausverwaltersohn gegenüber. „Moin, Niklas, entschuldige die Störung, ich wollte dich nur etwas fragen. Kannst du mich heute nach der Schule ...“Maik kam stocksauer von der Arbeit nach Hause, was bildete sein Chef sich eigentlich ein? Seit 15 Jahren war Maik ihm ein zuverlässiger, kreativer Angestellter und durch den geringen Altersabstand auch fast ein Freund geworden. Und genau damit argumentierte Ralf auch, als er ihn nachmittags zu einem kurzen Gespräch gebeten hatte. „Maik, ich spreche mit dir als dein Chef, aber auch als dein Freund. Mit ist in der letzten Zeit eine Veränderung bei dir aufgefallen, und nicht nur mir. Du wirkst morgens oft fahrig, kommst zu spät, du bist nicht mehr so zuverlässig wie früher. Dann neulich die Geschichte mit der Präsentation, als Dirk dich zuhause erreicht hast und du krank warst, ...“ (warum sprach er das Wort krank so merkwürdig aus, fragte Maik sich) fuhr sein Chef fort, „... also, kurz gesagt, wir machen uns Sorgen um dich. Und darum spreche ich jetzt mit dir, denn ich glaube, dass du ein großes Problem mit Alkohol hast, kann das sein, Maik?“Alkohol? Was denn für ein Problem mit Alkohol? Was sollte das denn jetzt, was glaubte Ralf eigentlich, was er sich da herausnahm? Jeder trank doch wohl ein paar Bier am Abend und er war ja kein Schluckspecht, der billigen Fusel in der Schublade versteckte. Und dass er neulich, als sie gemeinsam in der Mittagspause auf dem Weihnachtsmarkt waren, zwei Glühwein mit Schuss getrunken hatte, meine Güte, es war ja auch lausig kalt. Außerdem hatte er von dem Alkohol nichts gemerkt, das waren sowieso alles Betrüger in diesen Buden, ob da überhaupt Pflaumenschnaps drin war, das ...“„Maik?“ fragte Ralf irritiert. „Möchtest du, äh, möchtest du nicht irgendwas sagen?“Maik konzentrierte sich wieder auf das Hier und Jetzt. Seine Gedanken drifteten in letzter Zeit wirklich öfter mal ab, das war ihm auch schon aufgefallen, und konzentrieren konnte er sich auch nicht mehr so gut. Er war einfach überarbeitet. Aber jetzt erwartete Ralf eine Antwort. Maik bemühte sich um ein zuversichtliches Grinsen: „Hey, Ralf, das ist doch totaler Quatsch. Ich ein Alki? Was denkst du denn, ich hatte einfach zu viel auf den Hörnern in letzter Zeit. Dazu der Weihnachtsstress (den er gar nicht hatte, er machte sich überhaupt nichts aus Weihnachten, das war immer Birtes Part gewesen. Wochen vorher fing sie schon an zu schmücken und Kerzen anzuzünden und … aber zurück zu Ralf, der ihn leicht misstrauisch anschaute), vielleicht habe ich mir zuviel zugemutet. Ich gehe im neuen Jahr mal zum Arzt und lasse mich gründlich durchchecken, vielleicht fehlt mir ja auch was, Eisen oder Vitamine oder so … jetzt habe ich ja auch bald erstmal Urlaub, bis dahin machen wir noch den Aulenberg-Auftrag fertig und dann verspreche ich dir, mich zu erholen, okay?“ Maik machte Anstalten, aufzustehen. „Nein, nicht okay, hier ist noch was,“ sagte Ralf und griff in seine Schreibtischschublade. Heraus holte er eine große Handvoll Mon-Cheri-Papiere und zwei leere Packungen Weinbrandbohnen. „Maik, ich muss dich abmahnen. Wir hatten vor einem Monat schon ein Gespräch wegen deiner Unpünktlichkeit, nun hat sich nicht viel geändert und dazu noch das hier … so Leid es mir tut, wenn du das nicht in den Griff bekommst, werde ich dich entlassen müssen. Wir haben die Ausschreibung deinetwegen verloren, weil Dirk bestimmte Fragen nicht beantworten konnte, die in deinen Zuständigkeitsbereich fielen und du nicht da warst. Wenn so etwas noch mal passiert, ist die gesamte Firma in Gefahr. Ich helfe dir, wo ich kann, ich kann dir eine Beratungsstelle ...“Beratungsstelle? Anonyme Alkoholiker, oder was? Und was fiel Ralf überhaupt ein, seinen Müll durchzuschnüffeln? Maik sah absolut rot, durfte er jetzt nicht mal mehr bei der Arbeit was Süßes essen? Er stand abrupt auf, konnte den Stuhl gerade noch vorm Umkippen festhalten und sagte sehr laut: „Sag mal, geht es noch? Ich lasse mir doch von dir nicht vorschreiben, was ich essen und trinken darf? Du bist mein Chef, nicht meine Mutter. Ich mache jetzt Feierabend, wir sehen uns morgen Früh – pünktlich um 9!“, das spuckte er Ralf fast entgegen. Am liebsten hätte er die Tür zugeschlagen, aber da beherrschte er sich gerade noch.Jetzt kochte die Wut wieder hoch und Maik stampfte die Treppe nach oben … was war das denn für ein Gestrüpp am Geländer? Tannenzweige mit Lichterketten? Und was stand da neben seiner Haustür? Fassungslos starrte er den kniehohen Pinguin an, aus einer Holzplatte gesägt, mit roter Zipfelmütze und Schal und einem schelmischen Grinsen … Berit hatte einmal im Baumarkt vor einem ganz ähnlichen Pinguin gestanden und sich gar nicht mehr eingekriegt, wie süß und niedlich und putzig er doch wäre. Er fand in diesem Moment eigentlich Berit viel süßer und niedlicher und putziger, also hatte er den Pinguin gekauft. Nach dem letzten gemeinsamen Weihnachtsfest war er zusammen mit Berit aus seinem Leben verschwunden. Irgendwas in Maik knackste fast hörbar, er schloss seine Wohnungstür auf, schmiss Tasche und Jacke in die Ecke und ging zum Küchenschrank, wo der Obstler stand. Noch an der Spüle riss er den Korken heraus, hob die Flasche an den Mund – und hielt inne. Entsetzt und  beschämt ließ er die Flasche wieder sinken, schüttelte fassungslos den Kopf und goss den gesamten Schnaps in die Spüle. Er öffnete den Kühlschrank und nahm die letzten vier Flaschen Bier raus, die er ebenfalls wegschüttete. Und dann stellte er die letzte leere Flasche sorgfältig ab, setzte sich auf den Küchenstuhl und heulte, wie er seit Jahren nicht mehr geheult hatte.15. DezemberCarina musste nun schon den dritten Tag in Folge über die Holzfiguren vor ihrer Tür grinsen, als sie nach Hause kam. Sie war mit ihren Freunden nach der Schule noch über den Weihnachtsmarkt gegangen und es war schon später Nachmittag. Für ihre Familie hatte Rosie auch etwas total Passendes ausgesucht – dass Rosie gemeinsam mit Niklas das Haus dekoriert hatte, war allen Hausbewohnern klar. Niklas hatte am Mittwoch Rosie nach der Schule im Baumarkt abgeholt, wo sie mit dem Bus hingefahren war, und sie hatten gemeinsam die Deko-Girlande fürs Treppengeländer, einen dicken Türkranz für die Außentür und eben die Holzfiguren für jede Mietpartei ausgesucht und gekauft. Niklas hatte von seinem Vater ein „Mir-doch-egal“-Budget, wie er es einmal etwas sarkastisch genannte hatte. Sein Vater interessierte sich überhaupt nicht für die einzelnen Mieter, dafür war er dann großzügig, wenn Niklas etwas anschaffen wollte. „Genau, wie Papa,“ dachte Carina etwas gehässig, denn von ihm kamen auch in regelmäßigen Abständen schicke Zahlungen und zu Geburtstagen und zu Weihnachten eine Karte mit 100,- Euro drin. Vor ihrer Haustür standen jedenfalls jetzt drei große Mäuse, ein bisschen comicmäßig und aus Holzplatte gesägt und bemalt, das hatten alle Aufsteller gemeinsam. Ihre drei Holzmäuse waren eindeutig eine Mutter mit zwei Kindern, alle trugen rote Mützen, der Mäusesohn hatte eine coole Sonnenbrille auf und die Mäusetochter trug dicke Kopfhörer über der Mütze. Genau darüber musste Carina immer so grinsen, wobei sie seit dem superpeinlichen Unfall mit Herrn Lammers überwiegend vermied, in der Öffentlichkeit ihre Ohrstöpsel zu tragen. Noch mal so einen Schock, nein, darauf konnte sie getrost verzichten. Und Ed Sheeran hatte sie auch länger nicht mehr gehört, irgendwie kam ihr dann sofort das Bild in den Kopf, wie Herr Lammers im Dreckwasser lag und das war ihr immer noch unangenehm. In der Wohnung schmiss sie den Rucksack, ihre Schuhe und ihre Jacke in die Ecke und ging in Gedanken die Figuren, die die anderen Bewohner vor ihren Türen hatten, durch: Herr Lammers hatte einen sehr streng schauenden Nussknacker, bei dem man sogar über einen Hebel auf der Rückseite die Kinnlade auf und nieder bewegen konnte. Es passte perfekt; zum einen war es ein klassisches deutsches Motiv, kein 'amerikanischer Nonsens', wie er zum Beispiel das Rentier mit der roten Nase, die batteriebetrieben leuchtete, vor Rosies Tür gestern Morgen im Vorbeigehen bezeichnet hatte. Carina war gerade oben an der Treppe, hatte sich dann aber leise wieder zurückgezogen und gewartet, bis er mit seiner Zeitung wieder in der Wohnung war. Ihr schlechtes Gewissen war immer noch riesig groß.Und trotzdem dachte Carina jedes Mal, wenn sie ihn sah, innerlich kichernd, dass der Nussknacker in seiner Grimmigkeit Herrn Lammers irgendwie total ähnlich sah.Michael und Sarah hatten so richtig superniedliche Figuren bekommen, perfekt für Sarah, denn es war ein großer Teddybär, der einen kleineren Teddybären auf dem Arm hatte, und der kleine Teddybär hatte eine blaue Bommelmütze auf, die genau so aussah wie die Mütze von Sarah. Rosie hatte wirklich ein gutes Auge und sich große Mühe gegeben, fand Carina. Vor der Tür von Maik Bühring stand ein cooler Pinguin mit Schal, das war vielleicht nicht so passend, aber über den Typen wusste eh keiner so richtig Bescheid. Angeblich hatte eine Frau ihn sitzenlassen, und wenn das so war, konnte Carina das gut verstehen, so muffelig, wie er immer war. Außerdem hatte er ziemlich oft schon morgens eine Fahne. Allerdings war es Carina neulich so vorgekommen, als hätte sie ihn nachmittags laut heulen hören, nachdem er nach Hause kam, aber wahrscheinlich täuschte sie sich da und er hatte nur wieder den Fernseher laufen. Die Studenten schließlich hatten natürlich auch eine Dreiergruppe, es waren drei Schneemänner, die aus einem gemeinsamen Notenblatt ein Weihnachtslied anstimmten. Weil Carina öfter mal zeitgleich mit einem der anderen Mitbewohner nach Hause kam wusste sie, dass auch alle anderen immer mit einem Lächeln auf die Figuren schauten. Wie einfach es war, mit Kleinigkeiten eine Freude zu machen … Carina drehte sich um und guckte schuldbewusst auf ihren Klamottenberg im Flur. Wie oft hatte ihre Mutter sie gebeten, mit ihr geschimpft oder resigniert seufzend abends Rucksack, Jacke und Schuhe weggeräumt. Dabei war es nur ein Handgriff, den Carina jetzt schnell erledigte. Da, fühlte sich gleich besser an. In der Küche räumte sie auch die Spülmaschine aus und legte im Wohnzimmer die Sofadecke ordentlich zusammen. Das machte fast schon Spaß und ihre Mutter würde sich bestimmt freuen, wenn sie nachher nach Hause kam. Vielleicht zickten sie sich dann auch mal nicht sofort wieder an. Als Carina ihren Rucksack öffnete, um die leere Trinkflasche und die Butterbrotsdose rauszuholen, sah sie die kleine Papiertüte mit dem Weihnachtstee, den sie gekauft hatte, dazu noch so Umrührstäbe mit Kandiszucker dran. Eigentlich hatte sie das als Wichtelgeschenk für ihre Freundin gedacht, aber das hatte noch ein paar Tage Zeit. Sollte sie ..? Carinas Herz klopfte. Aber sie hatte nun schon seit Tagen ein so schlechtes Gewissen und konnte Herrn Lammers ja nicht ewig aus dem Weg gehen. Sie schnappte sich den Haustürschlüssel, bevor sie es sich wieder anders überlegte, und machte sich auf den Weg nach unten.Heiligabend, 17:30 Uhr.Niklas war ratlos. Zwar hatte es reibungslos geklappt, dass Michael ihm den kantigen Schlüssel durch den schmalen Schlitz in der Aufzugstür zustecken konnte und er auch mit diesem Schlüssel die Türen entriegeln und per Hand aufschieben konnte. Das Herausklettern aus der Kabine war etwas mühselig, aber auch hier packte Michael mit an und zog ihn aus seiner misslichen Lage auf den sicheren Boden im Erdgeschoss. Als erstes hatte Niklas dann bei Boris angerufen und ihm von dem Malheur erzählt, aber Boris hatte ihn fast abgewürgt und kurz gesagt, dass es bei einer Marketingkampagne für ein japanisches Unternehmen irgendein gigantisches Problem gegeben hätte und die Weihnachtsfeier sowieso ausgefallen wäre. Er habe versucht, Niklas am Handy zu erreichen, aber nun passte ja alles. Und dann rief schon jemand im Hintergrund sehr dringlich nach ihm und Boris hängte auf.Okay, nun war das Problem wenigstens behoben – abgesehen von der Frage, was nun mit den Geschenken im Jutesack geschehen sollte. Aber die wurden ja nicht schlecht, darüber würde er dann später mit Boris sprechen.Das viel größere Problem war nun aber der Rest des Tages. Die Hotline der Stadtwerke war total überlastet, und als er endlich mal einen Mitarbeiter erwischt hatte, hatte der ihm nichts anderes sagen können als Michael zuvor: Defekt im Umspannwerk, Ersatzteil schwierig zu beschaffen wegen der Feiertage, keine Ahnung, wie lange der Stadtteil ohne Strom sein würde. Aber auf 'ein paar Stunden' müsse man sich einrichten. Frohe Weihnachten.Und nun hatte Melanie Mischer an die Tür geklopft und sich halbwegs verlegen entschuldigt. „Niklas, ich weiß, du kannst auch nichts ändern an der Situation, aber ich wollte nur wissen … wie lange hält denn so ein Kühlschrank wohl und der Eisschrank und so? Eigentlich wäre ich jetzt schon mitten in den Vorbereitungen für das Weihnachtsessen für Carina und mich, sie hat sich ganz klassisch Heißwürstchen mit Kartoffelsalat gewünscht und zum Nachtisch Apfelstrudel, aber der Ofen tut es ja nun auch nicht und … ach, ich weiß auch nicht.“ Und etwas hilflos sah Niklas, dass die immer beherrschte Melanie Tränen in den Augen hatte.16. DezemberKarl Lammers stand an seiner kleinen Küchenzeile und hätte geflucht, wenn er so etwas tun würde. Dieser vermaledeite Gips, alles war so viel komplizierter. Mittags aß er sowieso überwiegend diese praktischen Mikrowellenmenüs, da musste er nur irgendwie die Folie entfernen, das war zwar nicht einfach, ging aber so halbwegs. Sich morgens und abends sein Brot zu schmieren, das war allerdings eine ganz andere Geschichte. Es graute ihm jetzt schon wieder davor, sich nachher sein Abendbrot zu machen. Die Finger, die aus dem Gips herausschauten, waren zwar beweglich, aber Daumen und Zeigefinger bekam er nicht zusammen und konnte so nichts wirklich greifen. Also bohrte er zwei Finger immer fast in die Brotscheibe hinein, während er mit der rechten Hand versuchte, Butter darauf zu verteilen. Er überlegte schon, ob er sich die Salamischeiben nicht einfach auf das trockene Brot legen sollte, aber das war ja kein vernünftiges Butterbrot. Jetzt stand er an der Spüle und bemühte sich, das bisschen Geschirr, das sich angesammelt hatte – der Teebecher und der Teller von heute Morgen plus Löffel und Messer – einhändig zu spülen. Ach, das war doch alles ein ganz großer Murks! Und jetzt klingelte es auch noch an der Tür, wer war das denn wohl? Kurz zuckte er beim Gedanken daran zusammen, dass es Matze oder Sven sein könnten, denn er hatte keine Ahnung, wie er den beiden beim nächsten Zusammentreffen gegenüber auftreten sollte. Ein Blick durch den Spion zeigte, dass Carina dort stand und nervös auf ihrer Unterlippe kaute. Sie zögerte, überlegte wohl, ob sie noch einmal klingeln sollte, aber da machte er schon die Tür auf. „Was willst du denn hier? Mich noch mal niederschlagen?“ An Carinas entsetzt geweiteten Augen erkannte Karl dass sein kleiner Witz wohl nicht als solcher aufgefasst wurde. Mimose. „Ach komm, war ein Witz, guck nicht so waidwund. Was willst du?“Oh Gott, der Kerl war ja noch schlimmer als sie befürchtet hatte. Und was hieß waidwund, war das eine Beleidigung? Carina war kurz davor, wegzulaufen oder in Tränen auszubrechen oder beides. Da fiel ihr Blick auf den Nussknacker, der nun genau zu Füßen von Herrn Lammers stand und ihm in seiner Grimmigkeit so ähnlich sah, und da perlte ein kleines, etwas hysterisches Lachen in ihr hoch und gab ihr Mut. Sie schaute ihm fest in die Augen – den Trick hatte sie mal in so einem Selbstbehauptungskurs in der Schule gelernt – und sagte mit halbwegs stabiler Stimme: „Herr Lammers, ich habe mich bei Ihnen noch nicht entschuldigt. Es tut mir wirklich Leid, dass ich Sie … äh ...“ Mist, wie sollte sie das denn jetzt ausdrücken. Niedergestreckt habe, wie in so einem alten Film? Umgeknockt habe? Aber der Erbsenzähler legte bestimmt Wert auf angemessene Ausdrucksweise, wie ihr eigener verkalkter Deutschlehrer. Naja, sie hatte ja nicht umsonst in Deutsch eine 1-, also sagte sie: „... dass ich Sie durch meine Unachtsamkeit zu Fall gebracht habe. Ich habe Ihnen eine Kleinigkeit als Wiedergutmachung mitgebracht.“ und mit leichter Befriedigung sah sie, dass ihre gestelzte Ausdrucksweise ihn total überraschte. „Oh. Das ist ja eine Überraschung. Möchtest du … hm, möchtest du einen Moment hineinkommen?“Waah. Hineinkommen? Nein, das wollte Carina ganz und gar nicht, nicht, weil sie dachte, dass er irgendwelche Absichten haben könnte, aber was sollte sie denn bloß noch weiter mit ihm reden? Auch Karl selbst hatte sich über seine Frage erschrocken, was sollte das denn? Wieso bat er dieses Mädchen hinein? Er hatte zwar seit Tagen mit niemandem mehr geredet, aber das war ja sein selbst gewählter Status. Und da sagte sie auch schon: „Okay, also, ich meine, ja, gerne, ein paar Minuten habe ich wohl Zeit.“ Verdutzt drehte Karl sich um und ging in seine Wohnung zurück, Carina folgte ihm, nicht weniger verdutzt, und schloss die Tür. Er ging bis in die kleine Küche und zeigte auf den Küchentisch, an den sie sich gehorsam setzte. Verlegen sahen sie sich an, bis ihr einfiel, was sie in ihren Händen schon etwas zerknautscht hatte. Sie sprang wieder auf: „Oh, hier, also, das ist für Sie, aber eigentlich weiß ich gar nicht, ob Sie überhaupt Tee trinken ...“Weihnachtstee. Das war zwar nicht sehr originell, aber tatsächlich trank er ganz gerne mal eine Tasse Tee. „Danke. Möchtest du eine Tasse?“Carina überlegte. Ja, vielleicht besser als was er sonst aus seinen Schränken kramen würde. Instant Kaffee Haag, wie ihr Opa zum Beispiel. Oder – brrrr –  Pflaumensaft. Sie nickte und er fing an, mühsam mit seinem einen Arm im Küchenschrank nach dem Wasserkocher zu fischen. „Kann ich Ihnen helfen? Ach, Herr Lammers, lassen Sie mich das doch eben machen, wenn Sie mit kochendem Wasser hantieren mit dem Gips, da habe ich kein gutes Gefühl“ sagte Carina und nahm ihm einfach den Wasserkocher aus der Hand. Etwas sprachlos, aber auch ein bisschen dankbar, setzte Karl sich nun an den Tisch und dirigierte Carina von dort aus durch die Küche. Viel brauchte sie ja nicht; das Teesieb, die Teekanne und zwei Becher. Carina holte alles zusammen und wartete, bis das Wasser kochte. In der Zeit musterte sie Herrn Lammers verstohlen, irgendwas war anders. Ach, richtig, er hatte kein Jackett an, sondern ein T-Shirt und darüber ein lockeres Flanellhemd. Außerdem war er nicht glatt rasiert, sondern hatte einen drei-Tage-Bart. Aber anders als ihr Opa, der auch allein lebte und ungefähr gleich alt sein musste, war Herr Lammers immer noch gepflegt, roch dezent nach Rasierwasser oder Deo, und seine Wohnung, oder das, was Carina von hier sehen konnte, war aufgeräumt. Herrn Lammers' scharfen Augen war ihr Blick nicht entgangen. Etwas verlegen fuhr er sich mit der gesunden Hand über den Bart und sagte: „Ich werde noch verrückt, aber Rasieren geht mit einer Hand überhaupt nicht. Und mein Jackett passt nicht über den Gips ...“ „Ich finde, das sieht gut aus,“ sagte Carina schnell und wurde rot. „Hm.“ sagte Karl. Da kochte das Teewasser und Carina war froh, dass sie sich wegdrehen konnte. Sie goss den Tee auf und stellte alles zwischen ihnen auf den Tisch. Und ob es an den weihnachtlichen Aromen lag, die der Tee entfaltete oder an der Kerze, die Carina auf der Fensterbank entdeckt und nach gnädigem Nicken von Karl entzündet hatte, plötzlich wurde es eine richtig gemütliche Teestunde, in der Karl merkte, das Carina ein ziemlich cleveres Kerlchen war und wie sehr er anregende Diskussionen mit jungen Menschen vermisste, während Carina feststellte, dass Herr Lammers gar nicht so ein verknöcherter alter Sack war, wie sie immer gedacht hatte. Bevor Carina gehen musste, hatte sie ihm sogar eben noch schnell trotz seines schwachen Protests sein Butterbrot geschmiert und die Flasche Apfelsaft aufgedreht. Er trank zwar auch Leitungswasser, aber mal wieder ein Glas Saft wäre eine willkommene Abwechslung. Im Rausgehen sagte sie: „Das war nett mit Ihnen, vielen Dank.“ und flitzte die Treppe hoch. Als Karl die Wohnungstür schloss, lächelte er kurz. Doch als er durch den Flur ging, kam ihm die Wohnung noch leerer vor als sonst.18. Dezember Maik stellte zwei leere Bierkästen neben seiner Wohnungstür und legte die Tasche mit dem Altglas oben drauf. Altglas – oder genauer gesagt, 5 leere Obstlerflaschen. Es war ihm unglaublich schwer gefallen, gestern Abend beim Fernsehen kein einziges Bier zu trinken und er war froh, dass er die Flasche Williams Christ ausgekippt hatte. Er war unruhig, trank ein Glas Milch, danach dann Leitungswasser, weil er, wie er etwas peinlich berührt feststellte, gar nichts anderes zu trinken im Haus hatte. Heute würde er nach der Arbeit das Leergut wegbringen, die Flaschen wegschmeißen und sich nach alkoholfreien Getränken umschauen. Aber zuerst würde er Ralf um ein Gespräch bitten und sich bei ihm entschuldigen. Entschlossen nahm er seine Arbeitstasche, hängte sich die Jutetasche an den Arm und nahm die Bierkästen. Während er die Treppe runterging, klapperte und klirrte es vernehmlich, aber das war ihm jetzt egal.Melanie Mischer war schon wieder total gehetzt, sie hatte mal wieder Carinas Frühstücksgeschirr in die Maschine geräumt und diese angeschmissen, außerdem hatte es – wie jeden Morgen – schon wieder Streit gegeben mit ihrer Tochter. Carina hatte zickig gefragt, wo ihre schwarze Jeans sei, und Melanie hatte sie ironisch auf den Waschkeller aufmerksam gemacht, wo seit fast einer Woche Klamotten auf der Leine hingen. Ein Wort gab das andere und Carina war beleidigt zur Schule gestürmt. Melanie hatte langsam keine Kraft mehr; der Stress in der Redaktion, die ganzen Erledigungen und Besorgungen vor Weihnachten, ihren Vater musste sie auch mal wieder anrufen und vor allem besuchen … davor graute es ihr, die Stunden in seiner kleinen Wohnung zogen sich wie Kaugummi und die Geschichten wiederholten sich endlos. Außerdem wurde er immer vergesslicher, neulich hatte er seine Brille gesucht, die sie schließlich im Kühlschrank entdeckt hatte … wenn er jetzt dement würde, das war Melanies größte Angst. Aber damit konnte sie sich im Moment nicht auch noch befassen, es waren nur noch wenige Tage bis Weihnachten, sie musste noch einkaufen und ihre Reportage fertig schreiben, ihren Mantel aus der Reinigung holen und mit ihrem Exmann besprechen, ob Carina wirklich dieses Jahr zu ihm und Jessica kommen sollte. Carina hatte überhaupt keine Lust dazu, verständlich, und ohne Johannes würde es noch schlimmer für sie werden. Ach, Johannes – Melanie seufzte – ihren Sohn in Amerika zu wissen, wo er mit einer fremden Familie Weihnachten feiern würde … es schnürte ihr die Luft ab. Das Geld reichte absolut nicht für seinen Flug nach Deutschland und schon gar nicht für zwei Flüge nach Atlanta. Er schien auch nicht besonders traurig darüber; wenn mal eine E-Mail kam oder sie per Skype redeten, war er immer total begeistert, erzählte von Judy und Rob, seinen Gasteltern, die anscheinend lauter tolle Sachen mit ihm unternahmen, sowie von Clayton und Dave, seinen Gastbrüdern, mit denen er sich auf Anhieb super verstanden hatte. Natürlich freute sich Melanie, dass ihm das Austauschjahr so gut gefiel, aber sie vermisste ihn ganz furchtbar, und ohne ihn als eine Art Katalysator artete ihre Beziehung zu ihrer Tochter ganz einfach aus. Das alles kam zusammen und Melanie bewegte sich seit Wochen nervlich auf ganz dünnem Eis. Als sie neulich so auf ihren Nachbarn eingeschlagen hatte, war sie über sich selbst erschrocken und über die Aggression, die in ihr steckte. Der Typ war aber auch merkwürdig; natürlich hatte sie sich dafür entschuldigt, dass er von ihren Streitigkeiten geweckt worden war, aber er war eindeutig total verkatert gewesen und hatte nach Bier gestunken wie der letzte Penner. Ach, wenn man vom Teufel sprach: Direkt vor ihr ging er durch die Eingangshalle, mit zwei leeren Bierkästen und – aus dem Geklirre in der Tasche zu schließen – einigen leeren Schnapsflaschen. Ob sie Niklas mal darauf ansprach? Es war doch eigentlich eine gute Hausgemeinschaft hier, da wollte sicherlich niemand einen Säufer haben. Noch ein Problem mehr, um das sie sich kümmern müsste – der Tag fing ja wieder mal großartig an.Heiligabend, 17:45 UhrMelanie presste mit Daumen und Zeigefinger ihre Augenwinkel zusammen. „Entschuldige, Niklas, ich bin nur … ich wollte nur in Ruhe Heiligabend mit Carina feiern und die letzten Tage war sie auch ganz anders, hat alles ordentlich weggeräumt, war nicht mehr so zickig, sie hat mir sogar gebrannte Mandeln vom Weihnachtsmarkt mitgebracht, von ihrem Taschengeld. Und ich glaube, sie war sogar zweimal bei Herrn Lammers, einmal zum Tee und einmal zum Abendbrot, auch, wenn sie davon nicht viel erzählt hat. Und da habe ich angefangen, mich auf Weihnachten zu freuen und auf meinen Urlaub, auch wenn Johannes nicht da ist, und jetzt hat vorgestern Früh der Nachbar meines Vaters angerufen, weil Papa morgens um 7 im Schlafanzug auf dem Bürgersteig Laub harken wollte … Laub harken, im Dezember! Und ich glaube, ich muss ihn mal testen lassen, er ist jetzt im Krankenhaus, aber ich will das gar nicht, und jetzt, jetzt fällt auch noch der Strom aus ...“ Die letzten Worte hatte Melanie nur noch geschluchzt, und ehe er sich versah, hing sie in Niklas' Armen und weinte. „Okay, alles gut, alles gut,“ murmelte er und hielt sie ein bisschen fest. Es war schon etwas merkwürdig, so im dunklen Flur, nur von der batteriebetriebenen Girlande am Treppengeländer erleuchtet, zu stehen, denn die Kerzen und Windlichter in seiner Wohnung reichten nicht bis hier. Und natürlich ging nun unten eine Tür auf und es kamen Schritte nach oben, begleitet von tanzendem Taschenlampenlicht. Niklas überlegte schnell: wenn er Melanie jetzt losließe, sähe es aus, als hätte man sie ertappt, also blieb er einfach so, wie er war. Melanie hörte sowieso nicht, dass jemand kam. Es war Karl Lammers mit gewohnt sauertöpfischer Miene – der hatte Niklas gerade noch gefehlt.22. DezemberAuf einmal waren alle zuhause, und trotzdem blieb jeder wie immer für sich. Für Karl und Rosie änderte sich der Tagesablauf nicht, sie lebten ja unabhängig von Schulferien oder Urlaubstagen. Rosie musste sich heute auch nicht ins Einkaufsgetümmel stürzen, sie hatte ihren Kühlschrank längst für die Feiertage gut gefüllt. Kochschinken und Spargel im Glas, für die Schinkenröllchen, die bei ihr schon seit ewigen Zeiten zu Heiligabend gehörten. Mittlerweile eigentlich zu den beiden Feiertagen auch noch, denn sie machte immer ein kleines Büffet fertig, ganz für sich allein, mit ihren Lieblingssachen. Geflügelsalat, den würde sie morgen schon machen, damit er richtig gut durchzog. Drei richtig dicke Portionen würde sie machen, und auch noch eine vierte Portion dieses Jahr, die sie Karl einfach ungefragt aufdrängen würde. Der würde sonst Weihnachten grantiert nur bei Butterbrot und Apfelsaft verbringen. Dann noch die Schinkenröllchen und gefüllte Eier, Gouda und Weintrauben für Käsespieße hatte sie ebenfalls schon besorgt, ganz frisch vom Markt, das hielt sich ein paar Tage. Ihren Vorratsraum hatte sie gut bestückt mit Gewürzgürkchen, schwedischen Heringshappen und natürlich einem ziemlich großen Berg an Lebkuchen, Pfeffernüssen und Printen. Rosie backte nicht gern, hatte sie noch nie getan, aber dafür futterte sie Weihnachtsgebäck umso lieber. Einen Weihnachtsbaum hatte und wollte sie nicht, dafür steckten in ihrer Bodenvase lange Tannen- und Kiefernzweige, die sie mit Strohsternen dekoriert hatte und die herrlich dufteten. Ein Sortiment an Bienenwachskerzen vom Weihnachtsmarkt stand auf der Anrichte, und mehr brauchte sie nicht zum Weihnachtsglück. Für Rosie konnte Heiligabend kommen.Maik wachte auf und blickte auf den Wecker: halb zehn, oh nein … aber dann entspannte er sich, denn heute war ja sein erster von zehn herrlichen Urlaubstagen. Das Gespräch mit Ralf und auch mit Dirk war ihm sehr schwer gefallen, aber es hatte gut getan. Beide waren erleichtert, als er sich entschuldigte und zugab, dass er seinen Alkoholkonsum tüchtig unterschätzt hatte und von nun an vorerst nichts Alkoholisches mehr trinken würde. Er wollte zuerst selbst versuchen, den Dreh zu bekommen und war auch sehr zuversichtlich, aber Ralf und Dirk sagten ihm auch ihre Unterstützung zu, falls er Hilfe bräuchte. Seit er seine Alkoholvorräte weggeschüttet hatte, hatte Maik keinen Alkohol mehr angefasst, weder zum Trinken, noch in Pralinenform, und es war für zwei Tage wirklich sehr schwer gewesen. Doch mittlerweile ging es prima und er merkte, dass er besser schlief, sich wieder konzentrieren konnte und er nicht mehr so gereizt war. Heute würde er seine Wohnung einmal gründlich auf Vordermann bringen und durchputzen und heute Nachmittag einkaufen fahren. Auch, wenn Weihnachten für ihn nichts Besonderes war, liebte er Marzipankartoffeln und gedachte, sich mindestens zehn Tüten davon zu kaufen. So ein bisschen Ersatzbefriedigung musste ja schließlich sein. Carina wachte gegen 9 Uhr auf, endlich Ferien. Endlich in Ruhe ins Badezimmer, ohne Stress und Hektik. Eigentlich dachte sie, dass ihre Mutter heute auch schon Urlaub nehmen wollte, aber sie war nicht da und auf dem Küchentisch lag nur ein gekritzelter Zettel: „Musste weg, erzähle ich dir später. Kuss, Mama“, naja, wahrscheinlich doch noch was in der Redaktion. Carina war das nur recht, so hatte sie die Wohnung für sich alleine und konnte laut Musik hören und ausgiebig duschen. Später wollte sie dann in die Stadt und noch ein bisschen bummeln. Und vielleicht schaute sie zur Abendzeit noch mal kurz bei Herrn Lammers – Karl, wie sie ihn jetzt nennen sollte, aber das fühlte sich noch ein bisschen merkwürdig an – vorbei und half ihm mit dem Abendbrot. So oberlehrerhaft er nach wie vor war, eigentlich war er ziemlich cool und sein Sarkasmus war einfach oberklasse. Schade, dass er nicht ihr Opa war, mit dem konnte Carina nicht wirklich was anfangen und sich richtig unterhalten schon gar nicht. Ach, aber eine Kleinigkeit musste sie ihm trotzdem noch besorgen, vielleicht einen schönen Kalender oder so etwas. Aber jetzt erstmal in Ruhe frühstücken und mit ihren Freundinnen chatten.„Meine Güte, Isa, du bleibst doch nur eine Woche weg. Was schleppst du denn alles mit zu Jens?“ fragte Matz lachend, als er Isas riesige Reisetasche, den Rucksack und die Stofftasche sah, die sie in den Flur gestapelt hatte. „Hör auf zu nerven und pack die Sachen lieber schon mal ins Auto. Wenn ihr mich schon zum Zug bringt, könnt ihr auch die perfekten Chauffeure spielen, oder?“Gutmütig schimpfend trugen Sven und Matze die Sachen zum Auto und brachten Isa pünktlich zum Zug. Am 30. Dezember würde sie wiederkommen, pünktlich zur Silvesterparty an der Uni, aber bis dahin gehörte die Wohnung Matz und Sven alleine. Darum fuhren sie auch direkt vom Bahnhof aus in die Stadt, stürzten sich in den Supermarkt-Wahnsinn und besorgten alles, was sie für die kommende Woche brauchten. Und da sie beide in den letzten Wochen ziemlichen Mist gegessen hatte, schlugen sie in der Obst- und Gemüseabteilung heftig zu, Berge von Feldsalat und roter Paprika für Svens grandiosen Salat, Mozzarella und die Tomaten, die noch halbwegs aromatisch aussahen für Dezember, zwei große Netze Apfelsinen und noch weiteres Obst. Der Wagen füllte sich im Handumdrehen und irgendwann fragte Matz: „Sag mal, Sven, du weißt schon, dass am 27. Dezember die Läden wieder öffnen, oder?“ Sven schaute ihn an, grinste anzüglich und sagte: „Ich habe aber eigentlich nicht vor, die Wohnung vor dem 30. Dezember zu verlassen, und du?“ Matz zwinkerte ihm zu und schmiss noch 2 Pakete Lebkuchen in den Wagen. „Ich auch nicht,“ antwortete er und grinste zurück.„Sarah, wir haben es geschafft! Dieses Jahr haben wir uns selbst übertroffen – die Nusswölkchen sind himmlisch, das werden meine neuen Lieblingsplätzchen.“ Michael wollte sich ein weiteres der noch heißen Plätzchen vom Blech nehmen, aber Sarah schlug ihm auf die Finger. „Papa! Es reicht jetzt, die sind für Heiligabend!“ Michael schaute sich in der Küche um: zwei Backbleche mit frischen Plätzchen, zwei Kuchengitter mit schwarz-weiß-Gebäck zum Abkühlen, und dazu im Vorratsraum noch drei große Dosen mit Vanillekipferln, Schokokränzen und Mandelkrachern. Viel zu viel für sie beide, sie würden – wie jedes Jahr – bis in den Februar hinein Kekse essen. Aber die große Backorgie vor Weihnachten, die am Wochenende vorher startete und sich durch die ganze Woche zog, war ein liebgewonnenes Ritual. Michael hatte irgendwann aus Pflichtbewusstsein angefangen, mit Sarah Weihnachtsplätzchen zu backen, ein kleines Blech Ausstechplätzchen, so wie sie auch Ostereier färbten und Laternen bastelten – einfach, weil er ihr diese Kindheitserinnerungen ermöglichen wollte. Und zu seinem eigenen Erstaunen hatte er totalen Spaß am Backen entwickelt, so dass sie mittlerweile über Ausstechplätzchen schon weit hinaus waren. Jedes Jahr wälzten sie Backbücher und scrollten sich durch Back-Blogs, diskutierten über neue Rezepte und fanden immer raffiniertere Sorten, die sie ausprobieren wollten. Sarah bewegte sich für ihre sieben Jahre in der Küche so umsichtig und war echt organisiert, dass er ihr so gut wie gar nicht helfen musste und sie einfach eine wunderbare Zeit zusammen hatten. Im Hintergrund liefen Weihnachtsklassiker, zu denen sie laut und schief mitsangen. Und wenn er sich seine Tochter so anschaute, in der viel zu großen Schürze, die einmal ihrer Mutter gehört hatte, die sie nie kennenlernen durfte, mit Mehl in den Haaren und Schokolade in den Mundwinkeln, wie sie mit roten Wangen Teig zu Kugeln formte und dabei „walking in a winter-wonderlaaaaaaand“ schmetterte, dann wusste er, dass er alles verdammt richtig gemacht hatte.Karl zog sich mühsam an, aber so langsam bekam er Routine. In zwei Tagen war Heiligabend und dann war schon wieder ein Jahr fast vorbei. Er wurde nächstes Jahr 73, war noch rüstig und geistig fit. Trotzdem fragte er sich manchmal, wie es weitergehen würde mit ihm. Seine Wohnung war gut, er hatte seine Ruhe, wie er es wollte. Allerdings musste er zugeben, dass diese Ruhe doch manchmal zur Einsamkeit wurde. Besonders, wenn die Tage überwiegend dunkel und lang waren, wusste er nicht so recht was mit sich anzufangen. Radio und Zeitung boten Ablenkung, aber nicht den gesamten Tag. Er hatte vor kurzem Netflix für sich entdeckt, denn dort konnte er wunderbare Dokumentationen zu allen möglichen Themen genau dann anschauen, wann es ihm passte. Allerdings war er neulich zum ersten Mal vor dem Fernseher eingeschlafen, weil eine Dokumentation bis 23:00 Uhr ging. „Genapflixt!“, sagte er halblaut vor sich hin und schnaubte. Ein bisschen beneidete er Rosie für ihren sportlichen Tagesanfang, denn als er gestern seine Wäsche aus dem Trockner geholt, ungeschickt gefaltet und mühsam nach oben getragen hatte – er musste jetzt öfter waschen, da seine Garderobenauswahl durch den Gips wirklich begrenzt war – war er schon ziemlich aus der Puste. Früh wach war er sowieso, aber sich jetzt in seinen Sportanzug zu kleiden und durch die Felder zu gehen, nein, das fand er albern. Mal schauen, ob es im nächsten Jahr etwas gab, das er in Angriff nehmen konnte, um fit zu bleiben. Und er musste sich auch eingestehen, dass er die beiden Nachmittage mit Carina wirklich als belebend empfunden hatte. Seitdem ertappte er sich, dass er die Ohren spitzte, sobald Geräusche im Hausflur zu hören waren. Wenn dann die Eingangstür ins Schloss fiel, war er immer enttäuscht, dass es nicht an seiner Tür geschellt hatte. Er sah auf die Uhr: 10:30 Uhr. Ein langer Tag lag vor ihm. Ein Blick in den Kühlschrank und in den Vorratsraum zeigte ihm, dass er wohl doch vor den Feiertagen noch einmal einkaufen musste. Er hatte es bis jetzt vermieden, mit dem Gipsarm rauszugehen, denn die neugierigen Blicke brauchte er nicht. Er hatte auch Angst, in eine Situation zu geraten, in der er auf fremde Hilfe angewiesen wäre. Trotzdem musste er Brot, Aufschnitt, Butter, Milch, Saft und andere Grundnahrungsmittel kaufen, es nützte ja alles nichts. Beim Gedanken, wie voll sein Korb werden würde und wie er ihn transportieren sollte, wurde ihm unbehaglich. Doch dann hatte er eine Idee, die ihn gleichzeitig verlegen und aufgeregt machte. Schnell griff er seinen Hausschlüssel und ging in Hausschuhen die Treppe nach oben. Ja, er musste definitiv etwas für seine Kondition tun, aber ein bisschen klopfte sein Herz auch aus Angst vor ihrer Reaktion. Karl holte noch einmal tief Luft, nahm seinen Mut zusammen und klingelte an Carinas Tür.HeiligabendKarl kam die Treppe hoch und sah Niklas in Umarmung mit Carinas Mutter. Als er unterdrücktes Schniefen hörte und Niklas' etwas hilflosen Blick sah, schätzte er die Situation gleich richtig ein. Hier unterbrach er kein heimliches Stelldichein, also räusperte er sich und sagte: „Niklas, gut, dass ich Sie antreffe. Natürlich können Sie nichts für den Stromausfall, aber ich frage mich trotzdem, ob Sie schon Neuigkeiten haben? Langsam wird es kühl in meiner Wohnung, das Thermometer ist über Tage ja kräftig gefallen, wissen Sie schon, wann der Strom wieder da ist?“ Leicht ertappt und peinlich berührt fuhr Melanie zurück und trocknete sich die Augen, aber Karl nickte ihr nur neutral zu. Niklas erzählte kurz, was er wusste, als gegenüber die Tür aufging und auch Carina dazukam, sie hatte die Stimmen gehört. „Hallo, Karl, hallo Niklas. Na, hast du alle Einkäufe gut verstaut?“ fragte sie Karl, worüber Melanie sich sehr wunderte. Was für Einkäufe? Und seit wann duzte Carina Herrn Lammers? Karl wurde ein bisschen rot, sofern sie das im Licht seiner Taschenlampe erkennen konnte. Er nickte und sagte: „Ja, alle Schränke wieder voll. Und die Putenbrust, die du mir statt der Salami aufgeschwatzt hast, schmeckt tatsächlich gut.“ Melanie verstand nur noch Bahnhof, als Carina jetzt zufrieden grinste. Karl sprach weiter, diesmal zu Niklas gewandt: „Ich meine, es ist jetzt fast 18:00 Uhr, mich interessiert Heiligabend ja nicht groß, aber wenn der Strom nicht wiederkommt, kann ich entsprechend planen.“Nun ging die andere Tür auf der Etage auf, denn auch Matze und Sven hatten die Stimmen im Flur gehört und wollten mal schauen, was los war. Sven hatte eine Campinglampe dabei, die mehr Licht spendete als Herrn Lammers' Taschenlampe und so konnten sich alle besser sehen. Karl erstarrte, es war das erste Mal, dass er den beiden nach seinem Unfall über den Weg lief. Aber Matze nickte nur grüßend in die Runde und fragte ihn ohne jeglichen erkennbaren Unterton: „Hallo, ihr alle, guten Abend, Herr Lammers. Wie geht es Ihrem Arm, haben Sie noch Schmerzen?“ „Hm, guten Abend, nein, alles gut, danke der Nachfrage.“ murmelte Karl in Richtung Fußboden.„Das freut mich. Und wenn Sie irgendwie mal zum Arzt müssen oder so, melden Sie sich bitte, wir fahren Sie gern.“ „Ja, nein, ich meine, zu meinem Arzt kann ich mit der S-Bahn, aber vielen Dank,“ antwortete Karl und fühlte sich langsam wieder sicherer. War ja doch eigentlich alles ganz normal und Matze war wirklich ein netter junger Mann.Auch Sven und Matze wurden aufgeklärt, dass es nichts Neues zu berichten gab, aber sie hatten sich das schon gedacht: „Kein Problem,“ sagte Sven, „wir haben die Campingleuchte und Batterien genug, im Notfall auch noch irgendwo ein paar Kerzen, unsere Lebensmittel können wir auf dem Balkon lagern, kalt genug ist es ja draußen mittlerweile. Irgendwann wird der Strom ja wiederkommen. Und eigentlich ist es auch ganz entspannt und romantisch, oder?“ fragte Sven an niemand Bestimmten gewandt. Karl sah etwas verlegen zu Boden, an Romantik wollte er generell nicht gerne denken und in Verbindung mit Sven und Matze schon mal gar nicht. 'Romantisch?' dachte sich Melanie. Für sie war es bisher nur ein weiterer Stein auf ihrer Seele gewesen, Carina hatte schon gefragt, was denn jetzt mit Bescherung und so wäre, da hatte Melanie nur gereizt „Weiß ICH doch nicht!“ gezischt, weil sie gedanklich bei ihrem Vater war, der nun über die Feiertage stationär ins Krankenhaus gekommen war. Na, wenigstens gab es dort Notstrom, das war immerhin eine Sorge weniger. Romantisch … Melanie schaute zu ihrer Tochter, die ebenfalls in ihre Richtung sah. Vielleicht war es das, vielleicht sollten sie gleich einfach eine Menge Kerzen anmachen und einfach alles Andere so nehmen, wie es kam? Mittlerweile quatschte Niklas munter mit Matze und Sven über Studium und Hausarbeiten, nur Herr Lammers stand etwas unglücklich in der Gegend herum.„Manno, Papa, das ist total doof mit dem Strom. Alles ist dunkel und ich will jetzt Bescherung machen!“ sagte Sarah mit verdächtig zitternder Stimme. Für sie war Heiligabend einer der schönsten Tage im Jahr, auf den sie lange hinfieberte, und nun stand ihr Vater am Fenster, starrte in die Dunkelheit und machte irgendwie überhaupt nichts. „Sarah, Mäuschen, ich weiß doch auch nicht, was wir jetzt tun sollen. Vielleicht ist der Strom ja in ein paar Minuten wieder da ...“ „Das hast du schon drei Mal gesagt! Ich will jetzt, dass alles so ist wie immer!“ sagte Sarah und fing an zu weinen. Michael nahm sie in den Arm und wollte sie gerade trösten, als es an der Haustür klopfte. Vor der Tür stand Rosie, in der Hand ein Windlicht, das sanftes Licht aussandte, und in der anderen Hand ein kleines Päckchen. Sie wollte eigentlich nur ihrer kleinen Freundin eine Kleinigkeit zu Weihnachten bringen, die sie neulich in der Stadt gekauft hatte, aber als sie nun das weinende Kind mit dem hilflosen Vater sah und von oben die Stimmen fast aller restlicher Hausbewohner hörte, hatte sie plötzlich eine Idee. „Sarah, Michael, kann ich kurz was mit euch besprechen? Was haltet ihr davon, wenn wir ...“ und während sie aufgeregt weitersprach, hörte Sarah erst auf zu weinen, schniefte dann nur noch und nickte schließlich begeistert. „Au ja, das machen wir, ja, Papa? Komm, wir holen die anderen!“ Michael war sich gar nicht so sicher, ob das eine gute Idee war, aber Sarah zog schon ihre Schuhe an und kramte ihren Laternenstab vom Martinssingen aus der Garderobenschublade. Also schaute Michael Rosie an, zuckte mit den Schultern und sagte. „Von mir aus … mehr als fragen können wir nicht.“Melanie wollte Herrn Lammers gerade unverbindlich ansprechen, vielleicht noch mal fragen, ob er von ihrer Versicherung schon gehört hätte, da kam ein kleiner Trupp Leute die Treppe hoch. Allen voran Sarah, mit wild baumelndem Laternenstab, der geisterhafte Schatten an die Wand warf. Sie nahm zwei Stufen auf einmal und als sie oben angekommen war, rief sie, bevor Rosie oder Michael noch etwas sagen konnten, laut und deutlich: „Wir feiern eine Weihnachtsparty!“In die darauffolgende verblüffte Stille ging nun noch Maik Bührings Tür auf, er musterte den kleinen Menschenauflauf neben seiner Wohnung und fragte: „Was ist denn hier los?“ Und auf einmal redeten alle durcheinander.Heiligabend, 22:12 UhrNiklas stand in der Tür zum Aufenthaltsraum und betrachtete für einen Moment mit zufriedener Verwunderung die Szenerie. Er war kurz rausgegangen, um noch mal bei den Stadtwerken anzurufen, schließlich war es mittlerweile nach 22:00 Uhr. Dort wurde ihm gesagt, dass das durchgeschmorte Ersatzteil geliefert worden war und nun eingebaut würde, es sollte also in absehbarer Zeit vorbei sein mit dem Stromausfall. Eigentlich wollte er die gute Nachricht an die anderen weitergeben, aber nun schaute er einfach nur in die Runde. Nach Sarahs Ruf hatten sich alle erst verblüfft angeguckt, aber dann hatte sich in Windeseile eine unglaubliche Dynamik entwickelt: Flur und Treppe wurden mit Windlichtern und Taschenlampen halbwegs beleuchtet, die batteriebetriebene Lichterkette in der Girlande am Geländer tat ihr Übriges. Und dann wuselten alle durchs Haus und in die verschiedenen Wohnungen, um alles vorzubereiten. Rosies Bodenvase mit dem Weihnachtsstrauß wurde in den Aufenthaltsraum getragen, den Carina mit Kerzen und Windlichtern erhellte. Die Tische wurden zusammengestellt, Matze und Sven holten ihren Campingtisch, den sie als Buffet an die Wand schoben. Und was für ein Buffet es war, jeder improvisierte aus den vorhandenen Zutaten, alle halfen sich, und Herr Lammers, der ja nicht wirklich mithelfen konnte, übernahm die Oberaufsicht und trieb alle mit seinen Ratschlägen und „Ich würde den Käse ja zuerst in Streifen schneiden ...“-Kommentaren in den Wahnsinn. Draußen auf der Terrasse stand ein Campingkocher, auf dem Maik alkoholfreien Weihnachtspunsch erhitzte, den sie aus verschiedenen Säften, Gewürzen und Herrn Lammers' Weihnachtstee zusammengemischt hatten. Rosie sorgte routiniert für Schinkenröllchen und Co, während mitten auf dem Buffet eine große Schüssel Geflügelsalat thronte, den sie am Tag zuvor schon zubereitet hatte. Sven und Matze machten Svens Feldsalat mit roter Paprika und Walnüssen, Melanie hatte morgens schon den Kartoffelsalat fertiggemacht und wartete nun darauf, dass sie auf dem Campingkocher die Würstchen heiß machen konnte. Sarah schnibbelte Obstsalat, Michael verteilte sämtliche Plätzchen, Lebkuchen, Marzipankartoffeln und weitere Leckereien auf bunte Teller … irgendjemand stimmte immer wieder ein Weihnachtslied an und aus den offenen Wohnungen erklangen Stimmengewirr und Gelächter.Gegen 20:00 Uhr war dann alles vorbereitet, bunt gemischtes Geschirr und Besteck standen auf dem Buffet, der Tisch war von Carina und Maik richtig festlich gedeckt worden mit Teelichtern im Glas auf einer schönen Tischdecke und den kleinen Keramik-Engeln, die ihre Mutter seit Jahren sammelte. Karl ging prüfend um den Tisch herum und rückte das Besteck gerade, aber irgendwann hatte selbst er nichts mehr zu meckern. Als alle am Tisch saßen, gab es dann doch einen kleinen, etwas peinlichen Moment, aber da nahm Sarah schon ihr Glas, stieß es gegen Michaels und sagte: „Fröhliche Weihnachten!“, worauf alle lachend einstimmten. Es wurde gegessen und getrunken und irgendwann schlich Niklas sich raus, weil ihm der Jutesack im Keller wieder eingefallen war. Als er etwas später im kompletten Weihnachtsmannkostüm mit Sack über der Schulter und lautem „Ho-ho-ho, wart ihr alle artig?“ wieder reinkam, war das Gelächter groß, auch wenn Karl  etwas von 'amerikanischer Verballhornung von Knecht Ruprecht' murmelte. Schnell holten Melanie, Carina, Michael und Sarah noch die Geschenke für ihre Liebsten dazu, so dass es sogar eine richtige Bescherung gab. Nun, eine gute Stunde später, saßen alle in losen Grüppchen zusammen, Sven hatte seine Gitarre geholt und spielte leise Melodien im Hintergrund. Matze saß neben ihm auf dem Sofa und unterhielt sich mit Maik Bühring. Sie heckten irgendwelche Pläne aus, wie sie im kommenden Jahr den Garten auf Vordermann bringen wollten und Maik und Sven hatten schon etwas zerknirscht zugegeben, dass sie es ja mit der Arbeit im und am Haus bisher nicht so genau genommen hatten und das im nächsten Jahr ändern würden. Rosie und Karl saßen mit Carina und Melanie zusammen. Rosie hatte Karl überredet, am nächsten Tag nachmittags mit ihr eine Runde spazieren zu gehen und ihm angeboten, im Frühjahr mit ihm gemeinsam einen Nordic-Walking-Kurs mitzumachen. Ihr würde es auch nicht schaden, ihre Technik noch mal zu überarbeiten, das war jedenfalls ihr Argument. Carina wollte sich einen festen Tag in der Woche ausgucken, an dem sie Karl nachmittags besuchen würde und an dem er ihr in Latein auf die Sprünge helfen würde. Ein bisschen mulmig war Carina bei dem Gedanken schon, aber sie konnte Lateinnachhilfe wirklich gebrauchen und vielleicht brachte Karl sie ja auf eine stabile Vier. Melanie schaute öfter mal unauffällig zu Maik Bühring hinüber. Wenn er so lebhaft gestikulierte und im Kerzenschein mit sicherer Hand Skizzen auf seinen Block warf, war er doch ein ganz anderer Mensch als der … nun ja, fast schon Penner, der neulich vor ihrer Tür gestanden hatte. Ihr fiel auf, dass er den ganzen Abend keinen Alkohol angerührt hatte, obwohl auch Bier, Wein und Sekt zur Verfügung standen. Vielleicht hatte sie sich doch in ihm getäuscht? Sie fasste sich ein Herz und schlenderte beiläufig zu der Gruppe in der Sofa-Ecke hinüber. Als sie sich in den letzten freien Sessel setzte, sah Maik kurz auf und wurde – zu ihrer heimlichen Freude – etwas rot, bevor er sich räusperte und weiter über heimische Ziersträucher und Natursteinmauern referierte. Niklas sah auf die bunte Truppe, nein, auf das Mehrgenerationen-Wohnprojekt, und zum ersten mal in den gut zwei Jahren, die alle hier wohnten, war wirklich etwas von einer Gemeinschaft zu spüren. Niklas verspürte einen Anflug von Hoffnung und nahm sich vor, diesen Weihnachtsgeist mit ins neue Jahr zu nehmen und darauf zu achten, dass alle Pläne, die heute Abend geschmiedet wurden, auch zur Umsetzung kamen. Gerade holte er Luft, um die Nachricht von den Stadtwerken loszuwerden, da gingen draußen die Straßenlaternen wieder an und im Haus piepten sämtliche Elektrogeräte, die in Ladestationen standen. Und wieder war es Sarah, die in die plötzliche Stille hinein nach einem Blick nach draußen ganz laut rief: „Guckt mal alle raus, es schneit!

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